Earl Greywurde in Newcastle nicht für seinen Tee so hoch auf den Sockel gestellt, sondern weil er Wahl-Ungerechtigkeiten und Sklaverei in England abschaffte. Foto: IMAGO/Zoonar

Stars wie Sting, Bryan Ferry oder Neil Tennant von den Pet Shop Boys starteten ihre Karrieren in Newcastle. Die Stadt ist längst kein grauer Kohle- und Schiffbau-Moloch mehr.

Nick und Mark sind aktuell Newcastles Helden: Nick Woltemade, deutscher 1,99-Meter-Stürmer-Schlaks, 90 Millionen Euro teuer, verzückt Newcastle United-Fans mit seinen Toren. Mark Knopfler liefert den Soundtrack: Zu „Going home“ laufen „Big Nick“ und sein Team ins Stadion ein. Den Song aus dem 1983er Film „Local Hero“ hat Knopfler eigens neu eingespielt – mit Hilfe von Bruce Springsteen, Eric Clapton, Sting und vielen anderen Stars.

 

Der Dire-Straits-Gründer, in Newcastle geboren und eng mit der Stadt verbunden, war überwältigt, erzählte er der BBC, als er im Stadion „Going Home“ erstmals hörte – unter 52 000 Fans. Diese „Magpies“ (Elstern) prägen vor allem an Spieltagen das Stadtbild – mit schwarz-weiß gestreiften United-Trikots, bierseligen Chorälen und ekstatischem Torjubel. Der zieht als Lärm-Wolke über die City, denn das Stadion liegt mittendrin.

Für einen Geordie sind die meisten anderen Engländer Weicheier

Von dort geht’s zickzack durch viele Epochen: Entlang der Stadtmauer (13. Jahrhundert) durch Chinatown (seit 1949) zu einem Platz mit Säule (von 1838), die Nackensteife zeitigt: 41 Meter hoch, oben drauf steht Earl Grey, Namensgeber der Mischung aus Tee und Bergamotte-Öl – in den 1830er Jahren angeblich ein Geschenk indischer Gäste an den britischen Premier Charles Grey. Der war happy: endlich ein Aroma, das den Muff seines Landsitz-Wassers übertünchte.

Ihren Earl hob Newcastle aber nicht für seinen Tee so hoch auf den Sockel, sondern weil er Wahl-Ungerechtigkeiten und Sklaverei in England abschaffte. Von Greys Säule weg führen zwei Boulevards, gerahmt mit Palästen aus der Blütezeit des britischen Empire: Damals ersetzte Newcastle enge Fachwerk- und Backsteingassen durch weitläufige Sandstein-Pracht.

Mittendrin die Central Arcade, eine lichte, mit Fliesen-Ornamenten und Mosaikboden verzierte Einkaufspassage unterm Glaskuppeldach. Seit 1908 gab’s hier bei J. G. Windows Grammophone, Noten, Schallplatten und Instrumente – bis Spotify und Elektronikmärkte zu mächtig wurden. Das Mahnmal dieses Trends: Leere, staubige, in J. G. Windows-Optik beklebte Schaufenster. Zur Schließung kondolierte Pet Shop Boy Neil Tennant und erinnerte sich, wie er als Teenie hier David Bowie-LPs hörte, aber zu wenig Geld für eine ersehnte Gitarre hatte. Auch Bryan Ferry kaufte bei Windows seine erste Platte – von Jazzer Charlie Parker.

Newcastle Foto: STZN/Lange

Ferry spielte bis 1968 in Jazzbands während seines Kunststudiums in Newcastle. Und trieb sich in Pubs am Bigg Market rum. Im Mittelalter wird hier Gerste der Sorte Bigg gehandelt, heute in Massen getrunken – vor allem bei Abschiedspartys für Junggesellen: kreischend-laute Feierbiester, schrill, torkelnd und meist zu dünn bekleidet.

Ein Statement, denn für einen Geordie (Eigenname der Newcastler und ihres verwaschenen Akzents) sind die meisten anderen Engländer Weicheier. Treffend überspitzt im TV-Comedy-Clip einer Polar-Expedition, bei der ein Geordie im Magpies-Shirt mit Freundin in Minirock und Stöckelschuhen als einzige überleben. Newcastles Nightlife verewigte Neil Tennant 1990 im Video der Hitsingle „So Hard“. Ein bisschen Wiedergutmachung? Denn verstört hatte er seine Heimatstadt drei Jahre zuvor mit dem Welthit „It’s a sin“, outete darin seinen Horror in der katholischen St. Cuthbert’s-High-School, auf die auch Sting ging.

Ihren vollen Namen – Newcastle upon Tyne – hat die heutige 300 000-Einwohnerstadt von der Burg, die im Jahre 1080 am Fluss Tyne errichtet wurde. Aus ihren Resten führen 68 steile, glitschige Stufen hinunter – die Dog Leap Stairs, besungen im Dire Straits-Hit „Down the waterline“ von Mark Knopfler. 2024 widmete er seiner Geburtsstadt das Album „One Deep River“ und posiert auf dem Cover vor der Tyne Bridge: Newcastles Stadt-Ikone von 1928, die spektakulär zwischen Hausdächern aufragt – quasi eine Fingerübung der Ingenieure, die kurz darauf Sydneys sehr ähnliche, aber größere Harbour Bridge bauten.

