Arbeitet seit einem Jahr an der Eröffnung ihrer Weinbar: Janina von Essen Foto: Lg/Julian Rettig

Die verschiedenen Welten von Behörden und Bar-Betreibern: Wenn Gastronomie aufgegebene Handelsflächen übernimmt, ist Geduld gefragt. Janina von Essen wartete ein Jahr auf die Nutzungsänderung für ihre Weinbar im Stuttgarter Dorotheenquartier.

Hätte Janina von Essen von Anfang an Miete bezahlen müssen, wäre sie längst pleite. Ein Jahr und einen Monat wartete sie auf die Nutzungsänderung für ihr Projekt. Wo früher Kleidung verkauft wurde, soll bald ihre VE Vinobar im Stuttgarter Dorotheenquartier eröffnen. „Mein größter Traum war immer, ein eigenes Lokal aufzuschließen“, sagt die 33-Jährige. Bei diesem Schritt fühlt sie sich von der Verwaltung aber „krass ausgebremst“. Nach Ansicht der Stadt wurden in ihrem Fall jedoch alle Fristen eingehalten und sogar Kulanz gezeigt. Dass Gastronomen nicht nur in Stuttgart Geduld aufbringen müssen, zeigt ein Beispiel aus Esslingen: Bis zur Eröffnung von der Bar Mehl’s Old Fashioned in einem historischen Kaufhaus vergingen eineinhalb Jahre. „Für jeden Antrag haben die Behörden drei Monate Zeit, und die nutzen sie auch“, sagt der Betriebsgründer Julian Hülsey.

 

Jeder Nachtrag kostet Geld

Für Janina von Essen ist das Dorotheenquartier eine „Traumlocation“ für ihre Weinbar. Jahrelang hatte sie nach einer Fläche gesucht. Den Mietvertrag für die ehemalige Boutique unterschrieb sie im März 2023, er war an die Nutzungsänderung geknüpft. Bei dem modernen Gebäude dürfte der Antrag kein Problem sein, dachte sie. „Aber die Uhr arbeitet gegen einen“, sagt Janina von Essen, die seit mehr als einem Jahr ausschließlich an der Eröffnung ihrer Bar arbeitet. Monatelang meldete sich ihrem Eindruck nach niemand von den Ämtern, für sie absurde Fehler wie falsch eingezeichnete Fahrradstellplätze seien zwischendurch moniert worden, wodurch sich der Prozess weiter verzögerte. Jeder vom Architekten neu gezeichnete Plan kostete wieder Geld, jedes nachgeforderte Gutachten – in ihrem Fall eine Schallschutzuntersuchung für 7000 Euro. „Ich weiß, dass ich in Deutschland lebe“, zeigt sie Verständnis für die Vorschriften. Dass Unternehmer wie Bittsteller behandelt würden, empfindet sie dennoch als unfair. Als geradezu willkürlich empfand sie die Antwort auf ihre beantragten Öffnungszeiten von 11 bis 23 Uhr: Zunächst wurde ihr eine Stunde am Abend gestrichen und erst auf Nachfrage zugestanden.

Unvollständige Anträge laut Stadtverwaltung

In dem Verfahren, das hauptsächlich vom Vermieter Breuninger betrieben wurde, räumt der Stadtsprecher Sven Matis zwar ein, dass die Eingangsprüfung im Baurechtsamt „nur mit Verzögerung“ erledigt werden konnte. Aber die lange Bearbeitungszeit nur auf den Personalmangel im Rathaus zu schieben, entspreche nicht den Tatsachen. Denn die Verwaltung habe die weiteren Fristen eingehalten und teilweise unterschritten. Die Bauvorlagen seien erst nach fünf Monaten vom Antragsteller vollständig abgeliefert worden, schiebt er die Schuld auch den Bauherren zu. „Die Behörde hat sogar Entgegenkommen gezeigt“, teilt Sven Matis weiter mit: „Die Behandlung der Außengastronomie wurde akzeptiert, ohne einen erforderlichen weiteren Antrag anzufordern.“

Foto: Ines Rudel/Ines Rudel

Die Antwort aus dem Esslinger Rathaus zu Mehl’s Old Fashioned klingt ähnlich wie die aus Stuttgart. Der Bauantrag sei von den Bauherren erst nach drei Aufforderungen und drei Monaten vollständig eingereicht worden, teil Marcel Meier von der Stadtverwaltung mit. Für die Öffnungszeit bis 2 Uhr fehlte eine Immissionsprognose. Nachdem alles vorlag, hätten die Ämter innerhalb von vier Monaten die Genehmigung für die Umwandlung des Kaufhauses in eine Bar erteilt. Marcel Meier empfiehlt Gastronomen eine behördliche Beratung, bevor sie ihr Projekt in Angriff nehmen, um lange Laufzeiten zu vermeiden. Wenn Vorhaben gegen Bauvorschriften verstoßen oder andere Behörden wie der Denkmalschutz beteiligt werden müssen, seien meist zusätzliche Unterlagen gefordert. Wobei er unbesetzte Stellen im Rathaus auch als Problem nennt.

Mit gleich zwei Ämtern hatten es Julian Hülsey und sein Mitgründer Alex Sirras zu tun – und aus Hülseys Sicht „war nicht klar, wer die Macht hat“. Als chaotisch empfand er beispielsweise die Gestaltung der Fensterfront. Die Mehl’s-Macher und ihr Vermieter bestellten entsprechend den Vorstellungen der Denkmalschutzbehörde das Glas, das den Originalzustand der Kaufhausfassade wieder herstellen wollte. Später erklärten die Mitarbeiter vom Bauamt, dass der Zugang barrierefrei gestaltet werden müsse. Diese Verfügung hatte nicht nur erheblichen Mehraufwand für den Glaser zur Folge, in das Lokal musste nachträglich noch eine Toilette für Rollstuhlfahrer eingeplant werden. Es sei einfacher gewesen, die Anforderungen für Brand- und Schallschutz zu erfüllen, weil ein externer Gutachter klar benannt habe, welche Maßnahmen erledigt werden mussten, macht Julian Hülsey den Unterschied in der Kommunikation deutlich.

„Für eine Immobilie wie unsere lohnt sich der Aufwand“, ist Julian Hülsey überzeugt – auch wenn es viel Nerven gekostet hätte. Wer schnell Geld verdienen müsse, sollte lieber in eine für Gastronomie bereits genehmigte Fläche einziehen. Er und Alex Sirras könnten den Gästen nun neben Cocktails auch Historie bieten. Mehl’s sei schließlich das Macy’s von Esslingen gewesen, „das größte und einzige Kaufhaus der Stadt“.