Untereisesheim spendiert Familien, die auf Wegwerfwindeln verzichten, bis zu hundert Euro pro Jahr. Damit will das Fairtrade-Dorf das Umweltbewusstsein schärfen und den Müllberg reduzieren.
Untereisesheim - Bernd Bordon lacht leise, als er den Grund des Anrufes erfährt. Der Bürgermeister von Untereisesheim im Kreis Heilbronn hat diverse Gesprächstermine hinter und den nächsten gleich vor sich. Der Mann ist beschäftigt. Die Gemeinde erschließt ein Neubaugebiet für 300 Menschen, und die Kanäle müssen saniert werden. Doch zwischendurch nimmt er sich Zeit für Anfragen zu den kleinen und großen Geschäften seiner jüngsten Bürger.
Mit großer Mehrheit hat sein Gemeinderat beschlossen, künftig die Familien im Ort finanziell zu unterstützen, die ihre Kinder nicht in Plastikwindeln, sondern in Mehrwegwindeln wickeln. Bis zu hundert Euro pro Jahr bekommt, wer den Zuständigen im Rathaus eine Rechnung vorlegen kann über die Anschaffungskosten der Windeln für ein Kind, das jünger ist als drei Jahre. Denn billig sind die nicht – für ein komplettes Stoffwindel-Paket muss man schon mit 300 bis 400 Euro rechnen.
Kontrolliert werden die Familien nicht
Die Reaktionen? „Ein unfassbar großes Medienecho“, sagt der 37 Jahre alte Sozialdemokrat – und in den sozialen Medien positive, aber auch irritierte Reaktionen. „Ein Aprilscherz?“, fragt etwa ein Kommentator auf Bordons Facebook-Seite: Er macht sich sogar Sorgen, dass die Kläranlagen überlastet werden könnten.
Bordon teilt die Sorge nicht. Etwa 40 Babys kommen in der 4200 Einwohner zählenden Gemeinde jedes Jahr zur Welt. „Wenn sich fünf bis sieben Familien für Mehrwegwindeln entscheiden und den Zuschuss beantragen“, sagt er, „dann sind wir schon zufrieden.“ Die Abfalltonnen der Antragsteller werden später nicht kontrolliert. Die Idee ist, so Bordon, „dass man einfach mal über das Thema nachdenkt“.
Der Pampersberg ist gewaltig
Den Anstoß, selbst über das Thema nachzudenken, hat der Rathauschef der Fair-Trade-Kommune von einer Bürgerin bekommen. Der 37-Jährige, selbst Vater von zwei kleinen Kindern, fing an zu recherchieren. Dass ein Baby im Laufe seines Wickelkindlebens einen ganz beachtlichen Pampersberg produziert, das wusste er von zu Hause. Beeindruckt haben ihn die Zahlen dann aber gleichwohl: Drei bis sieben Windeln benötigt ein Baby pro Tag, schätzen Statistiker. Im Durchschnitt werden Kinder heute im Alter von knapp drei Jahren trocken. Hochgerechnet bedeutet das, dass in Deutschland jährlich etwa zehn Millionen Plastikwindeln im Restmüll landen.
Und: Die Windeln sind auch dann noch nicht verrottet, wenn ihre ehemaligen Träger längst nicht mehr leben. Die Außenhüllen der Babyhöschen bestehen in der Regel aus dem schwer abbaubarem Stoff Polyethylen. Etwa 300 Jahre dauert es, bis eine Wegwerfwindel zersetzt ist. Außerdem enthalten sie Polymersalze, die die Flüssigkeit in der Windel binden sollen und die die Umwelt zusätzlich belasten.
Etwa 300 Jahre dauert es, bis eine Windel verrottet ist
Ob die Mehrwegwindeln die ökologischere Variante sind, ist nicht unumstritten: Schließlich müssen die wiederverwertbaren Höschen gewaschen und getrocknet werden, verbrauchen also auch Ressourcen. Aktuelle Studien finden sich allerdings nicht, die jüngste stammt aus dem Jahr 2008 und wurde in Großbritannien erstellt. Diese Untersuchung kam damals zu dem Schluss, dass die Ökobilanzen von Wegwerfwindel und der wiederverwertbaren Variante in etwa ausgeglichen seien. Allerdings haben die Forscher dabei mit 45 Stoffwindeln je Familie gerechnet. Kritiker meinen, dass halb so viele Stoffwindeln ausreichend seien. Und: seit 2008 hätten sich nicht nur die Waschmaschinen, sondern auch die Windelsysteme erheblich verändert.
