Unsere Autorin mit einer Pekinesen-Mix-Hündin im Arm und deren Zwingergenossin.Foto: Matthias Schmidt Foto:  

Ein Verein aus Baden-Württemberg betreibt das größte Tierheim der Welt. Im rumänischen Pitesti kämpfen die Mitarbeiter gegen amtliche Hürden und die Zustände in Tötungsstationen. Auf die wöchentlichen Tiertransporte nach Deutschland ist der Verein dringend angewiesen.

Pitesti - An ihrem rechten Ohr ist ein grüner Ohrclip befestigt. Darauf steht in Schwarz eine Ziffernkombination: 39607. So kann die kleine braune Pekinesen-Mix-Hündin identifiziert werden, so wissen die Mitarbeiter des Tierheims, wie alt sie in etwa ist, wann und wo sie gefunden wurde. Einen Namen hat 39607 nicht. Das ist so bei allen Hunden der Smeura im rumänischen Pitesti. Die Smeura ist das größte Tierheim der Welt. Rund 6000 Hunde und 200 Katzen leben dort zurzeit. Die meisten Hunde sind in geräumigen, halb überdachten Paddocks untergebracht, die Katzen in einem für sie gebauten Haus, wo sie vor wenigen Wochen einzogen.

 

Michaela Radu, 42, eine von mehr als 60 Pflegern, kümmert sich täglich um die Hunde. Seit 14 Jahren ist die Rumänin für die Freiläufe in Reihe vier zuständig. Begleitet von ohrenbetäubendem Gebell schiebt sie jeden Morgen um 9 Uhr ihren randvoll mit Futter beladenen Schubkarren den schmalen Weg zwischen Reihe drei und Reihe vier entlang. Links und rechts springen Hunde gegen die Zäune: kleine und große, wuschelige und glatthaarige, Hunde mit Schlappohren und Stehohren. Die Gatter unter ihren Pfoten scheppern dann laut. Betritt Radu die Zwinger, wandelt sich das Bild: Das scheinbar aggressive Verhalten macht Freude, Ängstlichkeit oder einer Mischung aus beidem Platz.

Der Verein hat über 80 deutsche Partnertierheime

In Paddock vier wartet 39607 auf die tägliche Abwechslung. Sie und ihre Zwingergenossen können nicht ahnen, dass sie vielleicht schon bald die Smeura und Rumänien verlassen. Matthias Schmidt, 34, hat die Vierbeiner mit Fotos und kurzen Beschreibungen bei den deutschen Partnertierheimen vorgestellt. Mehr als 80 gibt es davon – von München bis Hamburg. Schmidt ist Vorstand des in Dettenhausen im Landkreis Tübingen ansässigen Vereins Tierhilfe Hoffnung, der sich mit der Smeura der Rettung von unzähligen rumänischen Straßenhunden verschrieben hat. Finanziert wird die Tierschutzarbeit ausschließlich durch Spenden.

Schmidt, ein groß gewachsener Mann mit sanfter Stimme, der fließend Rumänisch spricht, reist wöchentlich zwischen Pitesti, Dettenhausen und seinem Wohnort Alsfeld in Mittelhessen hin und her. Er kümmert sich um die Tiertransporte, die sich an jedem Mittwochmorgen auf den Weg nach Deutschland machen – und auf die der Verein so dringend angewiesen ist.

Früher war die Smeura eine Silberfuchsfarm

Das Gelände der ehemaligen Silberfuchsfarm umfasst fünf Hektar. Dutzende Tiere ziehen täglich in die Smeura ein: Welpen und erwachsene Tiere, die ihren Besitzern lästig geworden sind. Hunde, die verletzt, abgemagert oder von Würmern zerfressen von tierlieben Rumänen hierher gebracht oder von Mitarbeitern aufgespürt werden. Straßenhunde, die andernfalls städtischen Hundefängern zum Opfer gefallen wären – oder bereits gefallen sind und vor einem qualvollen Ende stünden, würde der Verein sie nicht retten.

In der Smeura klingelt das Telefon. Ein aufmerksamer Passant hat die Notfallnummer gewählt: Ein verwundeter Welpe liege an Bahngleisen unweit des Tierheims. Ein Mitarbeiter macht sich auf den Weg. Die Verletzungen der Schäferhund-Mix-Hündin sind schlimm. Ihr Hinterbein ist halb abgerissen. Was passiert ist, weiß niemand. Vielleicht wurde sie von einem Zug angefahren, vielleicht geriet sie in Panik, flüchtete und blieb mit der Pfote in den Gleisen hängen. Der Tierarzt und seine Helferin nehmen das Bein ab – noch rechtzeitig. Die Hündin bekommt eine eigene Box in der Krankenstation. Hier kann sie ausruhen und zu Kräften kommen.

Das Elend begann in den 70er Jahren

Neben ihr wohnt eine braun-weiße Hündin mit freundlichem Blick, langen Beinen, Stehohren, von denen eines leicht hängt. Kommen die Pflegerinnen vorbei, ist sie immer ganz aufgeregt. Vor zwei Monaten wurde sie zusammen mit ihrer Schwester halb verhungert abgegeben. Sie hat überlebt, ihr Geschwisterchen nicht.

