Liebeserklärung an den Stuttgarter Fernsehturm von Zeichner Yann Lange Foto: Yann Lange

Seit 70 Jahren prägt der Fernsehturm die Silhouette der Landeshauptstadt. Seltsam, dass einige vor lauter Türmchen den Turm nicht sehen. Eine Glosse von Jan Sellner.

Wenige Dinge in der Landeshauptstadt sind über jeden Zweifel erhaben. Dazu zählt der Fernsehturm, der gewissermaßen schon von Natur aus über den Dingen steht. 217 Meter hoch. Eine Landmarke, ein Fingerzeig, ein großer Wurf, den Stuttgart dem Baumeister Fritz Leonhardt zu verdanken hat. Und auch wenn es anderswo längst höhere Türme gibt, so dürfen wir den in nur 20 Monaten Bauzeit errichteten Stahl-Beton-Lulatsch doch als Turm der Türme rühmen. Leonhardts Konstruktion war stilbildend und weltweit wegweisend. Der Fernsehturm – er ist ikonisch.

 

In dieser Woche wurde dieser zeitlose Strich in der Landschaft 70 Jahre alt. Seit Donnerstag wird gefeiert, dass sich seine Fernsehantennen biegen: mit Nonstop-70-Stunden-Öffnung, Filmen in der Beletage, mit Oldie-Party und Geburtstagsfrühstück zwischen Himmel und Erde. Dazu präsentiert der Eigentümer SWR ein luftiges Kulturprogramm samt „Oben Piano“ auf dieser „höchsten Bühne der Stadt“.

Für den Fernsehturm zu werben, sollte ein Leichtes sein

Begeben wir uns von dort für einen Moment in die Niederungen des Kessels und betreten das neue Haus des Tourismus in der Annahme, dass dort mit allem, was das Stadtmarketing hergibt, für den Jubiläums-Turm geworben wird. Das sollte ein Leichtes sein bei diesem herausragenden Wahrzeichen der Stadt, das die Silhouette Stuttgarts seit sieben Jahrzehnten prägt. Nebenbei steckt ja schon ein halber Turm – französisch „la tour“ – in „Tourismus“.

Doch ausgerechnet hier, in der Tourismus-Zentrale, wirkt der Fernsehturm seltsam geschrumpft. Nichts zu sehen vom Jubiläum. Im Stuttgart-Werbefilm kommt der Turm erst gar nicht vor. Auch nicht auf Stuttgart-Postkarten, weil es Stuttgart-Postkarten im Haus des Tourismus zurzeit leider nicht gibt. Das wird schon seinen Grund haben, denkt sich der Gast und blickt staunend auf das Türmchen von Schloss Montfort in Langenargen am Bodensee, dem die Stuttgart-Werber ein Riesenposter gewidmet haben. Oder sieht man unseren Fernsehturm vor lauter Türmchen nur nicht?

Kehren wir in die Höhe zurück – auf die Aussichtsplattform des Bauwerks, das die Landesregierung aus guten Grund fürs Unesco-Weltkulturerbe vorgeschlagen hat, und genießen den Weitblick. Das Schloss Montfort am Bodensee sieht man zwar nicht. Doch es fühlt sich gut an, an einem Ort zu sein, wo Stuttgart über sich hinauswächst.