Noch glänzt die Kultur in Stuttgart – zum 1. Januar aber drohen massive Einschnitte. Baden-Württembergs Kulturministerin Petra Olschowski will einen neuen Dialog mit der Stadt.
Die Hiobsbotschaften in und aus Stuttgarts Kulturszene reißen nicht ab. Durch die von Seiten der Stadt geplanten Kürzungen der Fördergelder – entschieden wird über den Doppelhaushalt 2026/2027 in dritter Lesung am 19. Dezember – sehen sich auch renommierte Einrichtungen wie der Württembergische Kunstverein Stuttgart, das Theater Rampe oder die für das weit ausstrahlende Neue-Musik-Festival Eclat verantwortliche Programmplattform Musik der Jahrhunderte in ihrer Existenz bedroht.
Lautstarker Protest im Rathaus
Die Rechnung ist jeweils gleich: Das Programm wird wesentlich über das Einwerben von Drittmitteln finanziert. Dafür aber braucht es mehr als 30 Prozent Eigenmittel – Geld, das die Kultureinrichtungen nach den schon am 1. Januar 2026 greifenden Kürzungen aus ihren Berechnungen nicht mehr haben. Die regulären Zuschüsse decken meist gerade die Fixkosten. Lautstark und kreativ hat die Kulturszene in dieser Woche vor und im Stuttgarter Rathaus protestiert – im Schulterschluss mit nicht weniger bedrohten Einrichtungen aus den Bereichen Bildung und Soziales. Signale für eine Korrektur ihrer Sparansätze hat die Stadt Stuttgart bisher nicht gegeben.
Hilft das Land Baden-Württemberg? Zumindest bei jenen drei Einrichtungen, die je zur Hälfte von Stadt und Land finanziert werden, also Staatstheater Stuttgart, Linden-Museum sowie Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber? Finanzminister Danyal Bayaz und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski hatten dies dieser Zeitung gegenüber jüngst nicht ausgeschlossen. Wobei auch Helfen mit Kürzungen verbunden wäre, geht es doch zuvorderst um die Frage, ob das Land den Kürzungsschritt der Stadt einseitig nicht mitgehen muss. Für die Staatstheater Stuttgart drohen zum Beispiel aktuell bis zu neun Millionen Euro weniger Mittel pro Jahr, will doch die Stadt bei einem Finanzierungsanteil von knapp 58 Millionen Euro pro Jahr 2026 4,4 Millionen Euro und 2027 4,7 Millionen Euro kürzen. Mehr als 100 Arbeitsplätze sehen die Staatstheater gefährdet. Die Frage ist jetzt, ob das Land seinerseits ganz oder teilweise auf die anteilige Kürzung verzichten kann.
Auch die Staatstheater müssen weiter zittern
Für die Staatstheater gibt Wissenschaftsministerin Petra Olschowski vorläufig keine Entwarnung. Ihr Fokus richtet sich zunächst auf Klarsicht im Kürzungsgetümmel der Stadt. Immerhin 50 Einrichtungen und Gruppen in Stuttgart werden durch das Land mitgefördert – und hier will das Land offenbar versuchen, seinen Förderanteil stabil zu halten. Das kann helfen, wenn zudem ein Vorstoß Olschowskis auf Bundesebene Erfolg hat: Ein hoher Drittmittelanteil kommt über die Bundeskulturstiftung nach Stuttgart – und bei der Fördereinrichtung in Halle will die Ministerin nun dafür werben, die Voraussetzungen für eine Zuweisung kurzfristig abzuändern, die Regeln für den Eigenanteil kurzfristig auszusetzen. Gelänge dies, könnten Einrichtungen wie Musik der Jahrhunderte, das Theater Rampe oder der Württembergische Kunstverein bereits abgeschlossene Projekt-Verträge für 2026 einhalten.
Braucht es eine grundsätzliche Neuorientierung?
Hat die Stadt Stuttgart bei ihren Kürzungsansätzen im Kulturbereich wirklich alle Möglichkeiten ausgelotet? Petra Olschowski plädiert für eine neuerliche Bestandsaufnahme – „mit mehr Mut zur Gestaltung“. Was damit gemeint ist? Die Wissenschaftsministerin setzt wie schon mit dem durch das Land initiierten Strukturprozess „Kultur im Dialog“ auf Transparenz, klare Prozesse und belastbare Entscheidungen. Dazu gehört für Olschowski auch der Mut zu neuen Wegen. Die Kurzfristigkeit und die Höhe der Kürzungen der Kulturförderung in Stuttgart mache es perspektivisch vermutlich notwendig, im Dialog mit den Kultureinrichtungen die Strukturen grundsätzlich anzuschauen. Geht damit die Bringschuld wieder an die Kultureinrichtungen? „Ich wünsche mir einfach von allen Seiten mehr Ideen“, sagt die Ministerin.
Hilft das bayerische Modell?
Für die anteilig zur Hälfte von Stadt und Land finanzierten Einrichtungen geistert in diesen Tagen noch eine andere Idee durch Stadt und Land: das bayerische Modell. Über den Freistaat getragene Einrichtungen wie die Bayerische Staatsoper werden ausschließlich durch den Freistaat Bayern finanziert. Ein Vorbild etwa für die Finanzierung der Staatstheater Stuttgart? Aktuell, winkt Olschowski ab, gebe es dafür keine Notwendigkeiten. „Gerade den vertraglichen Vereinbarungen“, so die Ministerin, „liegen jahrzehntelange bewährte Regelungen zugrunde“. Und tatsächlich hätte eine solche Neuregelung wohl gravierende Auswirkungen auf alle weiteren Förderbeziehungen. Und dies durch den hohen Finanzbedarf einer Komplettfinanzierung durch das Land kaum zum Vorteil der Vielfalt.
Impulse gegen den Kürzungs-Rasenmäher
Derweil dürften in Stuttgart die gemeinsamen Proteste von Einrichtungen, Beschäftigten und Selbstständigen aus den Bereichen Bildung, Soziales und Kultur weitergehen und an Intensität zunehmen. Die Kurzfristigkeit der Sparansätze wie des Wirkdatums 1. Januar 2026 sieht Ministerin Olschowski „durchaus als Problem“. Das Land, sagt sie, suche in jedem Fall schnell den Dialog mit den 50 durch das Land mit geförderten Kultureinrichtungen. Jeder Fall sei anders, so Olschowski, es lohne sich aber umso mehr, jeweils sehr genau hinzusehen.
Als alle Sorgen vertreibender weißer Ritter, so scheint es, steht das Land im Ringen um den Kulturstandort Stuttgart nicht zur Verfügung. Impulse aber, den Sechs-Prozent-Rasenmäher in der Garage zu lassen, gibt das Land einige.