Warum hat das Land so ein drastisches Hundeproblem? Das Elend begann in den 70er Jahren, als Nicolae Ceausescu in der einstigen Sozialistischen Republik Rumänien das Sagen hatte. Damals lebten viele Menschen in Häusern mit Garten oder auf kleinen Höfen. Doch der kommunistische Diktator ließ die Gebäude abreißen und siedelte die Menschen in Plattenbauten um. Ihre Hunde landeten auf der Straße – und vermehrten sich wie die Karnickel. Ende der 80er Jahre wurde Ceausescu vom Volk gestürzt, das Problem der Straßenhunde blieb.

Vom Auto aus kann man die Streuner sehen. Mal sind sie alleine, mal in kleinen Rudeln am Straßenrand unterwegs – und mal liegen sie totgefahren auf dem Seitenstreifen. „Das passiert oft“, sagt Matthias Schmidt.

Die Vereinsgründerin „ist schier durchgedreht“

Seine Vorgängerin Ute Langenkamp, die Gründerin des Tierschutzvereins, kam vor 19 Jahren zum ersten Mal nach Rumänien – „und ist schier durchgedreht“, sagt Schmidt. Zu diesem Zeitpunkt seien Straßenhunde wieder in einer groß angelegten Aktion umgebracht worden. Langenkamp übernahm die stillgelegte Fuchsfarm und traf mit dem damaligen Bürgermeister Tudor Pendiuc eine Vereinbarung: Er stellt das Tötungsprogramm ein, sie kümmert sich in der Smeura um die Streuner, kastriert sie und lässt sie, abgesichert durch feste Futterstellen, dann wieder frei. Vor drei Jahren starb Ute Langenkamp. Ziele und Selbstverständnis des Vereins blieben die gleichen: statt Massentötung eine flächendeckende Kastration.

Die vollzieht der Verein kostenlos in der Krankenstation und in Kastrationsmobilen. Das Deutsche Rote Kreuz hat die Fahrzeuge ausgemustert und den Tierrettern überlassen. Schmidt und sein Team fahren damit aufs Land. Zeit- und Kostenaufwand sind für die Hundebesitzer dadurch geringer – und die Bereitschaft höher, ihre Tiere kastrieren zu lassen.

Das Tötungsgesetz basiert auf einem Irrtum

Seit sechs Jahren gibt es ein Gesetz, das Städten und Gemeinden erlaubt, frei lebende Hunde einzufangen, einzusperren und zu töten – sollten sie nach 14 Tagen nicht adoptiert worden sein.Seither ist es auch verboten, kastrierte Hunde wiederfreizulassen. Abgesehen davon wollen das die Tierschützer auch gar nicht – um nicht Zeuge von Mord und Totschlag zu werden.

Das Parlament forcierte die Tötung herrenloser Hunde, nachdem ein vierjähriges Kind scheinbar von Streunern tödlich verletzt worden war. „Es gab einen richtigen Mob. Auf politischer Ebene wurde viel Hass gegenüber Straßenhunden verbreitet“, sagt Schmidt. „Der damalige Präsident Basescu hat sich vor die Presse gestellt und gesagt, dass Straßenhunde ein friedlich spielendes Kind getötet hätten. Daraufhin gingen Menschen auf die Straße, übergossen Hunde mit Säure, überfuhren sie, schlugen sie tot.“

Obwohl sich herausstellte, dass der kleine Ionut Anghel nicht von Streuern, sondern von Wachhunden getötet und nicht im Park, sondern auf einem Firmengelände angegriffen worden war, wird legal weitergetötet. „Die Tiere werden oft nicht eingeschläfert, sondern erschlagen, durch Injizieren von Frostschutzmittel oder Stromschläge umgebracht – alles möglichst kostengünstig“, so Schmidt. Dafür gebe es Beweise.

Über 100 Tötungsstationen gibt es in Rumänien

Die nächste Tötungsstation befindet sich nur rund 300 Meter von der Smeura entfernt. An manchen Tagen ist in den Außenzwingern kein einziges Tier zu sehen, an anderen waren die Hundefänger erfolgreich. Schmidt, der auf seinem Weg ins Tierheim täglich an der Einrichtung vorbeifährt, kennt den Betreiber persönlich. „Man grüßt sich“, sagt er. Um fünf Tötungsstationen kann sich der Verein regelmäßig kümmern und innerhalb der Zwei-Wochen-Frist alle Hunde befreien. Ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, dass es in Rumänien mehr als 100 solcher Stationen gibt.

In der Smeura fährt ein Mann vor. Er öffnet den Kofferraum seines Autos und lädt eine Box voller schwarz-weißer, wuscheliger Mischlingswelpen aus. Seine Hündin habe sie zur Welt gebracht, sagt der Mann. Die hat der Mann aber daheim gelassen. Das ist oft so. „Im schlimmsten Fall“, sagt Schmidt, „kommt er sechs Monate später mit den nächsten Welpen.“

Wie es ihm dabei geht? Gut und schlecht. Einerseits macht Matthias Schmidt die fehlende Einsicht wütend. Denn oft unterscheiden sich Besitzerhunde ja kaum von Streunern. Sie sind sich selbst überlassen, bewegen sich frei auf der Straße und tragen so maßgeblich zur unkontrollierten Vermehrung der Straßenhunde bei. Andererseits ist der Tierfreund froh, dass immer mehr Leute die Welpen jetzt bei ihm abgeben, anstatt sie auszusetzen, bei Tötungsstationen abzuliefern oder selbst umzubringen. „Langsam findet ein Umdenken statt.“

Hier können Sie spenden oder eine Futterpatenschaft übernehmen.