Ein Mitarbeiter des Württembergischen Tennis-Bundes (WTB) soll mindestens eine Million Euro veruntreut haben. Bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart wurde Strafanzeige gestellt.
Stuttgart - Die Aufregung im Württembergischen Tennis-Bund (WTB) ist grenzenlos. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Verbandes soll in einem Zeitraum von wenigstens 17 Jahren Bar- und Sachmittel in Höhe von mehr als einer Million Euro veruntreut haben, wie am Wochenende bekannt wurde. Das wäre enorm. Und eine der ersten Fragen, die sich der Präsident des Verbandes stellte, war diese: „Wie konnte das passieren?“ Weiter sagte der WTB-Chef Stefan Hofherr am Montag: „Wir sind jetzt intensiv damit beschäftigt, diese Vorgänge sowie die Hintergründe aufzuarbeiten und auch das exakte Ausmaß zu ermitteln.“
Es droht mithin ein riesiger Skandal, dessen Ausmaß noch nicht zu greifen ist, vielleicht gab es solch eine verbandsinterne Krise noch nie. „Fassungslosigkeit“ war es, die der seit 2019 amtierende Hofherr in den Gesichtern der Delegierten entdeckt hatte, als er ihnen von dem Verdacht der Veruntreuung am Ende der vergangenen Woche berichtete. „Es war ein Schock für uns alle“, sagte der neue WTB-Geschäftsführer Jens Föhl zu den erschreckenden Nachrichten. Der Verbandssportwart Rolf Schmid ist ebenso ziemlich aufgebracht. „Die Bestürzung ist groß, alle sind erschüttert, aber wir werden das alles aufarbeiten“, meinte er.
Wie konnte es dazu kommen?
Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Bansbach hatte beim Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2020 erhebliche Unregelmäßigkeiten in der Buch- und Kassenführung des WTB festgestellt. Daraufhin beauftragte Präsident Hofherr eine umfassende Sonderprüfung bei Bansbach und der Rechtsanwaltskanzlei Haver & Mailänder. Seit Mitte März laufen diese internen Ermittlungen, am vergangenen Donnerstag hat der WTB bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart auf Basis der seitdem gewonnenen Erkenntnisse Strafanzeige gegen den Ex-Mitarbeiter gestellt. Dieser war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Sollte sich der Verdacht bewahrheiten, stellt sich die Frage: Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Der frühere Geschäftsführer, um den es geht, galt als korrekt und verlässlich. „Ich hätte das nie gedacht“, sagt ein Insider zu den Vorwürfen, ein anderer sieht es ähnlich. Allerdings habe es offenbar niemanden gegeben, der die Arbeit des verdächtigten Mannes kontrolliert habe. „Das ist auch Teil der Ermittlungen“, sagt Präsident Hofherr zu dem weiteren Verdacht, dass es möglicherweise auch durch mangelnde Kontrollinstanzen dazu kommen konnte, dass über Jahre hinweg mindestens eine Million Euro einfach so aus der WTB-Kasse verschwinden konnte.
Es kann auch deutlich mehr sein
Es könnte aber auch deutlich mehr sein. Allein im Zeitraum von 2014 bis 2020 sind laut Verbandsmitteilung bei den internen Untersuchungen des Verbandes Unterschlagungen von Barmitteln in Höhe von rund 700 000 Euro und von Sachmitteln im Wert von rund 100 000 festgestellt worden. Da inzwischen beim WTB davon ausgegangen wird, dass der Betrugszeitraum 17 Jahre oder mehr betragen haben könnte, kann sich die Summe auch im Hinblick auf verlorene Zinszahlungen auf bis zu zwei Millionen Euro fast verdoppeln.
Die Frage ist auch, ob der Verdächtige die dubiosen Kontobewegungen alleine durchgeführt haben könnte oder ob es Mitwisser gegeben hat. Richtig auffällig geworden sind die in den Büchern aufgetretenen Unregelmäßigkeiten nicht. Doch hat man sich verbandsintern schon ein bisschen darüber gewundert, warum der WTB beispielsweise acht Dauerkarten beim Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart besitzen muss. Auch andere zum Teil kleinere Geschäfte, die so ganz nebenher gelaufen sein sollen, warfen bei Verbandsmitgliedern die Frage ihrer Notwendigkeit auf. Den Verdächtigungen und aufgetretenen finanziellen Unregelmäßigkeiten gehen nun die eingesetzten Ermittler auf den Grund – wie auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart.
Personelles Erdbeben?
„Es fehlte das Vieraugenprinzip“, sagt ein Insider. Zwischen einem Alleingang und einem zu befürchtenden personellen Erdbeben, weil mehr Personen als gedacht in das fragwürdige Finanzgebaren involviert gewesen sein könnten, ist wohl alles drin für den WTB – die dadurch entstehende Verunsicherung ist spürbar. „Auf alle Fälle sind den Delegierten die Gesichter runtergefallen, als sie von den Anschuldigungen gehört haben“, sagt ein Insider über die vergangene WTB-Sitzung. Dieses Zusammenkommen werden sie im Verband so schnell nicht vergessen.