Cannabislegalisierung, Kürzungen und eine Netflix-Doku – Bernd Klenk von der Suchtberatungsstelle Release erklärt, was sich am Konsumverhalten bei Drogen geändert hat.
Vor Kurzem hat die Suchtberatungsstelle Release ihre Jahresbilanz vorgestellt. Im Interview erklärt Bernd Klenk, Vorstand bei Release, warum 2025 einer der außergewöhnlichsten Jahre für die Suchtberatung in Stuttgart gewesen ist und welche Auswirkungen die Haushaltkürzungen auf das gesamte Stadtgeschehen haben.
Herr Klenk, die Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl hat das Thema Drogen in das Bewusstsein der Menschen gerückt. Konnte man das in Ihrer Arbeit bei der Suchtberatung erkennen?
Wir erkennen zunächst mal keine Veränderung beim Umgang mit Kokain in Stuttgart. Das war ja die Substanz, um die es überwiegend in der Doku ging. Kokain wird hauptsächlich von Erwachsenen konsumiert, bei Jugendlichen spielt sie meist noch keine Rolle. Bei ihnen sind Cannabis, Alkohol und Nikotin das weit größere Problem. Wir merken jedoch bei unserer Jugendarbeit, dass es viele Menschen gibt, die nach der Haftbefehl-Doku noch viele Fragen an uns hatten.
Was für Fragen waren das?
Wie kann es sein, dass ein Mensch so dermaßen abhängig werden kann, obwohl er doch ein scheinbar so schönes Leben führt? Und natürlich die Frage, ob wir denken, ob er es schaffen kann, clean zu bleiben.
Glauben Sie, dass er es schaffen kann?
Wenn ein Mensch aufhört Drogen zu nehmen, heißt das noch lange nicht, dass die Krankheit damit aus seinem Leben verschwunden ist. Nach dem Beenden des Drogenkonsums ist bei suchtkranken Menschen daher immer auch ein Weg der Heilung notwendig. Sonst besteht eine hohe Rückfallgefahr. Zum Beispiel in einer Situation, in der man früher typischerweise Drogen genommen hätte. Für Menschen wie den Rapper Haftbefehl ist es wichtig, sich mit ihrem Nüchternsein auseinanderzusetzen. Vielleicht muss er sich auch nun erlauben, „nachzureifen“. Also Erfahrungen wie Frust oder Angst, die er früher mit Drogen möglicherweise erträglich gemacht hat, nun nüchtern zu ertragen. Und selbst wenn es zu einem Rückfall kommt, heißt das nicht, dass man es nicht wieder versuchen kann, clean zu werden.
Ein weiteres Thema, das Sie letztes Jahr beschäftigt hat, war die Cannabis-Teillegalisierung. Wieso hat diese laut ihrer Statistik dazu geführt, dass Sie weniger Beratungsgespräche mit Cannabiskonsumenten hatten?
Die Grundhaltung von Release war schon immer, dass wir uns für eine Legalisierung von Cannabis stark gemacht haben. Das Leben vieler junger Menschen konnte in der Vergangenheit wegen eines relativ kleinen Deliktes mit Cannabis in anderen Bereichen belastet werden. Das haben wir als Problem gesehen. Gleichzeitig müssen wir aber sagen, dass der Wegfall der strafrechtlichen Folgen durch die Teillegalisierung dazu geführt hat, dass viel weniger Personen unsere Beratung in Anspruch nehmen. Früher hat man strafauffälligen Menschen das Angebot gemacht, eine mildere Strafe zu erhalten, wenn sie Angebote der Suchthilfe wahrnehmen. Dieses Druckmittel durch die Justiz ist nun weggefallen.
Gleichzeitig wurde letztes Jahr viel öfter Ihr Beratungsangebot für Smartphonesüchtige in Anspruch genommen. Wie ist das zustande gekommen?
