Tesla hofft auf den Durchbruch in Europa mit dem Full-Self-Drive. Noch ist das Assistenzsystem nicht zugelassen. Eine Mitfahrt in der Nähe von Stuttgart gibt aber Aufschluss.
45 Minuten Fahrt – und das Lenkrad wird nur einmal berührt. Nein, das ist keine Ausfahrt mit einem selbstfahrenden Auto in Los Angeles oder Peking – sondern in Weinstadt im Rems-Murr-Kreis. Hier, wie derzeit in mehreren deutschen Städten, lädt Tesla ein, sich selbst ein Bild vom selbstfahrenden Assistenzsystem Full-Self-Driving (FSD) zu machen.
Teslas FSD ist ein KI‑gestütztes Assistenzsystem, das mithilfe von Kameras das Fahrzeug steuert. Rechtlich bewegt es sich auf Level 2++, also einem erweiterten Assistenzniveau: Der Fahrer muss jederzeit aufmerksam bleiben und das Lenkrad sofort übernehmen können. Anders als bei klassischen Level‑2‑Systemen lenkt, bremst und beschleunigt FSD jedoch auch im Stadtverkehr eigenständig und hält Spur sowie Abstand – die Verantwortung liegt dennoch weiterhin beim Menschen. Während solche Funktionen in den USA und China bereits zugelassen sind, fehlt in Europa bisher die Freigabe.
Tesla besitzt eine Sondergenehmigung der EU
Und doch fahren zurzeit Teslas im FSD-Modus rund um die baden-württembergische Landeshauptstadt. Wie hat der amerikanische Konzern das geschafft? Seit Dezember 2025 hat Tesla eine Ausnahmegenehmigung, die es erlaubt, neben einem Sicherheitsfahrer von Tesla Platz zu nehmen – und sich 45 Minuten lang anhand einer selbst gewählten Route chauffieren zu lassen.
Start ist am Tesla Service Center in Weinstadt-Endersbach. Die Voraussetzungen könnten besser nicht sein, die Bedingungen sind ideal: ein klarer Frühlingstag ohne Regen, Nebel oder tief stehende Sonne. Gleichbedeutend mit: Keine Störfaktoren für die acht Kameras, die Tesla für das FSD nutzt.
Im Unterschied zu anderen Herstellern setzt Tesla für die Erkennung des Verkehrsgeschehens nur auf Kameras, nicht auf andere Sensortechnologien wie Radar und die teure Lidar-Technologie, die mit Laserstrahlen arbeitet. Schließlich, so heißt es, arbeite ein menschlicher Fahrer auch nicht mit Laser- oder Radarstrahlen; zudem nutzt Tesla für die Verarbeitung der Bilder reichlich Künstliche Intelligenz.
Elon Musk setzt beim automatisierten Fahren nur auf Kameras
In der Autobranche wird dies teilweise als „Wette“ von Tesla-Chef Elon Musk angesehen: Ein durchaus riskantes Experiment, schließlich sieht die Kamera bei Nacht und Nebel auch nicht mehr allzu viel – kann die Signale dank KI aber womöglich besser, schneller und zuverlässiger interpretieren. Gelingt das Experiment, was durchaus möglich ist, hat sich Tesla bei den Kosten des autonomen Fahrens einen riesigen Vorteil verschafft, der gerade bei Mittelklassefahrzeugen, auf die sich Tesla längst konzentriert, voll zu Buche schlägt.
Der Sicherheitsfahrer – offiziell „Supervisor“ – hat während der Fahrt nur eine Aufgabe: den Verkehr genau im Blick zu behalten. Deutlich sichtbar liegen seine Hände mit den Handflächen nach oben auf den Oberschenkeln. Jederzeit bereit einzugreifen, falls das System Fehler macht.
Das Auto fährt zügig, aber nicht aggressiv auf die B14 Richtung Waiblingen, überholt langsamer fahrende Autos und ordnet sich wieder rechts ein. In Waiblingen rollt es ruhig über Kopfsteinpflaster, lässt Fußgänger passieren und reiht sich etwas defensiv in Kreisverkehre ein.
Bei einem Tesla mit FSD muss man nicht das Lenkrad bewegen
Nach 25 Minuten macht das Fahrzeug einen geplanten Zwischenstopp. Dafür sucht sich das System einen Haltepunkt auf einem Privatgrundstück aus – nicht gerade optimal. Deshalb übernimmt der Sicherheitsfahrer kurz das Steuer, um schnell von dort wieder wegzufahren. Hintergrund sei, dass der Tesla so programmiert ist, dass er keinen echten Parkplatz sucht, sondern einen Punkt um Mitfahrer aussteigen zu lassen. Wenn es beim Ausparken besonders schnell gehen muss, ist ein menschlicher Fahrer gefragt.
Ein wesentlicher Vorteil von Tesla ist die Art der Fahrerüberwachung. Üblicherweise messen andere Hersteller die Aufmerksamkeit über Lenkradbewegungen – berührt der Fahrer das Lenkrad nicht alle zehn bis 15 Sekunden, ertönt ein Warnsignal. Tesla dagegen nutzt Innenraumkameras. Sie analysieren die Blickrichtung des Fahrers. Wandert der Blick zu lange in den Außenspiegel, aufs Display oder auf die Rückbank, warnt das System – und zwar so lange, bis der Fokus wieder auf der Straße liegt.
Anstatt also kurz am Lenkrad zu rütteln – und gegebenenfalls dennoch nicht aufmerksam den Verkehr zu verfolgen – zwingt Tesla seine Fahrer dazu, die Konzentration wieder auf die Straße zu lenken. Der Unterschied zeigt sich derweil auch bei der Testfahrt: Der Tesla-Sicherheitsfahrer kann, wenn alles glatt läuft, seine Hände tatsächlich 45 Minuten lang auf den Schenkeln ruhen lassen.
7500 Euro extra kostet das FSD bei Tesla
Wer heute einen Tesla kauft, kann laut Website „das volle Potenzial für autonomes Fahren“ für 7500 Euro hinzubuchen. Das ist allerdings bisher eine Investition in eine ungewisse Zukunft, denn noch ist FSD in Europa gar nicht zugelassen – Fahrten wie die in Weinstadt dürfen bisher nur speziell lizenzierte Fahrer unternehmen.
Anders als in den USA und in China wartet die Branche in Europa noch auf die Zulassung der Technologie, für die auch Hersteller wie Mercedes längst startklar sind. Sobald FSD in Europa zugelassen ist, können sich Tesla-Kunden das Feature auch nachträglich freischalten lassen, ohne Umbauten am Fahrzeug vornehmen zu müssen. Die Fahrzeuge sind serienmäßig mit den notwendigen Kameras und Computer ausgerüstet – unabhängig davon, ob man FSD bucht oder nicht.
Wenn die Niederlande grünes Licht gibt, könnte das KBA folgen
In bewährter Elon-Musk-Manier hat sich das Unternehmen überaus optimistisch gezeigt, dass die niederländische Kraftfahrzeugbehörde RDW den Weg für FSD in Europa ebnen wird – es animierte seine Kunden gar dazu, der Behörde bereits zu danken. Diese wiederum bat, davon Abzusehen. Eine Flut an Mails sei während eines Genehmigungsverfahrens nicht hilfreich, so RDW. Für die Behörde habe die Verkehrssicherheit höchste Priorität. Sollte das niederländische RDW eine Zulassung erteilen, könnte beispielsweise das Kraftfahrtbundesamt (KBA) in Deutschland diese übernehmen. Einen Automatismus dafür gibt es aber nicht.