Bahr wollte zusammen mit anderen den Wissenschaftsbetrieb verbessern – was wurde erreicht? Foto: Susanne Kurz

Die Stuttgarter Juniorprofessorin Amrei Bahr galt als Gesicht der Protestaktion #IchBinHanna. Nun hat sie angekündigt, die Wissenschaft zu verlassen. Wir haben nachgefragt.

Sie hat #IchBinHanna mit aufgebaut und ist deutschlandweit als Gesicht des Protests gegen die schlechten Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft bekannt geworden. Nun will die Stuttgarter Juniorprofessorin und Philosophin Amrei Bahr an der Uni aufhören. Wir haben nachgefragt.

 

Frau Bahr, Sie haben kürzlich angekündigt, die Wissenschaft verlassen zu wollen. Wie kamen Sie zu dem Entschluss?

Ich verfolge meine akademische Karriere seit 14 Jahren und habe festgestellt, dass der Preis zu hoch ist. Man muss ständig abliefern, sich selbst darstellen, um die wenigen verfügbaren Stellen zu ergattern. Leute mit meiner Qualifikation, die im allgemeinen Arbeitsmarkt unterwegs sind, sind seit Jahren unbefristet beschäftigt. Ich hangle mich von einer Befristung zur nächsten.

Sie müssen also veröffentlichen, bei Tagungen sprechen und so weiter?

Genau, aber vor allem muss ich Gelder einwerben. Die Grundfinanzierung im Wissenschaftsbereich ist sehr knapp bemessen, daher muss man Drittmittel einwerben, externe Gelder. Das hat inzwischen so eine große Bedeutung, dass man immer danach beurteilt wird, ob man genug mitbringt an Geldern und somit attraktiv ist für Universitäten. Und dabei ist die Erwartungshaltung, dass man ständig erreichbar ist und abliefert.

Aber Sie haben eine Juniorprofessur in Stuttgart. Solche Stellen sind begehrt.

Ja, aber die gibt es in zwei Versionen. Bei der einen hat man sechs Jahre, und während dieser Zeit muss man bestimmte Ziele erreichen, wenn das gelingt, gibt es eine Professur auf Lebenszeit. Das nennt sich Tenure-Track. Diese Variante habe ich nicht, ich wusste immer, dass es hier nach sechs Jahren endet. Ich habe mich trotzdem gefreut, als ich vor vier Jahren die Stelle bekam und somit die Möglichkeit hatte, weiterzumachen. Sonst wäre ich direkt rausgeflogen wegen des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, das die Befristungsdauer deckelt.

Wie lange darf man befristet beschäftigt sein in der Wissenschaft?

Nur bis zu zwölf Jahren, mit wenigen Ausnahmen. Und da war schon fast die Höchstbefristungsdauer erreicht bei mir.

Wenn man dann rausfliegt, ist man endgültig weg von der Uni?

Sie können allenfalls noch über Drittmittel beschäftigt werden, über befristete Gelder in einer Projektfinanzierung, und darauf hoffen, dass Sie noch irgendwann eine Professur ergattern. Von den Lebenszeitprofessuren gibt es aber nur sehr wenige. Dementsprechend sind die Chancen für alle gering. Das heißt, wir haben eine sehr hohe Arbeitsbelastung bei gleichzeitig einer sehr unsicheren Beschäftigungs- und Lebenssituation.

Auf dieser Basis lässt sich wohl schwer eine Lebensplanung erstellen.

Ja, man hat meist keine Planungssicherheit, die über anderthalb bis zwei Jahre hinausgeht. Sie wissen nicht, ob Sie noch in der Stadt leben können, wo Sie gerade leben, wo ihre Freunde oder Familie sind. Ich musste über Jahrzehnte pendeln. Zur Zeit fahre ich zehn Stunden Zug pro Woche. Das ist sehr teuer und macht keinen Spaß bei der aktuellen Verfassung der Deutschen Bahn.

Viele Wissenschaftlerinnen sind über 40, wenn sie endlich eine unbefristete Stelle bekommen. Die Familienplanung ist in dem Alter aber abgeschlossen.

Ja, der Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung fällt, dass man irgendwo langfristig bleiben kann, liegt zu spät im Leben einer Frau. Das Erstberufungsalter in Deutschland für Professuren liegt bei Anfang 40. Viele Frauen stellen ihren Kinderwunsch und ihre Familienplanung zurück für die akademische Karriere – und irgendwann ist es zu spät dafür. Es ist auch sehr schwierig, das alles mit Familie und kleinen Kindern hinzukriegen.