Menschen wenden sich in der Regel erst dann an uns, wenn es keinen anderen Ausweg mehr für sie gibt. Ich glaube, dass sich für viele Familien im letzten Jahr die Folgen von jahrelangem übermäßigem Medienkonsum ihrer Kinder nochmal zugespitzt haben. Sodass sie sich jetzt an uns als letzten Ausweg wenden mussten. Denn die Folgen von Mediensucht werden unterschätzt. Verbringt jemand viele Stunden am Smartphone, hat das Auswirkungen auf alle Bereiche des Lebens.
Sie müssen seit Anfang des Jahres mit viel weniger finanzieller Unterstützung auskommen. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie nach den drastischen Haushaltkürzungen vom Dezember?
Es stimmt, dass alle Suchthilfeträger seit Anfang des Jahres mit einer Entwicklung konfrontiert wurden, die wir bisher nicht gekannt haben. Wir haben das Suchthilfeangebot in Stuttgart über Jahre hinweg mithilfe der Politik aufgebaut. Plötzlich hieß es, dass unsere Fördersumme um zehn Prozent reduziert würde. Unsere Hauptkosten fallen auf das Personal, also mussten wir erst mal Stellen abbauen. Release setzt das durch das freiwillige Reduzierungen und Nichnachbesetzen von freien Stellen um. Es führt zwangsläufig aber kein Weg daran vorbei, dass wir unser Angebot reduzieren müssen.
Welche Folgen hat dies wiederum für diejenigen, die Hilfe brauchen?
Die Probleme verschwinden nicht dadurch, dass wir sie wegrationalisieren. Wir können sie nicht einsparen. Manches wird sich verlagern. Was wir nicht leisten, wird letztendlich zu einer höheren Belastung für die Polizei führen oder die Gefängnisse werden mehr ausgelastet sein. Gleichzeitig kommt das zustande, was wir über die Jahre immer vermeiden wollten, nämlich lange Wartezeiten. Dabei stehen oft Menschen hilfesuchend vor unserer Tür, mit denen man sofort reden muss. Sagt man denen, dass sie erst in drei Monaten wiederkommen können, wollen sie vielleicht bis dahin gar keine Hilfe mehr in Anspruch nehmen.
Was hätten Sie sich von der Politik gewünscht?
Ich verstehe, dass die Kürzungen beim Doppelhaushalt nicht willkürlich waren. Der Gemeinderat musste mit bedeutend weniger Geld einen beschlussfähigen Haushalt planen. Wir wurden jedoch davon überrumpelt, dass uns kein Vorlauf gegeben wurde. Der Haushalt wurde am 19. Dezember verabschiedet und am 1. Januar galten schon die Sparmaßnahmen.
Es gab im letzten Jahr auch Erfolge zu verbuchen, wie den neuen Drogenkonsumraum, wo Menschen legal und sicher Drogen konsumieren können. Wie wird dieser angenommen?
Es gab anfangs auch unter den Konsumenten eine gewisse Zurückhaltung und Skepsis. Diese hat sich inzwischen aber gelegt. Wir haben Konsumplätze für intravenösen Konsum und einen kleinen Inhalationsraum geschaffen, in dem unter sicheren und hygienischen Bedingungen auch Drogen geraucht werden können, ohne dass andere davon beeinträchtigt werden. Es gibt uns die Möglichkeit beispielsweise auch den Crackkonsum in Stuttgart besser zu dokumentieren. Vielleicht ist auch das der Grund, warum wir in unserer Statistik für letztes Jahr einen Anstieg beim Crackkonsum festgestellt haben. Grundlegend war die Eröffnung dieses Raumes jedoch ein persönlicher Höhepunkt meiner Karriere. Dieses Angebot rettet Leben.
Im Jahr 2025 hat Release Stuttgart e.V. z.B.:
Drogen
• 1.777 Menschen in den Beratungsstellen beraten und unterstützt
• 25.845 Beratungskontakte dokumentiert
• in 481 Präventionsveranstaltungen 10.421 Menschen erreicht