VfB Stuttgart gegen den Hamburger SV – am Sonntag kommt es zum Duell zweier Traditionsclubs. Welche Rolle spielt diese Art von Vereinen im modernen deutschen Fußball?
Vermutlich sind es nur noch ein paar Wochen – dann sind die Top Ten der ewigen Tabelle der Bundesliga auch aktuell wieder beisammen im Fußball-Oberhaus. Der Hamburger SV ist seit dem vergangenen Sommer zurück, nun steht der FC Schalke 04 auf Platz eins der zweiten Liga. Mit besten Aufstiegschancen. Es wäre: die Rückkehr eines weiteren Traditionsvereins. Was auch Alexander Wehrle zufrieden zur Kenntnis nehmen würde.
„Ich freue mich über jeden Traditionsclub in der ersten Liga“, sagt der Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart AG – dem in dieser Hinsicht ein ganz nettes Aufeinandertreffen bevorsteht. Am kommenden Sonntag (17.30 Uhr) empfängt der VfB in der heimischen MHP-Arena den HSV. Zum ersten Mal seit dem Duell in der Relegation im Frühsommer 2023.
Dass dieses Nord-Süd-Duell in den vergangenen Jahren entweder gar nicht, in der Relegation oder gar in der zweiten Liga stattgefunden hat, beschreibt ganz gut den Status vieler Vereine. Die zwar auf eine lange und teils ruhmreiche Historie zurückblicken, die sportliche Aktualität aber nicht wirklich geregelt bekamen. Man kann heutzutage bis hinunter in die Regionalligen blicken und findet klangvolle Vereinsnamen des deutschen Fußballs. Manche sind wieder nach oben gekommen, einige pendeln zwischen den Welten, nicht wenige dümpeln an der Schwelle zum Amateurlager mehr schlecht als recht.
Die Tradition und mit ihr einhergehende Erwartungen können dabei durchaus belasten. „Die äußeren Einflüsse sind bei Vereinen mit einer großen Tradition natürlich viel größer“, weiß auch Alexander Wehrle. Doch hat der Vorstandschef in seinen Jahren beim 1. FC Köln und seit 2022 wieder beim VfB Stuttgart auch gelernt und gezeigt, welche Vorzüge die Geschichte haben kann. Wenn man sie zu nutzen weiß.
Spielerpersönlichkeiten prägen die Clubs
„Die Traditionsvereine haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Emotionen erzeugt“, sagt Wehrle, „deshalb halten ihnen so viele Fans, Mitglieder und Dauerkarten-Inhaber die Treue.“ Die Emotionen sorgen für eine entsprechende „Wucht“, die diese Clubs entfalten können. Dazu komme meist eine „große Bedeutung“ in der jeweiligen Stadt oder Region. Und: „Diese Vereine wurden von großen Spielerpersönlichkeiten geprägt – auch das schafft eine emotionale Bindung.“ Die sich auch zeigt, wenn es mal schlechter läuft.
Logisch, dann kann sich die Wucht auch ins Negative umkehren – vielen Menschen ist es eben nicht egal, ob ihr Herzensclub vor die Hunde geht. Und gerade die Größen von gestern sind oftmals für eine öffentliche Meinung gut. Aber auch die Unterstützung versiegt in Krisenzeiten nicht.
Der VfB hatte in den beiden Zweitligaspielzeiten jeweils einen Zuschauerschnitt von über 50 000. Beim HSV kamen in den sieben Zweitligajahren im Schnitt nie weniger als rund 49 000 ins Volksparkstadion (Ausnahme die Corona-Spielzeiten). Und beim FC Schalke 04 waren es zuletzt immer über 61 000. Darauf lässt sich etwas aufbauen – obwohl der Weg in die Moderne bei den Traditionsclubs eben auch kritischer beobachtet wird als anderswo.
„Die Geschichte zu wahren und erlebbar zu machen, gleichzeitig aber auch Zukunft zuzulassen, das ist eine Herausforderung“, beschreibt Wehrle die Konflikte, die es rund um geschichtsträchtige Clubs und ihre oft traditionell veranlagten Fanlager geben kann. Der VfB-Chef weiß aber auch, dass es zu diesem „Spagat“ keine Alternative gibt: „Auch Traditionsvereine müssen sich stets weiterentwickeln.“ Zuletzt, so scheint es, ist das der Mehrheit der Traditionsclubs besser gelungen. Die Verdrängung durch wirtschaftlich privilegierte Emporkömmlinge scheint überschaubar. Nötig sind dabei laut Wehrle vor allem zwei Voraussetzungen: „Nahbarkeit, wirtschaftliche Stabilität und eine moderne Infrastruktur.“
Die hat der VfB mit dem Umbau der Haupttribüne der MHP-Arena und anderen Maßnahmen auf dem Clubgelände (Fitnesshalle) und gegenüber (neue Trainingsplätze für Frauen und Jugend) in den vergangenen Jahren geschaffen. Der Tross aus Hamburg betritt am Sonntag also auch Neuland – trotz all der Tradition von bislang 60 Gastspielen in Stuttgart.