Fußgänger überqueren im Juni 2024 die Unfallkreuzung in Degerloch. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut

Im Prozess um den Unfalltod eines Beamten im EM-Konvoi für den ungarischen Ministerpräsidenten Orban in Stuttgart hat die Polizei das Wort. Auch ein überlebender Beamter.

Wo stand er denn nun ganz genau, als das Unheil seinen Lauf nahm? Hatte er die Kreuzung etwa eindeutig genug für die Polizeieskorte freigesperrt? Im Prozess um den Unfalltod eines Motorradpolizisten im EM-Konvoi für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ist am Montag im Stuttgarter Amtsgericht jener Beamte gehört worden, der bei der Kollision am 24. Juni 2024 in Degerloch selbst schwere Verletzungen erlitten hatte. Die angeklagte Autofahrerin, die dem Konvoi in die Quere gekommen war, hält sich für unschuldig.

 

Am zweiten Verhandlungstag ist die Reihe an der Polizei, das zu erklären, was für manche Unfallzeugen unerklärlich ist. Reicht ein einziger Beamter mit seinem Motorrad auf der Kreuzung, um die mehrspurige Einmündung der Rubensstraße auf die B 27 am Degerlocher Albplatz zu sperren? Eine damals 69-jährige BMW-Fahrerin war nach längerer Zeit aus einer Warteschlange ausgeschert und auf die Kreuzung gefahren. Sie kollidierte mit dem Polizeimotorrad eines 61-jährigen Beamten, der tödliche Verletzungen erlitt. Laut ihrem Verteidiger will die Frau keinen verkehrsregelnden Polizisten gesehen haben, der laut Anklage mit gelber Warnweste und Blaulicht auf der Kreuzung stand.

Schädel-Hirn-Trauma, Hüfte ausgerenkt, Ellenbogen gebrochen, stationärer Krankenhausaufenthalt, Reha, lange nur eingeschränkt dienstfähig: Der 29-jährige Kollege des getöteten Motorradpolizisten ist am Montag als Nebenkläger und Zeuge einer, um den sich alles dreht. Als einer von acht Polizeimotorradfahrern hatte er im rollierenden System die Kreuzungen freihalten sollen, um Orbáns Konvoi sicher von der Innenstadt zum Flughafen zu begleiten. Bis eine BMW-Fahrerin aus der Rubensstraße in die Quere kam – und laut Anklage mit Tempo 26 die 70 Kilometer pro Stunde schnelle Maschine des bundesweit bekannten Motorradpolizisten und Tuningexperten Thomas Hohn rammte.

Dann liegt er auf dem Boden und schaut in den Himmel

„Meine letzte Erinnerung ist, dass der ganze Verkehr steht“, sagt der Erste Polizeihauptmeister im Zeugenstand. Er habe die Autos auf der B 27 stadteinwärts und in der Rubensstraße mit angehalten, habe sich dazu mit seinem Motorrad und Blaulicht mittig auf die Kreuzung gestellt, „damit ich jederzeit auf alle Fahrspuren einwirken kann“. Und dann reißt der Film. Er habe auf dem Boden gelegen, in den Himmel geschaut, „unfassbare Schmerzen in der Hüfte“, ein Kollege beugt sich über ihn. „Im Rettungswagen hatte ich riesige Angst, dass ich das nicht überlebe, dass ein Gliedmaß fehlt“, sagt der 29-Jährige.

Von der Kollision selbst fehlt jede Erinnerung. Er habe gedacht, er sei alleinbeteiligt gestürzt, habe nichts von Degerloch gewusst. Dann hätten ihm Kollegen vom Tod Thomas Hohns, dem 61-jährigen bundesweit bekannten Motorradpolizisten, erzählt. Als er eine Woche später nach Operationen an Hüfte und Ellenbogen das Krankenhaus verlassen kann, kommt „der härteste Moment in meinem Leben“, so der 29-Jährige – die Schweigeminute von Hunderten Polizeikollegen auf dem Schlossplatz.