Amrei Bahr galt als Gesicht des Protests #IchBinHanna Foto: Susanne Kurz

Und die Lebenszeitprofessur wäre Ihr Traum gewesen?

Ehrlich gesagt will ich das gar nicht mehr. Es war mein Traum, für den ich viel zurückgestellt habe, auch die Familienplanung. Ich habe keine Kinder. Doch bei näherer Betrachtung ist dieses Leben als Professorin gar nicht so wunderbar. Man arbeitet auch noch dauernd: im Urlaub, an den Wochenenden, in den Abendstunden. Man ist zwar nicht mehr unter Druck, für sich die Finanzierung sicherstellen zu müssen, aber hat eine Verantwortung für andere Leute, muss für sie Gelder einwerben. Es gibt eine Studie zur Gesundheit von Professoren, die zeigt, dass diese in großer Zahl unter Erschöpfung leiden, unter Schlafstörungen, dass sie kurz vor dem Burn-out stehen. Diesen Eindruck habe ich auch.

Es gibt an der Uni auch Stellen wie Akademische Rätin, sind die auch so selten?

Das sind interessante Stellen, denn es sind Beamtenstellen. Doch der Mittelbau, dieser Bereich der promovierenden und promovierten Wissenschaftlerinnen wurde stark geschrumpft und radikal eingekürzt. Daher hat man praktisch nur diese Professuren, die dauerhaft da sind. Es gibt noch vereinzelt Stellen, die auch unbefristet sind, zum Beispiel Lehrkräfte für besondere Aufgaben. Die haben aber sehr viel Lehrdeputat, müssen bis zu zwölf Seminaren im Semester halten. Das muss man alles vorbereiten, und wenn in jeder Veranstaltung 20 bis 60 Leute sitzen, haben Sie zu viele Prüfungen abzunehmen.

Das klingt, als wäre es nicht zu schaffen.

Ja, diese Stellen haben so ein überzogenes Arbeitspensum, dass man das in der regulären Arbeitszeit, für die man bezahlt wird, nicht leisten kann. Es gibt aber in der Wissenschaft meist auch keine Arbeitszeiterfassung, obwohl das EU-rechtlich vorgeschrieben ist. Es wird dann oft gesagt, die Wissenschaft sei ein besonderer Bereich, da könne man das nicht machen. Das ist Quatsch.

Sie sind Philosophin. Gilt das alles auch für die Naturwissenschaften?

Gesetzlich ist es dasselbe, aber es gibt natürlich Disziplinen, die haben eine größere Industriekonkurrenz. Wenn ich mich dort entscheide, als Absolventin in die freie Wirtschaft zu gehen, dann kriege ich wahrscheinlich eine unbefristete Stelle mit einem höheren Gehalt. Das setzt bestimmte Disziplinen schon unter einen gewissen Druck, in den Jobs an der Uni bessere Bedingungen zu bieten. Aber auch in den Naturwissenschaften gibt es viele Teilzeitstellen für Promovierende, von denen Vollzeitarbeit erwartet wird.

In anderen Ländern sind die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft besser?

Deutschland ist tatsächlich ganz vorne im negativen Sinne. Zum einen, was die Anzahl der Befristungen betrifft, zum anderen, was das Up-or-out-Prinzip angeht. Entweder kommt man auf die Professur, wird Chef und hat plötzlich auch viele Leitungsaufgaben – oder man fliegt raus. Dazwischen gibt es fast nichts. In anderen Ländern erlebt man nicht diese extreme Verengung von Wegen.

Vor einigen Jahren wollten Sie und andere mit der Aktion #IchBinHanna etwas an den Arbeitsbedingungen verändern. Was haben Sie seither erreicht?

Verbessert hat sich auf jeden Fall, dass die Debatten vollkommen andere sind. Als wir angefangen haben, taten wirklich alle so, als sei an der Uni alles super. Inzwischen bestreitet praktisch niemand mehr, dass es Reformen braucht. Zum Beispiel hat der Wissenschaftsrat im vergangenen Sommer ein Papier verabschiedet, in dem steht, dass nach der Promotion die unbefristete Beschäftigung die Regel sein soll und nicht mehr, wie jetzt, die Ausnahme. Wir haben das Thema in zwei Koalitionsverträgen von Bundesregierungen verankert.

