Der Münchner Sportchef spricht über seinen Wunschtransfer. Und nach den Einlassungen zum VfB-Stürmer müssten sich die Stuttgarter wie im falschen Film fühlen.
Sehen wir es einfach mal mit anderen Augen. Um es besser zu verstehen. Man stelle sich also vor, Real Madrid würde sich an einen jungen, aufstrebenden Fußballprofi des FC Bayern heranmachen. Hinter dem Rücken der Münchner natürlich. Was weder den Statuten noch dem traditionellen Geschäftsgebaren entsprechen würde. Doch diese Nebensächlichkeit lässt sich beiseiteschieben, und sagen wir, es wäre Michael Olise, der gerade eine überragende Halbsaison gespielt hätte. Plötzlich träfe einen dann auf den Internet- und Printseiten von den Real-nahen Sportzeitungen „Marca“ und „As“ die Schlagzeile: „Hammer-Transfer! Real ist sich mit Olise einig.“
An der Säbener Straße in München würde ein solches Szenario mit Sicherheit ein Beben auslösen. Schon allein durch das Poltern des Club-Patrons Uli Hoeneß. Zumal der Madrider Sportchef die rhetorische Frage aufwerfen würde, ob der bei den Bayern noch drei Jahre unter Vertrag stehende Spieler tatsächlich 280 Millionen Euro wert sei, die der FC Bayern sich vorstellen würde. Damit jedoch nicht genug, sondern es ginge in den weiteren Ausführungen um die Auswüchse des Transfergeschäfts – wenn man so will, um die Geister, die man selbst gerufen hat.
So ähnlich ergeht es in diesen Tagen den Verantwortlichen des VfB Stuttgart – wenn sie auf die Personalie Nick Woltemade blicken. Wie im falschen Film wähnen sie sich. Nur, dass die Bayern die Rolle der oben beschriebenen Real-Schurken übernommen haben und das Ganze nicht fiktiv ist, sondern der Wirklichkeit entspricht.
Die Münchner wollen den Stuttgarter Senkrechtstarter verpflichten, haben offenbar – ohne den VfB im Vorfeld zu informieren – mit Woltemade eine Einigung erzielt, und in den USA empört sich der Bayern-Sportvorstand Max Eberl bei der Club-WM darüber, dass es wie auf dem „Basar“ zugehe und die bösen Stuttgarter dem lieben Nick jetzt die Zukunft verbauen würden mit einer viel zu hohen Ablösesumme, die angeblich aufgerufen sei. „Ist Nick Woltemade 80 Millionen wert“, stellt Eberl also vor Journalisten in den Raum. Und er erklärt: Einen „Mondpreis“ werde man nicht bezahlen.
Man braucht nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, dass die VfB-Oberen den Münchnern gerne entgegenschleudern würden, was sie sich eigentlich einbilden? Denn Eberl spricht über Woltemade, als gehöre dieser bereits zum Kader des deutschen Rekordmeisters. Rein vertraglich ist die Zukunft tatsächlich ja geklärt – bis 2028 in Stuttgart, ohne Ausstiegsklausel.
Doch der VfB verhält sich ruhig. Bei den Bayern offenbart sich dagegen ein seltsames Spiel. In einer idealen Welt hätte man den 23-Jährigen die U-21-EM fokussiert zu Ende spielen lassen, danach hätten die Bayern-Bosse die VfB-Chefs über ihr Vorhaben informiert, und die Spielerseite hätte in Stuttgart ihren Wunsch nach Veränderung unterbreitet. Um den Schein zu wahren. Nach kurzen Verhandlungen hätte der Branchenkrösus 40 Millionen Euro bezahlt und sich bei Fans und Fachleuten für den Transfercoup mit dem Nationalspieler feiern lassen.
Gekommen ist es anders, weil die Nachricht durch sogenannte Transferjournalisten vorher publik wurde – und seither spielt die Fußballwelt um Woltemade verrückt. Der sich anbahnende Wechsel wird von ständigen Medienmeldungen und Spekulationen zum 100-Millionen-Deal vorangetrieben. Jeder äußert seine Meinung. Offiziell, inoffiziell. Gefragt – oder nicht gefragt. „Das ist ja genau das Problem“, sagt Eberl. Man könne „heutzutage gar keine Ideen mehr in Ruhe ausgestalten. Es werden Meinungen gebildet, und dann sagt jeder irgendwas dazu. Wenn die Verhandlung in der Öffentlichkeit geführt wird, wird es meistens nicht zu einem guten Ergebnis führen.“
Die Verhältnisse sind verrutscht, und es wird spannend zu beobachten sein, ob eine Lösung gefunden wird, die mehr Gewinner als Verlierer hinterlässt, nicht nur in finanzieller Hinsicht. „Es gibt bei uns einen Rahmen, ein Budget – und Budget ist Rechnen“, sagt Eberl, der sich zwischen Sparmaßnahmen und Königstransfer bewegt.
Das erhöht den Handlungsdruck, doch gleichzeitig gibt es beim VfB eine Personalplanung. In dieser stellt der 1,98 Meter lange Woltemade bisher eine feste Größe dar. Es kostet, ihn herauszubrechen. Zumal sich die Stuttgarter sportlich wie wirtschaftlich konsolidiert haben. Die Bayern verhandeln nicht mehr mit einem Abstiegskandidaten, der jeden Euro an Transfereinnahmen nötig hat. Der VfB war zuletzt Vizemeister und ist aktuell Pokalsieger. Das stärkt das Selbstwertgefühl und treibt die Preise nach oben. Das sind die Branchengesetze – und vielleicht sollten die Bayern das Ganze mal mit anderen Augen sehen, um zu verstehen.