Am ersten Verhandlungstag vergangene Woche hatten mehrere Zeugen ausgesagt, dass sie sich gewundert hätten, warum es minutenlang nicht mehr weiterging. Die einen aus der hinteren Reihe der Rubensstraße hatten Blaulicht gesehen oder auch einen Polizeibeamten, andere dagegen nichts. Einige sagten aus, dass ihnen das auch hätte passieren können, als die BMW-Fahrerin ausgeschert und bei Grün in die Kreuzung gefahren sei. Gleichwohl waren sie selbst nicht losgefahren.

Vorwurf an Polizei: Die stecken alle unter einer Decke

Hunderte Polizisten haben nach dem Unfall in Degerloch auf dem Schlossplatz ihres toten Kollegen gedacht. (Archivbild) Foto: Andreas Rosar Fotoagentur-Stuttgart

Der überlebende Motorradpolizist widerspricht Zeugenaussagen, wonach es ungewöhnlich gewesen sei, als einziger Beamter die Kreuzung zu sperren. Mehr Beamte brauche es nur an großen Kreuzungen wie Charlottenplatz, Arnulf-Klett-Platz oder Gebhard-Müller-Platz, aber nicht an dieser Stelle, sagt er. Als Begleitschutzkommando sei man schnell und dynamisch unterwegs, die Sperrung dauere nur wenige Minuten. Eine richtige Absperrung mit mehreren Beamten oder gar Streifenwagen gebe es nur beispielsweise bei Demonstrationszügen mit längerer Durchlaufzeit.

Der 29-jährige Kollege des getöteten Motorradpolizisten bedauert, dass es seitens der Angeklagten in all der Zeit nie eine Nachfrage gab, wie es ihm gesundheitlich gehe, das wäre doch eigentlich menschlich. Die Verteidigung weist das zurück: „Es ist natürlich einfacher, dass alle auf meine Mandantin zeigen, anstatt sich zu fragen, was die Polizei hätte anders machen können.“ Zuvor hatte der Sachbearbeiter des Unfalls, ein 28-jähriger Polizeihauptmeister der ermittelnden Verkehrspolizei des Polizeipräsidiums Ludwigsburg, davon berichtet, dass die Beschuldigte bei ihrem Führerscheinentzug „Aussagen mit negativem Bezug bezüglich der Beamten am Unfallort getätigt“ habe. Die steckten doch unter einer Decke, soll sie den Ermittlern vorgeworfen haben.

Was hatte der Krampfanfall der Fahrerin zu bedeuten?

Nicht unwesentlich dürfte freilich auch die Aussage einer 52-jährigen Polizeioberkommissarin sein, die von einer Frau berichtet, die sie mit einem Krampfanfall auf einer Verkehrsinsel vorgefunden habe. „Sie lag auf der Seite, von oben bis unten steif, zitternd, war nicht ansprechbar“, berichtet sie. Da habe sie nicht gewusst, dass es sich um die 69-jährige BMW-Fahrerin handelte. Nach wenigen Minuten habe sie sich wieder erholt, davon gesprochen, dass sie den Polizisten nicht habe kommen sehen und einen Arzttermin absagen müsse. Diese Information habe sie weitergeleitet, sagt die Polizistin – jedoch wurde bei der 69-Jährigen nie eine Blutuntersuchung veranlasst.

Nicht weniger hautnah hat ein 53-jähriger Autofahrer den Albtraum vom 24. Juni 2024 erleben müssen. Er stand in der Warteschlange auf der B 27, als vor ihm das Motorrad gerammt und ein Polizist in seine Richtung geflogen kam und vor ihm auf dem mittleren Grünstreifen aufschlug. Der Albtraum eines Ersthelfers. Man habe den kaputten Helm abzunehmen versucht, sagt er am ersten Verhandlungstag. „Er hat noch geatmet, ich habe gesagt, Hilfe kommt gleich.“ Nachdem der Verteidiger ihm vorhält, dass der zweite Beamte wohl kaum vor den BMW habe rennen können, um die Kollision zu verhindern, wie er in der polizeilichen Vernehmung ausgesagt habe, sagt der 53-Jährige: „Ich bin mit dem Fall noch immer nicht fertig geworden. Ich sehe immer noch die Augen des Polizisten, der vor mir gestorben ist.“