Pro Kind fallen 2000 Euro an für Wegwerfwindeln
„Man verwendet heute kaum noch die Wickel- und Bindetechniken wie noch vor 30, 40 Jahren“, sagt Shaline Geske. Für die Kinderkrankenschwester aus Stuttgart ist der Umweltschutz ein wesentlicher, aber nicht der einzige Grund, weshalb sie bei ihren eigenen Sprösslingen auf Plastikwindeln verzichtet hat. „Ich wollte nichts Künstliches am Po meiner Kinder haben“, sagt die 31-Jährige. „Außerdem will ich kein Geld ausgeben für Dinge, die ich beschmutzt wieder in den Müll schmeiße.“ Auch da kommt nämlich ein stattliches Sümmchen zusammen. Pro Kind gibt eine Familie etwa 2000 Euro aus.
Shaline Geske hat sich zur Stoffwindelberaterin ausbilden lassen. Sie ist eine von etwa 40 im Land. „Ich merke, dass ein Umdenken da ist“, sagt sie. „Aber es fehlen Vorbilder. Viele trauen sich nicht.“ Dabei gebe es mittlerweile jede Menge unterschiedliche Windelsysteme, die zumeist genauso leicht zu handhaben seien wie die Wegwerfvariante. Dünne und verrottbare Papiervlies-Einlagen in der Stoffwindel nehmen das große Geschäft auf und landen im Müll. Der Rest wird bei 60 Grad gewaschen.
„Die Eltern müssen lernen, die Zeichen zu deuten“
Shaline Geske greift bei ihrer kleinen Tochter aber auch nur dann zur Stoffwindel, wenn sie ihr nicht ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenken kann. Das 16 Monate alte Mädchen wächst größtenteils ohne Windeln auf, wie zuvor schon der dreijährige Bruder. Es sind nicht die Babys, die Windeln brauchen, ist Geske überzeugt. Es sind die Erwachsenen, für die Windeln praktisch sind. Auch ein Säugling fühle, wenn er mal müsse, und mache sich bemerkbar: „Die Eltern müssen nur lernen, diese Zeichen zu deuten.“
Shaline Geske hat der Stadt Stuttgart bereits mehrfach vorgeschlagen, einen Windelzuschuss einzuführen. Aber das „wurde immer abgelehnt“. Dennoch ist Untereisesheim nicht allein in Baden-Württemberg – aber doch noch in der Minderheit. Im Landkreis Tübingen bekommen Familien aus dem Kreis zum Beispiel schon seit 19 Jahren 30 Euro spendiert, wenn sie die Anschaffung von Mehrwegwindeln nachweisen können. „Anfangs war die Nachfrage hoch“, sagt Sibylle Kiefer, die Leiterin des zuständigen Abfallwirtschaftsbetriebs in dem 230 000 Einwohner zählenden Landkreis. 134 Windelzuschüsse habe man im Jahr 2000, als die Förderung eingeführt wurde, ausbezahlt. Dann ließ die Stoffwindel-Euphorie nach. 2011 wurden nur noch 55 Anträge gestellt, „das war der Tiefstand“, sagt Kiefer.
In Bayern ist die Förderung gang und gäbe
Mittlerweile aber sind die wiederverwertbaren Windeln wieder im Kommen. Im vergangenen Jahr habe man 124 Familien bezuschusst, und die Tendenz ist steigend: „In diesem Jahr haben wir bis Ende Mai schon 90 Anträge bearbeitet“, erzählt Sibylle Kiefer. Auch im Kreis Ravensburg bekommen Familien seit 2000 Geld für die Anschaffung von Stoffwindeln, 50 Euro sind es dort. Allerdings ist die Nachfrage im Oberschwäbischen mit 25 bis 40 Anträgen im Jahr verschwindend gering.
Schließlich pampert noch die Stadt Freiburg Mehrfachwindelnutzer mit 51,13 Euro pro Kind. Und der Landkreis Schwäbisch Hall hat erst vor Kurzem beschlossen, einen 30-Euro-Zuschuss für Stoffwindel-Familien einzuführen. Das sind aber hierzulande noch Ausnahmen. Anders im Nachbarland. Ausgerechnet im tiefschwarzen Bayern ist eine solche Förderung – wie übrigens auch in Österreich – gang und gäbe.