Doch bisher wurde es nicht umgesetzt.

Die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist bei der Ampel einfach daran gescheitert, dass die Regierung auseinandergebrochen ist. Wir müssen jetzt wieder ganz von vorne anfangen und schauen natürlich sehr gespannt darauf, was die aktuelle Bundesregierung machen wird. Sie hat im Koalitionsvertrag versprochen, das Gesetz bis Mitte 2026 zu reformieren. Es ist jetzt April. Was das parlamentarische Verfahren betrifft, sehe ich wenig Hinweise, dass aktiv daran gearbeitet wird, aber das müsste natürlich so sein, wenn man sein Versprechen halten will. Und das wollen wir hoffen.

Welche Reformen braucht das Gesetz?

Versprochen wurde unter anderem, eine Mittelbaustrategie aufzusetzen, um nicht mehr diese krassen Abhängigkeiten zu haben. Die Professoren haben bislang sehr viel Macht im System, sie können alles entscheiden. In den Gremien haben sie häufig eine Mehrheit. Und die andere Gruppe ist von ihnen abhängig und befristet beschäftigt. Das ist eine sehr steile Hierarchie. Und damit auch ein Einfallstor für Machtmissbrauch, das wissen wir inzwischen.

Wie könnte man das ändern?

Indem man zum Beispiel für die Promotionszeit Mindestvertragslaufzeiten einführt. Die stehen auch jetzt wieder auf der Agenda der Bundesregierung. Und für die Phase nach den Promotionen braucht es die unbefristete Beschäftigung als Regel. Man könnte zum Beispiel eine Befristungshöchstquote festsetzen. Jede Einrichtung dürfte dann nur eine bestimmte Zahl an befristeten Stellen vergeben. Die Befristungshöchstquote ist verfassungskonform, das wurde noch in der letzten Legislaturperiode überprüft.

Müssen Hochschulen unbedingt auf die Reform warten, um etwas zu verändern?

Nein, in Berlin an der Humboldt Universität ist das Institut für Philosophie vorangegangen mit einer eigenen Reform. Sie haben auf eine Department-Struktur umgestellt. Statt wie bisher die Stellen im Rahmen von kleinen Königreichen immer den Professuren zuzuordnen, haben sie alles in einen Pool getan und daraus neue Stellen geschaffen, die unbefristet und unabhängig sind. Das müssen die Hochschulleitung und die Fakultät natürlich erst einmal mitmachen, man muss viele Leute gewinnen für so etwas.

Und wie geht es für Sie persönlich beruflich jetzt weiter?

Ich habe auf meiner jetzigen Professur in Stuttgart noch zwei Jahre, was ich vorerst nutze. Ich freue mich gerade wieder zu Beginn des Semesters über tolle Seminare mit engagierten Studierenden. Und gleichzeitig kann ich die Lage sondieren. Ich würde gerne Wissenschaftspolitik und Wissenschaftskommunikation weitermachen. Und ich bin zuversichtlich, dass sich das kombinieren lässt auf einer Stelle, die meinen Werten entspricht. Auf der ich nicht ständig vieles, was mir wichtig ist, unterordnen muss in einem System aus Fehlanreizen, die weder dem Individuum noch der Wissenschaft gut tun.

Weitere Informationen

Wissenschaftlerin
 Dr. Amrei Bahr, geboren 1985 in Dülmen, ist seit 2022 Juniorprofessorin für Philosophie der Technik und Information an der Universität Stuttgart und forscht unter anderem zur Ethik der Künstlichen Intelligenz. Gemeinsam mit Kristin Eichhorn, die derzeit ebenfalls an der Uni Stuttgart tätig ist, und Sebastian Kubon hat sie die Initiative #IchBinHanna gegründet — mit dem Ziel, die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft zu verbessern.

Initiative
  2020 startete Bahr zusammen mit anderen die Initiative „95 Thesen gegen das WissZeitVG“, ein Jahr später erregte sie mit der Aktion #IchBinHanna bundesweit Aufsehen. Auslöser der Protestkampagne war ein Imagevideo des Bundesbildungsministeriums. #IchBinHanna ist bis heute eine aktive hochschulpolitische Initiative.