Beim Weintreff in der Alten Kelter in Fellbach verkosten die Gäste am Wochenende die ganze Vielfalt der Region Remstal- Glas für Glas. Mehr als 250 Weine wurden ausgeschenkt.
Die Düsseldorfer Altstadt wird auch die „längste Biertheke der Welt“ genannt. Das Remstal kann beim Wein mit ähnlichen Superlativen aufwarten. Am Wochenende fand in der Alten Kelter in Fellbach einer der größten Weinveranstaltungen in der Region statt. Beim 28. Weintreff, organisiert vom Verein Remstal Tourismus, präsentierten 43 Weingüter und Genossenschaften aus dem Remstal – und seiner Randgebiete – sowie andere Genusshandwerker, darunter erstmals eine Familienbrauerei, ihre besten flüssigen Produkte.
Die Herkunftsbezeichnung „Region Remstal“ ist seit 2025 offiziell anerkannt. Unter dem spektakulären Fachwerkdach der Fellbacher „Kathedrale des Weins“ wartete eine Genießerreise durch die Vielfalt von Rebsorten, Weinlagen und Stilrichtungen auf die Besucher. Den Weinliebhaberinnen und -liebhabern sowie dem Fachpublikum wurden mit mehr als 250 Weinen – Weiße, Rosés und Rote – ein umfassender Überblick über die Vielfalt in der Region Remstal geboten. Und für jeden Geschmack war etwas dabei: vom VdP-Ortswein Trollinger Schorndorf trocken aus dem Weingut Ellwanger in Winterbach über den halbtrockenen Rosé „Fräulein“ von Kern-Weine in Kernen-Rommelshausen bis hin zum Spätburgunder Großes Gewächs, Fellbacher Lämmler, VDP, Große Lage vom Weingut Heid.
Mehr trockene als fruchtige Weine im Ausschank
Bei der offiziellen Eröffnung am Samstag feierten die geladenen Gäste die Ernennung von Pierre-Enric Steiger, dem Präsidenten der Björn Steiger Stiftung, zum „Remstäler des Jahres 2026“. Alle anderen stürzten sich sofort ins Vergnügen, schlenderten genießerisch von Stand zu Stand, probierten von allem ein bisschen und machten sich eifrig Notizen. Auch wenn dem einen oder anderen Gast mit zunehmender Verweildauer das unfallfreie Hantieren mit Stielglas, Katalog und Kugelschreiber doch etwas Mühe bereitete.
Überwiegend wurden trockene Weine zur Verkostung ausgeschenkt. Halbtrockene oder gar fruchtige Varianten hatten die Betriebe weniger mitgebracht. Ein Restaurantfachmann und bekennender Weinliebhaber aus Waiblingen fand die angebotene Auswahl völlig in Ordnung. „Trocken ist ok, der Wein soll nur nicht hart und flach sein“, sagte er. Hansjörg Aldinger vom gleichnamigen Fellbacher Weingut sieht bei der Veranstaltung einen Trend hin zu „weicheren Weinen mit weniger Alkohol und Fett“.
Nicht jeder geht den Trend in Richtung alkoholfreien Wein mit
Jochen Beurer vom Weingut Beurer aus Kernen-Stetten bevorzugt „eine dezente Restsüße, weil die dem Wein gut tut“. Der Wengerter hatte sogar zwei feinfruchtige Varianten zum Weintreff mitgebracht, die Weißwein-Cuvée namens „Gertrud“ und den Riesling „Mal anders“. Den Trend weg von allzu trockenen Weinen gehe er gerne mit, sagte Beurer. Nicht aber jenen in Richtung alkoholfreien Wein. „Wir machen stattdessen unsere Rieslingbrause.“ In Zusammenarbeit mit der Manufaktur Jörg Geiger, unter anderem bekannt für den Bratbirnen-Schaumwein, sei sie kreiert worden, so der Wengerter: „Mit Rieslingtrauben und Auszügen von Birkenblättern, verschiedenen Weinbergskräutern und Holunderblüten.“
Mit und ohne Alkohol, aber immer etwas ganz besonderes, sind die Getränke, die der Biersommelier Udo Mayer in seiner „Ferment Manufaktur“ in Weinstadt-Großheppach zusammenbraut. Beispielsweise das Ingwer-Bier, das gar kein Bier ist, sondern eine aromatische und aus lauter natürlichen Zutaten hergestellte Limonade mit einem Alkoholgehalt von 0,5 bis 1 Prozent. „Auch das Grape Ale ist kein Hybridbier. Denn der Traubensaft wird bei der Vergärung zugesetzt“, sagte Udo Mayer.
Mit hochprozentigen Gärungsprozessen kennt sich Jonathan Seiz, Juniorchef der Mosterei Seiz aus Straßdorf bei Schwäbisch Gmünd aus. „Unser sortenreiner Quittenmost hat 7,5 Prozent“, sagte er. Und weil die herben Alkoholika gut liefen, würden sie ihre „Mostlinie“ noch ausbauen.
Bei acht Weinproben wurde viel Wissen vermittelt
Für alle die, die nicht nur Genuss sondern auch Wissen suchten, gab es acht kommentierte Weinproben mit Harald Scholl. Der Chefredakteur der Fachzeitschrift Vinum sprach über „Riesling und Herkunft“, präsentierte „Chardonnay und Burgunderstil“ oder „Lemberger in fünf Facetten“. „Der Lemberger wird gerne noch ein bisschen zu jung getrunken, der verträgt leicht zehn Jahre Lagerung. Ich mag gerade den 2014er-Jahrgang“, sagte der Norddeutsche, den es schon vor mehr als drei Jahrzehnten in den Süden verschlagen hat.
Dass beim Fellbacher Weintreff auch die Heubacher Hirschbrauerei unter die Weinmacher geraten war, mochte auf den ersten Blick verwundern. „Wir sind seit einem Jahr Mitglied bei Remstal-Tourismus und sehr nett aufgenommen worden“, erklärte Thomas Mayer von der Inhaberfamilie den Zusammenhang. Die Einladung eines Bierbrauers auf eine Weinverkostung sei zudem nicht ganz uneigennützig, erklärte Mayer anschließend mit einem Grinsen: „Es sind schon viele Weinmacher vorbeigekommen und haben ihren Besuch für später angekündigt. Nach so vielen Weinproben schmeckt ihnen halt ein kühles Bierchen am besten.“