Der Hohenheimer Finanzwissenschaftler Hans-Peter Burghof sieht den Versuch der Unicredit, die Commerzbank zu übernehmen, sehr kritisch – vor allem für den Mittelstand.
Die Unicredit macht weiter ernst mit dem Versuch, die Commerzbank zu übernehmen. „Selbstverständlich“, sagt der Hohenheimer Finanzwissenschaftler Hans-Peter Burghof, habe die Commerzbank noch eine Abwehrchance. „Das Ganze ist immer noch auf Messers Schneide – das macht die Sache auch sehr spannend.“
Das Management in Frankfurt sei bisher nicht bereit, alle Karten auf den Tisch zu legen, damit sich der Unicredit-Vorstandschef Andrea Orcel nur auszusuchen brauche, was ihm strategisch passt. Insofern sei die Commerzbank-Führung gegen die Fusion, wolle aber auch möglicherweise im Interesse der Aktionäre einen möglichst hohen Preis erzielen. „Wenn alle Macht beim Käufer liegt, dann kann er die bisherigen Aktionäre besser austricksen, als wenn er diese Macht nicht hätte.“
Generell sieht Burghof den Übernahmeversuch mit großer Skepsis, weshalb das Commerzbank-Management gute Gründe habe, sich ablehnend zu verhalten. Zunächst habe sie erhebliche Effizienzfortschritte schon allein und ohne Hilfe von außen erzielt. Sodann hält er die Angaben von Orcel zur möglichen Gewinnentwicklung der Commerzbank nach einer Übernahme für überzogen. Auch sei eine größere Bank viel komplexer – mit Managementproblemen sei zu rechnen. „Die Strategie der Unicredit ist eher kurzfristig auf Kosteneinsparungen gerichtet anstatt auf ein langfristig breites Geschäftsmodell mit vielen Kunden.“ An dem Umgang der Unicredit mit der Hypovereinsbank (HVB) habe man gesehen, dass im Ergebnis sehr viel weniger Kredite vergeben werden.
Das vielfach vorgebrachte Argument, dass man europäischer werden müsse, „ist vollkommener Unsinn an der Stelle“, sagt Burghof. „Die Unicredit ist, was diese Dimension angeht, längst europäisch.“ Mit der HVB hätte sie die damals zweitgrößte deutsche Bank gekauft. „Dass die jetzt so klein ist, war eine Strategie von Unicredit, eine Rosinenpickerei zu betreiben und entsprechend kleiner zu werden.“ Dass etliche Ökonomen den Deal dennoch positiv sehen, überzeugt Burghof nicht. In den Wirtschaftswissenschaften befasse man sich zu wenig mit den realen Bedingungen des Bankenmarktes.
Schlechtere Produkte zu höheren Preisen?
Passen Unicredit und Commerzbank am Ende gar nicht zusammen? „Viel zu gut“, meint Burghof, weil aus der Übernahme eine Marktkonzentration folgen würde – „mit Gewinnen, indem man einfach den Kunden schlechtere Produkte zu höheren Preisen anbietet“. Kredite würden dann weniger verfügbar und teurer in der veränderten Konkurrenzsituation. Während es im Bereich der Privatkunden sehr viel Wettbewerb gibt und die großen Unternehmen den Weltkapitalmarkt zur Refinanzierung zur Verfügung haben, hätte der gehobene Mittelstand ein Problem nach einer Fusion, denn noch sei die Commerzbank die „wichtigste Mittelstandsbank in Deutschland“. Für diese Unternehmen mit ihren nicht unerheblichen Kreditvolumina würde es dann eng, weil auch die Fusionen von Landesbanken oder von HVB und Unicredit den Markt verengt hätten.
Kein Vergleich mit den „Global Playern“
Orcel ziele auf „Gewinne durch Marktmacht“, meint Burghof. Die Perspektive jedoch, mit dem neuen Geschäftsmodell auf Augenhöhe mit den großen internationalen Instituten zu kommen, „ist vollkommen absurd“. Denn gerade die amerikanischen Institute seien alle im Investmentbanking tätig und hätten den Schlüssel zum großen internationalen Kapitalmarkt. „Dies kann aber weder die Commerzbank noch die Unicredit bieten.“
Dass die Beschäftigten strikt dagegen seien, sei verständlich. Eine Fusion könnte Tausende Arbeitsplätze kosten. Der nächste Abbau bei Commerzbank und HVB würde mit viel Friktionen einhergehen und viel teurer werden. „Andererseits sind sie nicht die Eigentümer.“ Letztlich müssten die Aktionäre entscheiden, ob es sich für sie lohnt oder nicht.
Die Rolle der Bundesregierung sieht er zwiespältig: Eigentlich sollte sie sich stärker aus der Wirtschaft heraushalten – andererseits sei sie Großaktionär und habe „einen Fehler gemacht“, da sie die strategischen Konsequenzen ihres Verkaufs eines großen Aktienpakets an die Unicredit „nicht wirklich im Blick gehabt zu haben scheint“. Sie habe sich einer Investmentbank anvertraut – ohne ein eigenes Urteil, was daraus folgt. Heute zeige sie „eine gewisse Gleichgültigkeit bei dem Thema – gerade der Kanzler“.
Verkannt wird dabei auch ein wichtiger Punkt aus Sicht des Hohenheimer Professors: die künftige Rolle des deutschen Finanzplatzes in Europa. „Die Übernahme der Commerzbank durch eine Unicredit, die ihren Sitz weiter in Mailand hat, wäre für den Finanzplatz Frankfurt im Standortwettbewerb Deutschlands eine Katastrophe.“
Unicredit macht Kaufangebot für die Commerzbank offiziell
Kaufofferte
Die italienische Großbank Unicredit hat ihr Kaufangebot für sämtliche Anteile der Commerzbank offiziell gemacht. Bis zum Ablauf des 16. Juni will sich die Unicredit, die bereits knapp 30 Prozent der Commerzbank-Anteile kontrolliert, weitere Anteile sichern. Die Offerte kann bis zum 3. Juli verlängert werden. Die Italiener bieten kein Bargeld, sondern für jede Commerzbank-Aktie 0,485 neue Unicredit-Aktien. Das entspreche einem Preis von 30,80 Euro pro Commerzbank-Anteil – einem Aufschlag von vier Prozent zum Schlusskurs vom 13. März. Milliarden-Deal
Auf dieser Basis bewertet die Unicredit die Commerzbank mit knapp 35 Milliarden Euro. Die Unicredit rechnete vor, die neuen Anteile seien auf Grundlage eines Drei-Monats-Durchschnittskurses 34,35 Euro wert. Sie erwartet nicht, mit ihrem Tauschangebot die Kontrollmehrheit zu erlangen. Denn eine Commerzbank-Aktie kostet an der Börse derzeit um die 35 Euro. Daher gilt es als unwahrscheinlich, dass die Italiener viele Commerzbank-Aktionäre überzeugen. Der deutsche Staat will seine restlichen gut zwölf Prozent nicht verkaufen.
Teilkontrolle
Die Großbank aus Mailand verspricht sich bei einer Übernahme der Commerzbank Vorteile im Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden in Deutschland. Unicredit hatte bereits im September 2024 einen Aktienverkauf des Bundes zum Einstieg bei der Commerzbank genutzt. Inzwischen kontrolliert sie direkt über Aktien und indirekt über Finanzinstrumente 29,99 Prozent der Commerzbank-Anteile. Für weitere 2,65 Prozent hat sich die Unicredit den Kaufpreis der Papiere gesichert, aber noch nicht das Kaufrecht für diese Anteile.