Alte Bekannte: Donald Trump und Benjamin Netanyahu im März 2019 bei einem Treffen im Weißen Haus. Foto: /Newscom World/ 

Die meisten Staaten im Nahen Osten rechnen mit einem Wahlsieg des ehemaligen US-Präsidenten – vor allem Israels Staatschef Netanjahu.

Der Nahe Osten stellt sich auf die Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus ein. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kann eine zweite Amtszeit von Trump kaum erwarten: Trump sagte kürzlich, er telefonierte fast täglich mit dem israelischen Premier. Für andere Länder wie den Iran wäre ein Wahlsieg von Trump dagegen ein Rückschlag. Weder Freunde noch Gegner von Trump in der Region rechnen jedoch damit, dass Amerika nach der Wahl zu seiner alten Rolle als Ordnungsmacht im Nahen Osten zurückkehren wird.

 

Während der Präsidentschaft von Barack Obama vor 15 Jahren begannen die USA damit, sich vom Nahen Osten abzuwenden. Amerika braucht viel weniger Öl aus der Region als früher und will sich zudem auf die geopolitische Rivalität mit China im Pazifischen Raum konzentrieren. Bei diesem Trend werde es auch nach der Wahl am 5. November bleiben, sagen Experten. Anzunehmen, für Trump oder Kamala Harris seien die Konflikte im Nahen Osten wichtiger als die Migrationspolitik, die US-Wirtschaft, der Krieg in der Ukraine oder die Konkurrenz mit China, wäre naiv, schrieb Sanam Vakil von der britischen Denkfabrik Chatham House in einer Analyse.

Dennoch ist das Interesse an der US-Wahl im Nahen Osten groß: Zwischen 62 und 76 Prozent der Teilnehmer einer Umfrage des Instituts Ipsos in fünf arabischen Ländern sagten, sie beobachteten den Wahlkampf in Amerika aufmerksam.

In seiner ersten Amtszeit profitierte Trump bei US-Partnern im Nahen Osten von der Enttäuschung über Obama. Israel und arabische Staaten warfen Obama vor, er habe der Region den Rücken gekehrt und nicht genug gegen die Bedrohung durch den Iran getan. Trump kündigte das Atomabkommen mit dem Iran auf, verhängte neue Sanktionen gegen Teheran und vermittelte Friedensverträge zwischen arabischen Staaten und Israel. Staaten wie Saudi-Arabien, die unter Trumps Nachfolger Joe Biden wegen Menschenrechtsverletzungen von den USA an den Pranger gestellt wurden, müssen eine solche Ausgrenzung in einer zweiten Trump-Präsidentschaft nicht befürchten. Bei Waffenlieferungen der USA nach Nahost dürfte es unter Trump ebenfalls weniger Hürden geben als unter Harris.

Unter den Golf-Staaten gibt es unterschiedliche Meinungen

Nicht alle arabischen Staaten sind begeistert von der Vorstellung einer zweiten Trump-Präsidentschaft. Unter den Golf-Staaten gebe es unterschiedliche Meinungen, sagt Joe Macaron, Nahost-Experte bei der amerikanischen Denkfabrik Wilson Center. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain tendierten zu Trump, sagte Macaron unserer Zeitung. Auch im Nato-Land Türkei genießt Trump laut einer Umfrage des Instituts MetroPoll mehr Unterstützung als Harris. Dagegen drücken Katar, Kuwait und Oman nach Macarons Beobachtung eher Trump-Konkurrentin Harris die Daumen.

Netanjahu ist wohl der größte Trump-Fan unter den Regierungschefs im Nahen Osten. Der israelische Premier hoffe darauf, dass er freie Hand für die Kriege in Gaza und im Libanon und für die Auseinandersetzung mit dem Iran erhalte, analysierte die „Jerusalem Post“. Dagegen ruft Biden den israelischen Regierungschef zu Feuerpausen und zur Zurückhaltung im Konflikt mit dem Iran auf. Harris thematisiert im Wahlkampf die vielen zivilen Opfer in Gaza und fordert ebenso ein Ende der Kämpfe.

Auch Netanjahu wird aber nicht alles von Trump bekommen, was er will. Der Republikaner verfolgt seine eigenen Interessen, und diese decken sich nicht automatisch mit denen Israels oder der arabischen Staaten. Der Ex-Präsident ruft Israel zu einem raschen Ende des Gaza-Krieges auf, weil er diesen Konflikt bis zum Beginn einer möglichen zweiten Amtszeit im kommenden Januar vom Tisch haben will. Trump wie Harris werden die arabischen Staaten nach einem Einzug ins Weiße Haus zu niedrigen Ölpreisen drängen, wie das Arab Gulf States Institute in Washington voraussagt.

Trumps Unberechenbarkeit wird auch im Iran registriert. Zwar befürchteten viele in der Teheraner Führung eine zweite Amtszeit des Republikaners und neue Sanktionen, sagt der Iran-Experte Arash Azizi von der Universität Boston. Die US-Wahl werde mit „Angst und dunklen Vorahnungen“ erwartet, sagte Azizi unserer Zeitung. Doch Teile der iranischen Elite halten Trump laut Azizi für einen Mann, „mit dem man ins Geschäft kommen kann“. Diese Gruppe in der Führung sei sicher, dass etwaige Vereinbarungen mit Trump stabiler sein würden als Verträge mit anderen amerikanischen Regierungen.

Manöver der Erzfeinde Saudi-Arabien und Iran

Diese Zuversicht stützt sich darauf, dass sich seit Trumps erster Amtszeit im Nahen Osten einiges verändert hat. So haben die Erzfeinde Saudi-Arabien und der Iran nach Vermittlung durch China eine Normalisierung ihre Beziehungen eingeleitet. Vor einigen Tagen nahmen Marineverbände beider Länder an einem gemeinsamen Manöver teil. Sollte Trump wieder Präsident werden, wird er im Nahen Osten nicht einfach da weitermachen können, wo er aufgehört hat.