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Hollywood schickt Superhelden nach Stuttgart und lässt sie auf Schlossplatz und im Opernhaus kämpfen.

Stuttgart/Cleveland - Es gibt in Stuttgart wahrlich genug Absonderliches. Und auch ziemlich schräge Typen. Aber einen Donnergott und seinen missratenen Halbbruder, einen dunkelgrünen Haudrauf, einen fliegenden Ritter, einen einäugigen Cowboy, ein Spinnenweib, einen Nationalhelden im rot-blauen Pyjama und einen Bogenschützen hat man selbst am Bahnhof nicht gesichtet. Doch sie kommen. Von Mai an toben sich „die Rächer“ in den Kinos aus. Und in Stuttgart. Hier retten sie die Welt.

Wie genau sie das machen, darf man noch nicht erfahren. Darum machen die Filmer wie immer bei den Superheldenfilmen ein großes Geheimnis. Gemunkelt wird, dass der Halbgott Loki (gespielt von Tom Hiddleston) den kosmischen Würfel an sich bringt. So eine Art Zauberstab, der einem alle Wünsche erfüllt. Damit stachelt er das grüne Monster Hulk (Mark Ruffalo) auf, das fortan mit Autos um sich wirft und mit Häusern Bauklötzchen spielt.

Die Amerikaner halten es mit der alten Rechtschreibung

In New York lässt er die Hochhäuser ­wackeln. Ob er in Stuttgart der Bahn beim Buddeln zur Hand geht, ließ sich leider nicht ergründen. Das wäre doch praktisch, würde uns Geld sparen, und beim Produzenten kommt’s bei Kosten von rund 200 Millionen Euro nicht mehr drauf an. Immerhin hatte man genug Geld, die exklusivste Werbezeit zu buchen. Während des Finales der amerikanischen Football-Liga, des Super Bowl, zeigte man Ende Januar erstmals Bilder . Und präsentierte stolz die Stars des Film: Thor (Chris Hemsworth), den Eisernen (Robert Downey jr.), Captain America (Chris Evans), die Schwarze Witwe (Scarlett Johansson), Nick Fury (Samuel L. Jackson) – und Stuttgart. Leider nicht das Original, sondern nur eine billige Kopie. Ein Abklatsch erstellt in Cleveland in den Vereinigten Staaten. Dort ließen die Marvel Studios und Walt Disney am Public Square Stuttgart entstehen.

Da gibt’s im Cafe Rüdiger Wein, Kaffee und Kuchen. Es liegt an der „Bolzstaraße“. Mit etwas Wohlwollen lässt sich vermuten, es soll sich um die Bolzstraße handeln. Und die Amerikaner halten es sehr zur Freude der Traditionalisten mit der alten Rechtschreibung. Hier heißt der Schlossplatz noch Schloßplatz. Woraufhin der Kollege Mike Sangiacomo in Cleveland allerdings seinen Lesern erklären musste, dass ein „ß“ keineswegs ein „b“ sei, sondern ein „ss“. Da sage noch einer, Superheldenfilme trügen nichts zur Bildung bei.

Dass der Hauptbahnhof wie ein Bushäuschen aussieht, die Polizeiautos noch grün und weiß sind sowie amerikanische Sirenen auf dem Dach haben, geschenkt. Nun gut, man sollte sich darüber nicht ereifern. Immerhin wandeln in dem Film zwei nordische Götter auf Erden, von denen Thor mit seinem Hammer Unwetter erzeugen kann, ein anderer Typ verwandelt sich von einem Wissenschaftler in das grüne Monster Hulk, wenn er sich aufregt, Captain Amerika ist gerade aus seinem jahrzehntelangen Winterschlaf erwacht. Man sieht, das ist kein Genre, bei dem Wirklichkeitstreue wichtig wäre.

Froh, dass keine Hakenkreuze herumhängen

Doch Respekt, die Ausstatter haben immerhin herausgefunden, dass es in Stuttgart ein Parkplatzmanagement gibt. Auf einem Foto von den Dreharbeiten ist ein Schild zu sehen, auf dem steht: „Reserviertes Parken. Mit Parkschein oder Bewohnerparkausweis für die Zone 38.“ Es wehen die deutsche Fahne und die schwarz-gelbe Baden-Württembergs. In der „Kunsthalle Planie“, ehedem Clevelands Terminal Tower, ist die Ausstellung zu sehen: „Eroberung und Opferung“.

Etwas martialisch vielleicht. Aber man muss ja schon froh sein, dass keine Hakenkreuze herumhängen und Nazis Befehle bellen. Die Bösen sind andere. Einer davon ist Thors Bruder Loki. Natürlich der nordischen Götterwelt entsprungen, und in den Marvel-Comics, die als Vorlage für den Film dienen, einer der Superschurken. Er läuft Amok in Stuttgart, tötet Premierengäste einer Oper, ehe er im Biergarten von Captain America gestellt wird. Und wer glaubt, Stuttgart 21 grabe die Stadt um, der möge warten, bis er sieht, was passiert, wenn Menschen mit Superkräften kämpfen.

Aber warum Stuttgart? Darüber hüllen sich alle in Schweigen. Selbst bei Panini weiß man nicht mehr. Der Verlag sitzt an der Rote­bühlstraße und gibt die deutschen Marvel-Comics heraus. Und hat somit beste Kontakte nach Amerika. Doch auch von dort ist nichts zu erfahren. Und die Versuche, über Regisseur Joss Whedon etwas herauszubekommen, sind ebenfalls fruchtlos. Klar, der Mann hat andere Probleme. Er muss seinen Film fertigbekommen.

Sherlock Holmes: Das Böse sitzt in Heilbronn

Darüber muss sich Kollege Guy Ritchie keine Sorgen mehr machen. Sein Film „Sherlock Holmes 2“ läuft seit Wochen. Dort sitzt das Böse übrigens in Heilbronn. Nicht dass wir das nicht schon lange wüssten. Aber für Holmes und seinen Assistenten Doktor Watson war es eine Überraschung, dass ihr Erzfeind Doktor Moriarty eine Waffenfabrik in Heilbronn aufgebaut hat. Vielleicht deshalb, weil der Gründer der Waffenfabrik Mauser aus einer Wengerterfamilie aus der Nähe Heilbronns stammt.

Nun wird auch Stuttgart von Hollywood verewigt. Und das ist nicht nur förderlich fürs Ansehen, sondern hat auch was Praktisches. Die Gehsteige, die der Hulk zerdeppert, braucht man nicht mehr hochzuklappen. Und beim Aufräumen sind wir ohnehin nicht zu schlagen. Schneller als wir kehrt keiner die Trümmer weg. Loki, sieh dich vor! In dieser Stadt regiert der Saubermann. Er lässt die Muckis spielen und fegt mit Kehrwisch und Kutterschaufel das Böse von der Erde. Wenn Wunderschuster mit Let’s Putz beginnt, staunen selbst Superschurken.

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