Kohle nach Newcastle bringen oder Eulen nach Athen tragen

Der „Deep River“, heute blau, damals kilometerlanger, dreckiger Strom für Kohle-Schuten, bescherte Newcastle per Transport-Monopol Reichtum und der englischen Sprache ein Sprichwort: „Carrying coal to Newcastle“ ist ebenso unsinnig wie „Eulen nach Athen tragen“. Die Tyne war auch Geburtsbadewanne für riesige Schiffe – Oceanliner wie die „Mauretania“, 22 Jahre lang ab 1907 Trägerin des Blauen Bandes für die schnellste Atlantik-Passage.

Bevor solche Kolosse in der Swan Hunter-Werft vom Stapel liefen, ragten Rumpf und Aufbauten über die Häuser von Newcastles Stadtteil Wallsend, verdunkelten die Sonne. Ein prägendes Bild seiner Jugend für Musiker Sting. Es inspirierte ihn zum Musical „The Last Ship“ über den Werften-Niedergang – zuerst gespielt am Broadway, später in Newcastle. Auch Sting begann hier als Jazz-Bassist, trat mit der Band „Last Exit“ oft auf der Mini-Bühne des Pubs Gosforth Hotel auf, spielte hier auch frühe Versionen späterer Police-Hits. „Sumner Suite“ heißt der Raum heute – nach Gordon Mathew Sumner, der nicht im Altherren-Dress seiner Mitmusiker auftrat, sondern in gelb-schwarzem Pulli.

Dieser Wespen-Look inspirierte sie zum Spitznamen Sting (Stachel). Er musste raus aus Newcastle, um ein Star zu werden – wie Bryan Ferry, Neil Tennant und Mark Knopfler. Längst kommen sie alle zurück – für Ehrendoktorwürden (Ferry), Konzerte (Tennant), aus Heimatverbundenheit (Knopfler) oder mit großzügiger Spende: Sting engagiert sich gegen Armut von Kindern und für deren Besuche im Baltic Center of Contemporary Art, Englands renommiertester, zeitgenössischer Kunst-Sammlung außerhalb Londons.

„Rudi Völler auf Stelzen“

In einem früheren Getreidespeicher liegt das Baltic an der Millennium Bridge, Newcastles siebter und jüngster Tyne-Brücke – von Touristen wegen ihrer Form schon mal „Eierschneider“ genannt. Hier, an der Fluss-Promenade mit samstäglichem Trödelmarkt, haben bisher 40 Newcastle-Stars auf dem Local Heroes Trail ihre Bronzeplakette im Pflaster – etwa Sting und Knopfler, aber auch Fußballer wie Alan Shearer oder Bobby Robson. Vielleicht kommt Nick Woltemade irgendwann dazu, wenn er reichlich Tore für die Magpies schießt. Einen Spitznamen hat er schon: Rudi Völler auf Stelzen.

Info

Anreise
Lufthansa fliegt von Frankfurt aus direkt nach Newcastle, www.lufthansa.com . Die Green Line der Metro fährt in 20 Minuten zur Station „Monument“, direkt unter der Grey-Statue, www.nexus.org.uk/metro.

Unterkunft
Das Hotel Innside by Melia liegt direkt an der Promenade des Tyne-River, etwa zehn Geh-Minuten vom Bahnhof entfernt, bietet moderne Zimmer und eine schöne Terrasse am Fluss. DZ/F ab ca. 97 Euro, www.melia.com. Das Motel One bietet den in Deutschland bekannten Standard, liegt allerdings mitten in der Straße Highbridge, die zur Partyzone am Biggs Market zählt. DZ/F ab ca 69 Euro, www.motel-one.com .

Essen und Trinken
The Botanist ist eine britische Pub-Kette mit Grünpflanzen-Dschungel. Die Filiale Newcastle bietet nicht nur die Botanist-Spezialität „Hanging Kebab“ (Fleischspieß am Haken), sondern auch Live-Musik und den besten Blick auf den Boulevard der Grey Street, https://thebotanist.uk.com/locations/newcastle . Dobson & Parnell, ein feines Restaurant für alle, die keinen Pub-Rummel wollen, liegt in Sichtweite der Tyne Bridge, www.dobsonandparnell.co.uk/ .Die Pink Lane Bakery in der Pink Lane hat eine quietschrosa Fassade, leckere Sandwiches und Kuchen für zwischendurch, www.pinklanebakery.co.uk/.

Aktivitäten
Lit & Phil ist eine seit 1825 bestehende Bibliothek mit atemberaubendem Lesesaal, in den man zumindest kurz reinschauen sollte. Oder länger für einen Vortrag, der hier Tradition hat: George Stephenson, Sohn Newcastles, präsentierte hier seine Erfindung einer neuartigen Grubenlampe. Auch Neil Tennant war hier Mitglied, www.litandphil.org.uk/ .Der Vampire Rabbit, ein blutrünstiger Hase im schwarzen Vampir-Look, hängt über dem Eingangsportal eines Hauses im St. Nicholas Churchyard – und keiner weiß, warum. Mögliche Erklärungen stehen auf Infotafeln. Grainger-Market ist die älteste, noch betriebene Markthalle Großbritanniens (seit 1835). Fleisch und Fisch, Gemüse und Obst gibt’s hier immer noch, inzwischen aber auch Kleidung, Trödel und Bücher. Geordies, die Diät machen, gehen gerne ins Weigh House, um sich dort exakt wiegen zu lassen. Früher diente dieses Waagen-Büro im Grainger Market den Kunden als Nachprüfstelle, ob die Händler auch korrekt abgewogen hatten, https://ourgraingermarket.co.uk/welcome-grainger-market.

Allgemeine Informationen
 Visit Britain, www.visitbritain.com , Newcastle Tourismus, www.visitnortheastengland.com/places/newcastle/