Schwalbe mit seinen Habseligkeiten auf dem Schlossplatz. Ein Foto aus dem Jahre 2017. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Er hat von seinem Flaschenpfand 200 Euro für alleinerziehende Mütter gespendet. Eine Begegnung mit Schwalbe, dem selbstlosen Spender.

Seit fast 35 Jahren lebt der Mann auf der Straße. Er ist quer durch die Republik gereist. Mittlerweile fühlt er sich in Stuttgart heimisch, schläft im Winter in einem Parkhaus in der Innenstadt und im Sommer im Unteren Schlossgarten.

 

Er lebt im Schlossgarten

Seinen Namen verdankt er seinem Dialekt. Und dem Humor seiner Kumpels. Oder deren Hörfehler. Schwalbe tauften sie ihn, weil er aus einem kleinen Kaff zwischen Augsburg und Ulm kommt. Ein bayerischer Schwabe also. „Aus Schwabe wurde Schwalbe“, sagt der Mann, der seit 1991 so heißt. Damals zerlegte er das Auto seines Stiefvaters, kletterte aus dem Wrack, ging heim, packte den Rucksack und verschwand gen Augsburg.

Seitdem hat er kein Zuhause mehr und lebt als Obdachloser, Sandler, Clochard, Trippelbruder, Vagabund, Landstreicher, wie immer man das auch nennen mag. Gelandet ist Schwalbe in Stuttgart, im Winter haust er in einem Parkhaus in der Innenstadt, im Sommer schläft er im Mittleren Schlossgarten. „So eine große Wohnung hat sonst keiner“, scherzt Schwalbe.

Vor acht Jahren hat er uns das erzählt, da haben wir ihn getroffen in seiner großen Wohnung. Mitunter sieht man sich, winkt sich kurz zu. Denn am liebsten hat er seine Ruhe. Deshalb macht er auch jetzt kein großes Aufhebens um seine gute Tat. 200 Euro hat er in einen Briefumschlag gelegt samt einem Zettel, auf dem Folgendes steht: „Meine geliebten Schwestern. Ich wünsch euch ein schönes HAPPY-BIRTHDAY-JESUS-Fest. Mit dem Geld sorgt bitte dafür, das 2 allein stehende Mütter ein etwas schöneres Fest haben (im Sinne von Jesus wie er gesagt hat: Lasst die Kinder zu mir kommen). Ich hab den Umschlag so gelassen, wie ich ihn gefunden hab, damit ihr in nochmal benutzen könnt. Schönen Gruß Schwalbe.“ Neben seinen Namen hat er ein kleines Herz gezeichnet, aus dem ein Kreuz wächst. Diesen Brief hat er vor wenigen Tagen bei Ordensschwester Nicola Maria im Haus der Katholischen Kirche eingeworfen.

Staunen über „Schwalbes“ Spende: Svenja Gruß, Vorständin des Sozialdienstes katholische Frauen, Schwester Nicola Maria und Daniela Kob, Einrichtungsleiterin im Paulusstift (von links) Foto: SkF

Wer ist dieser Schwalbe, der obdachlose Spender mit dem großen Herz? Bei der jahrzehntelangen Reise quer durch Deutschland hat das Leben ihn ziemlich zerzaust und gerupft. Dass er die Wunden mit Alkohol heilen wollte, hat nicht geholfen. Seinem Gesicht sieht man an, dass er mit sich selbst nicht pfleglich umgegangen ist. Sein Alter lässt sich schwer schätzen, etwas um die 50 ist er, aber Vagabundenjahre zählen offenbar wie Hundejahre. Als Schreinerlehrling war er ein Punk, und in Augsburg kam er damals bei Punkern in einer Wohngemeinschaft unter. In der Szene kannte man sich, er fuhr nach Berlin, trieb sich am Bahnhof Zoo herum. Sie schnorrten, man kam irgendwo unter, schlug sich durch.

Doch Schwalbe ist rastlos. „Wenn es mich gepackt hat, bin ich wieder fort.“ Keine Habe, keine Liebsten, keine Verpflichtungen. „Ich war eigentlich in jeder größeren Stadt in Deutschland.“ Einmal, da hat er es versucht. Vier Jahre lebte er in Nürnberg, hatte eine Wohnung, arbeitete als Gärtner auf dem Friedhof. Dann packte ihn der Suff wieder, die Unruhe kehrte zurück, das Unstete. Schwalbe ist ein Einzelgänger, immer auf dem Sprung.

Seit 14 Jahren in Stuttgart

Bis er des Umherziehens überdrüssig wurde. Vor 14 Jahren kam er nach Stuttgart. Er bettelte, quartierte sich in einem Parkhaus ein. In ein Wohnheim wollte er nicht. Anfangs weil er einen Hund hatte, aber auch weil er „sein Ding“ machen will, nicht mit anderen in einem Raum schlafen will. „Viele achten halt nicht auf sich“, sagt er, „das brauche ich nicht.“ Also quartiert er sich lieber in einem Parkhaus ein. Da ist zwar der Sicherheitsdienst unterwegs, „aber die kennen mich, die Allermeisten lassen mich in Ruhe.“ Er tue ja auch niemanden was. Im Gegenteil. Er habe schon verhindert, dass Langfinger Autos aufgebrochenhaben, und „in die Ecke pinkelt auch keiner, wenn ich da bin“, sagt Schwalbe.

Schwalbe findet, dass Parkhäuser für Obdachlose offen sein sollten

Er selbst benutzt eine Flasche, „mit gelbem Deckel, damit ich sie nicht verwechsle“. Schwalbe findet gar, die Betreiber von Parkhäusern sollten sie öffnen für Obdachlose, „da würde nichts mehr passieren und alle wären sicherer.“ Nicht immer stimmt das, und manchmal werden Obdachlose wie er auch zu Opfern. 2003 war eine Obdachlose im Parkhaus Mühlgrün in Bad Cannstatt geschlagen, getreten, vergewaltigt und mit einer Glasscherbe getötet worden. Der Täter war ein betrunkener 17-Jähriger, der vom Opfer bei einem Autoaufbruch erwischt worden war.

Schwalbe hat keine Angst. Er schläft im Unteren Schlossgarten. „So eine große Wohnung hat sonst keiner in der Stadt.“ Den Tag verbringt er dort, oder auf dem Schlossplatz: Menschen gucken und Flaschen sammeln.

Ein bisschen Pfand reicht ihm

Das Betteln hat er aufgegeben, die wachsende Konkurrenz habe das unerquicklich gemacht. „Früher hast Du noch was bekommen, aber heute, wo so viele aggressiv betteln, sind die Leute genervt.“ Ein bisschen Pfand reicht ihm, „ich brauche nicht viel“. Aus Konservendosen hat er sich einen Spirituskocher samt Topf gebastelt, „da mache ich mir einen Eintopf oder Nudeln“. Einmal, erzählt er, sei er zu einer Suppenküche gegangen, da hätte der Nachbar gestunken, das Essen sei furchtbar gewesen, und eine Helferin hätte ihn angeblafft: „Du musst es essen. Wenn du es nicht auf isst, kannst du nicht wiederkommen.“

Also blieb er fort. Denn ein Schwalbe löffelt nur die Suppe aus, die er sich selbst eingebrockt hat.