Wie groß ist die Sorge um seinen Job? Befürchtet er, mit den Stuttgarter Kickers in Abstiegsgefahr zu kommen? Trainer Marco Wildersinn gibt vor dem letzten Spiel des Jahres Auskunft.
An diesem Freitag (19 Uhr) geht es für die Stuttgarter Kickers zu Eintracht Trier. Danach ruht der Regionalliga-Spielbetrieb bis zum 20. Februar. Trainer Marco Wildersinn gibt Einblicke.
Herr Wildersinn, wie lange brauchen Sie, um ein Spiel wie das 1:2 in Sandhausen zu verarbeiten?
Das ist ein Prozess, der meistens zwei bis drei Tage dauert. Unmittelbar nach Spielende verarbeite ich erst einmal die Emotionen und das Ergebnis. Ich schaue mir im Nachgang jedes Spiel noch einmal detailliert im Video an, um mir ein klares Bild zu machen und Schlüsse zu ziehen. Der Prozess endet dann mit der Besprechung innerhalb des Trainerteams und der Mannschaft. Danach kann ich einen Haken hinter ein Spiel machen.
Was waren für Sie die Knackpunkte?
Es war ein Spiel mit hoher Intensität, in dem wir in der Schlussphase dem Gegner deutlich überlegen waren – die Laufleistung, die Anzahl der Sprints und der Wille waren top. Da hat die Mannschaft eine tolle Leistung gezeigt. In den entscheidenden Momenten – das heißt konkret in den Strafräumen – war der Gegner besser als wir.
Fehlt es an Qualität und/oder Cleverness?
Uns fehlt hier noch zu oft die Cleverness in den direkten Duellen beziehungsweise die Ruhe und Präzision im Abschluss. Hier müssen und werden wir uns verbessern. Sandhausen hat in diesem Bereich viel Qualität, zum Beispiel mit einem erfahrenen Spieler wie Pascal Testroet. Wir wollen unsere jungen Spieler genau dorthin entwickeln. Das ist unser mittel- und langfristiges Ziel. Diesen gemeinsamen Weg gehe ich mit voller Überzeugung mit. Denn wie auf der Mitgliederversammlung gesagt wurde: Es ist ein nachhaltiger Weg, der aktuell auch finanziell notwendig ist.
Trotz des starken Auftritts in Sandhausen: Unterm Strich stand die dritte Niederlage in Serie. Wie wichtig ist es, am Freitag mit einem Erfolgserlebnis in die Winterpause zu gehen?
Brutal wichtig. Fürs Gefühl, für den Punktestand, für den Verein, die Fans – für alles. Wir wollen einen guten Auftritt hinlegen. Ob wir die ersehnten drei Punkte holen, werden wir sehen. Das hängt an vielen Faktoren. Im letzten Spiel hat ein kleines bisschen etwas gefehlt, das Prozent werden wir draufpacken.
Insgesamt fehlen vor allem Punkte. Zu Tabellenführer SGV Freiberg beträgt der Rückstand zwölf Zähler. Auf einen möglichen Abstiegsplatz ist das Polster auf drei Zähler geschrumpft. Wie wachsam müssen die Kickers sein?
Natürlich müssen wir wachsam sein. Wir wissen, dass es im schlimmsten Fall fünf Absteiger geben kann. Wir werden weiter gut arbeiten und uns stabilisieren. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir am Ende nichts mit unten zu tun haben werden.
Nach dem Spiel in Trier ruht der Pflichtspielbetrieb für elf Wochen. Gibt es denn schon einen Termin, an dem es um Ihre Zukunft geht?
Mit Lutz Siebrecht spreche ich täglich. Was meine vertragliche Situation angeht, haben wir uns auf Gespräche im nächsten Jahr verständigt. Das ist völlig sinnvoll und logisch.
Wie groß ist Ihre Befürchtung, am ersten Spieltag nach der Winterpause nicht mehr Kickers-Trainer zu sein?
Im Fußball ist immer alles möglich. Aber wenn man die Spiele und die Situation differenziert betrachtet – wie es die Verantwortlichen sicher tun –, dann mache ich mir keine Sorgen.
Warum genau?
Weil ich den gemeinsam eingeschlagenen Weg zu 1000 Prozent mitgehe und weil ich sehe, wie sich die Mannschaft entwickelt. Was die Startelf angeht, sollte man sich vor Augen führen, dass das Durchschnittsalter in der Vorrunde der vergangenen Saison bei 28, 29 Jahren lag, in Göppingen sogar bei 29,6. Jetzt, nur ein Jahr später, liegt es bei den meisten Spielen fünf bis sechs Jahre darunter.
Das Gesicht der Mannschaft. . .
. . . hat sich komplett verändert. Ich baue die jungen Spieler nicht nur in den Kader ein, ich lasse sie auch spielen. Sieben Spieler aus unserem eigenen NLZ haben, seit ich hier bin, ihr Debüt in der ersten Mannschaft gefeiert. Leon Neaime, Jacob Danquah, Mario Borac, Oskar Hencke und Nevio Schembri gehören zum festen Stamm. Diese Jungs sammeln wichtige Erfahrungen und machen ihre Fehler – das ist normal. Deshalb muss man die Ergebnisse richtig einordnen. Ich kenne das sehr gut aus meiner Zeit in Hoffenheim. Das ist unser gemeinsamer Weg. Und der kann auch steinig sein.
Eine Kernfrage im Fußball lautet immer: Könnte ein anderer Trainer möglicherweise aus dem vorhandenen Potenzial jetzt schon mehr herausholen?
Das ist hypothetisch und kann keiner beantworten. Fakt ist: Bei Trainerwechseln gibt es hin und wieder kurzfristige Effekte, aber langfristig gibt es sie mit unverändertem Kader eher selten. Wenn man analysiert, warum wir zuletzt keine Punkte geholt haben, liegt das an bestimmten Momenten im Spiel – an Erfahrung, an Cleverness, die wir noch entwickeln müssen. Das erarbeiten wir uns gerade. In vielen Bereichen sind wir statistisch betrachtet vorne dabei. Unsere Jungs wachsen in allen Bereichen: körperlich, taktisch, mental. Optimierungspotenzial gibt es immer, um Abläufe zu verbessern und Prozesse zu beschleunigen. Danach suchen mein Trainerteam und ich täglich.
Oder Sie holen auf Schlüsselpositionen in jedem Mannschaftsteil noch Spieler mit Erfahrung und Mentalität dazu.
Das wäre als kurzfristige Lösung hilfreich, klar. Aber durch die zuletzt dargestellte finanzielle Situation ist das aktuell eher unrealistisch. Wir geben alles dafür, unseren Weg auch so erfolgreich zu gehen, und ich habe riesige Lust darauf. Aber zaubern kann ich natürlich nicht.
Was wünschen Sie sich zum Jahresabschluss?
Einen Sieg.
Zur Person
Karriere
Marco Wildersinn wurde am 29. September 1980 in Baden-Baden geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er beim FC 04 Rastatt. Dann wechselte er zum Karlsruher SC. Von 2005 bis 2008 spielte der Innenverteidiger für die Stuttgarter Kickers. Als Trainer arbeitete er am längsten bei der TSG Hoffenheim II (2014 bis 2020). Von 2022 bis 2024 trainierte er die Würzburger Kickers in der Bayern-Regionalliga. Seit 18. Juni 2024 ist Wildersinn Chefcoach der Stuttgarter Kickers.
Persönliches
Er ist verheiratet mit Annabelle. Sie haben einen Sohn (Theo/5) und wohnen in Wössingen in der Nähe von Bretten. (jüf)