Die VfB-Fans sind auf den Fernsehkoch Frank Rosin nicht mehr gut zu sprechen: Beim Heimspiel gegen Werder Bremen gab’s Banner mit rustikalen Ansagen auf der Tribüne. Foto: / privat

Mit einem Auftritt in der Serie „Rosins Restaurants“ wollte Andrea Wittekindt Werbung für ihre abseits gelegene Vereinsgaststätte beim Mercedes-Benz-Stadion machen. Aber vor der Kamera machte sie eine schlechte Figur. Was dann folgte, hat sie überwältigt.

Im ersten Moment war Andrea Wittekindt so geschockt, dass sie ihr Entsetzen im Internet kund tun musste. Die Pächterin der Vereinsgaststätte vom Stuttgarter Sportclub (SSC) war Ende Januar in der Sendung „Rosins Restaurants“ zu sehen. Statt der erhofften Werbung brachte ihr der Auftritt genau das Gegenteil. Ihren Eintrag auf Facebook hat sie schnell gelöscht – nicht nur, weil sie fürs Fernsehen einen 18-seitigen Vertrag unterschrieben hat, sondern vor allem, weil ihr viel Hass entgegen schlug. Zu dem Thema will sie nun nichts mehr sagen, ihr Bekannter Jean-Marc Lorber aber schon. Denn er hatte die Idee und hat nun ein schlechtes Gewissen. Immerhin gab es unerwartete Unterstützung: „Rosins NRW-Fresse mit Maultaschen stopfen“, stand auf einem Banner in der Cannstatter Kurve des VfB-Stadions.

 

Eigentlich war Jean-Marc Lorber ein Fan der Serie, denn meistens hilft der Sternekoch Frank Rosin anderen Kollegen, ihr Restaurant aufzupäppeln. „Das wäre doch spannend“, sagte er seiner Bekannten Andrea Wittekindt. Sie hatte die SSC-Gaststätte mitten in der Corona-Zeit im August 2020 von ihrem Chef übernommen, der das nur zu VfB-Heimspielen gut besuchte Lokal aufgab. Die 54-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Gastronomie – obwohl sie im Fernsehen als „eine ahnungslose Quereinsteigerin“ porträtiert wurde, ärgert sich ihr Bekannter. Überhaupt empört ihn, dass die Dreharbeiten, die er miterlebt hat, mit dem fertigen Film wenig zu tun haben.

Hatte die Filmcrew von Anfang an ein Drehbuch?

„Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass man jemand durch Szenenschnitte so emotions- und talentlos darstellen kann“, sagt der 44-Jährige. Er ist überzeugt, dass die Filmcrew von Anfang an ein Drehbuch hatte. Für jeden Take gab es genaue Anweisungen und dazwischen wurde Andrea Wittekindt oft hinausgeschickt. In einer Schlüsselszene ist beispielsweise zu sehen, wie eine Mitarbeiterin in der Küche um die Wirtin herumwuselt, die gerade von Frank Rosin befragt wird. „Soll ich etwas schneiden?“, hatte sie vorher vorgeschlagen. „Nein, bleib genau da stehen“, soll er geantwortet haben. Im Fernsehen wirke sie dann faul und „wie zur Salzsäule erstarrt“, ärgert sich ihr Bekannter.

Auch die Rolle der Maultaschen war für Jean-Marc Lorber eine Überraschung: Die schwäbische Spezialität löste nach fast 90 Minuten einen vermeintlichen Eklat und das Ende der Sendung aus. Die von Frank Rosin ausgewählten Testesser hatten dem Gericht die besten Noten gegeben, weshalb er Kochtipps gab, wie es zu verfeinern sei. Was niemand zu sehen bekam: Die SSC-Pächterin hatte ihm eine Auswertung aus ihrer Kasse vorgelegt, dass Schnitzel und Cordon bleu ihre Verkaufsschlager sind. Weil die Maultaschen in dem Moment aufgegessen waren, präsentierte sie ihm eine Speisekarte ohne das Gericht. „Jetzt steht sie als unbelehrbar da, dabei muss sie doch danach gehen, was die Gäste wollen“, sagt Jean-Marc Lorber.

Wüste Beschimpfungen am Telefon und in den sozialen Medien

Wenige Minuten nach der Ausstrahlung der Sendung klingelte bei Andrea Wittekindt unablässig das Telefon. „Wenn man keine Ahnung von Gastro hat, sollte man es lassen“, brüllte ein Mann ins Telefon. Auch per Mail und über die sozialen Medien wurde sie wüst beschimpft. Dass man ihre Kneipe schließen sollte, gehört noch zu den harmlosen Verunglimpfungen. Ihre Bewertung auf Google sank seither von 4,6 auf 3,9 Punkte. Ein Rezensent nannte sie „Schlaftablette“, ein anderer warf ihr vor, nur Küchengeräte abstauben zu wollen. Denn statt Gage gibt es für den Auftritt in der Sendung eine Renovierung und eine neue Ausstattung. „Wir waren naiv“, sagt Jean-Marc Lorber. Ihm sei klar gewesen, dass die Serie auf Kabel Eins Boulevardfernsehen sei, mit der „Hate-Welle“ hatte er jedoch nicht gerechnet.

Aber es meldeten sich auch die Betreiber vom Gasthaus Schütz im hessischen Langgöns, denn ihnen war es mit Frank Rosin genau gleich ergangen. „Nehmen Sie es sich nicht zu Herzen“, sagten die Leidensgenossen. Und beim Heimspiel gegen Werder Bremen bezogen die Ultrafans der Schwaben Kompanie mit ihren Bannern im Stadion Stellung. Äußern wollten sich deren Mitglieder dazu nicht. „Wir finden es nicht in Ordnung, dass man gegen ein Lokal schießt, in das wir alle gerne gehen“, sagt dafür Roswitha Utz vom Fanclub Cannstatt Fire. Beim jüngsten Heimspiel sei die Kneipe so voll wie immer gewesen. Und die TV-Testesser seien sicherlich keine Stammgäste gewesen, bestätigt Roswitha Utz, denn die wollten einfache Gerichte wie Schnitzel oder Currywurst. Maultaschen hätte beim jüngsten Heimspiel kaum jemand bestellt, obwohl sie wieder auf der Karte stehen – „und sehr lecker sind“.