Fernsehturm-Wirt Dennis Shipley (li.) musste erst lernen, wie die Gastronomie in luftiger Höhe rentabel betrieben werden kann. Unter dem ehemaligen Formel-1-Manager Willi Weber (re.) wurde dort einst Haute Cuisine serviert. Foto: Christoph Schmidt/dpa (2)

Acht Pächter haben in 70 Jahren das Restaurant im Fernsehturm geführt – jeder mit anderem Ansatz. Heute lässt sich das Panoramacafé nur mit Events lukrativ betreiben.

Queen Elizabeth war schon da – und der frühere Rennfahrer Michael Schumacher. Das Restaurant im Fernsehturm war einst eben spitze. Nach 70 Jahren ist der Glamour in luftiger Höhe etwas verflogen. Dafür können nun die Normalsterblichen in rund 150 Metern über der Waldau ihre Feste feiern. Denn allein mit den paar Maultaschen und Hotdogs, die Ausflugsgäste bestellen, könnte Dennis Shipley das Panoramacafé nicht betreiben.

 

Weil der Fernsehturm „ein prestigeträchtiges Gebäude und einzigartiges Wahrzeichen“ Stuttgarts ist, hat er sich vor etwas mehr als zehn Jahren dazu hinreißen lassen, als achter Pächter seit der Eröffnung des Bauwerks am 5. Februar 1956 den Vertrag zu unterschreiben. „Wir mussten am Anfang erst einmal Lehrgeld bezahlen“, sagt Shipley, der auch Inhaber des Restaurants Alte Kanzlei am Schillerplatz in der Innenstadt ist.

Anfang ein Treffpunkt mit Niveau: das Restaurant im Fernsehturm nach der Eröffnung im Jahr 1956. Foto: SWR

Doris Radmann konnte vor zehn Jahren eine ganz andere Geschichte erzählen. Als sie mit einem Kollegen von der Zeitung in alten Fotoalben blätterte, tauchte das Bild von Queen Elizabeth auf. Ein Gläschen Sekt habe die Monarchin getrunken, als sie im Mai 1965 die Aussicht auf Stuttgart genoss, erinnerte sich die damals 80-Jährige. Ihr Mann Fedor Radmann hatte den Bären in Böblingen betrieben und den Zuschlag als erster Wirt für den Fernsehturm bekommen, „weil damals kein Stuttgarter Gastronom so hoch hinaus wollte“, sagte sie. Rund 100 Mitarbeiter beschäftigten die Radmanns, Kaviar und Hummer tischten sie bei großen Festessen ihren Gästen dort oben auf. Auf rund eine halbe Million Besucher kam der Fernsehturm im Jahr.

Begeisterung über die Gastronomie im Fernsehturm

Schon zur Eröffnung vor 70 Jahren hatten sich die Redakteure vor Begeisterung überschlagen. „Alles ist bunt und modern eingerichtet; bequeme leichte Stühle mit farbigen Polstern, ein lebhafter Bodenbelag und lustige Lämpchen in der Decke“, beschrieb einer das Café. Eine „geschwungene Treppe mit kühn in die Wand eingelassenen Stufen aus Kunststein“ führe zum zweiten Stock empor, wo sich ein seriös eingerichteter Raum befinde, „für den Herrn, der sich hier mit Geschäftsfreunden trifft“. Rund 200 Plätze hatte das Lokal zu bieten. Darunter befand sich die Küche, „die schlechterdings das Modernste ist, was Sie sich denken können“, stand 1956 in der Zeitung. „Suchen Sie sich ein nettes Plätzchen am Fenster aus“, empfahl der Redakteur. Es werde „wirklich allerhand“ zu essen und zu trinken geboten.

Die zweiten Turm-Pächter: Karl-Heinz Gnant und seine Frau übernahmen 1973 von den Radmanns. Foto: Archiv

In der damals „höchsten Turmgaststätte der Welt“ sorgte Fedor Radmann für „eine erstklassige Bewirtung und eine exquisite Küche“, darin waren sich die Redaktion und der Süddeutsche Rundfunk als Inhaber des Gebäudes einig. Als 1973 Karl-Heinz Gnant übernahm, ging es gleichermaßen weiter – zum Beispiel mit einer Spezialwoche „Nouvelle Cuisine Alsacienne“. Das Urteil über seine Nachfolger fiel weniger positiv aus: Sie „hätten sich bemüht, die Verträge, so gut es ging, zu erfüllen“, erklärte der Süddeutsche Rundfunk 1987 zum Rauswurf von Alfred und Margit Müllerschön nach nur fünf Jahren. Ein „modern geführtes Restaurant“ schwebte dem Eigentümer vor, der dann mit der Firma Diegast einem gastronomischen Großbetrieb den Zuschlag gab. Nach nur zwei Jahren schimpfte Stuttgarts Verkehrsdirektor Klaus Büscher allerdings über einen „halben Ordner voll Beschwerden“ seit dem letzten Pächterwechsel.

Unzufriedenheit beim Sender über die Pächter

Im Rundfunk gab es daraufhin sogar Überlegungen, die Gastronomie in luftiger Höhe aufzugeben. Für Leo Eigner, den Betreiber des Restaurants Münchner Löwenbräu, änderte sich im Sender dann aber die Meinung. Als Landhaus mit schwäbischer Küche eröffnete er das Lokal am Boden, unter dem Namen Skyline kam 1990 das Aussichtsrestaurant hinzu. Die Besucherzahlen sanken dennoch kontinuierlich. Als es nur noch 300 000 waren, brachte Leo Eigner einen seiner Bekannten ins Gespräch: 1999 übernahm Willi Weber. Der damalige Manager von Michael Schumacher wollte „Stuttgart aus dem Dornröschenschlaf erwecken“ – mit einem Gourmet-Lokal in 150 Metern Höhe.

Zur Eröffnungsparty versprach Willi Weber Auftritte der Supermodels Claudia Schiffer und Naomi Campbell, aber nur der Boxer Henry Maske tauchte auf. Dafür holte ihm der Koch Armin Karrer den ersehnten Michelin-Stern und machte die Gastronomie im Fernsehturm wieder einzigartig. Für „Weber’s im Turm“ mit seinen 40 Plätzen gab es Wartelisten. Michael Schumacher speiste dort ebenfalls, mit Armin Karrer und Willi Weber konzipierte er dort oben sogar ein Kochbuch mit seinen Lieblingsrezepten. Trotzdem ging die Erfolgsstory nach sechs Jahren zu Ende, weil sie auf Dauer nicht profitabel war.

Alex Deißler und Leif Urtel vom Bravo Charlie übernahmen im Jahr 2011 – und gingen pleite, als die Stadt den Fernsehturm zwei Jahre später aufgrund von mangelndem Brandschutz schloss. Bei der Sanierung sparte sich der Südwestrundfunk dieses Mal eine hohe Investition in die Gastronomie. Wegen der strengen Vorschriften hat das Café nur noch 50 Plätze. „Wir dürfen nicht einmal Rührei anbraten“, sagt Dennis Shipley, der deshalb einfache Gerichte anbietet – zumal er an Regentagen oft vergeblich auf Ausflügler wartet. Er setzt deshalb in seinen beiden nach dem Turm-Baumeister Fritz Leonhardt benannten Lokalen auf Events – so gibt es im Leonhardts Kultur über Menüs, die mit dem Aufzug hoch gefahren werden, bis hin zu Yoga. Außerdem kann sich jeder den Fernsehturm mieten: Drei Stunden kosten mit 840 Euro so viel, wie früher mancher betuchte Gast für ein Abendessen im Weber’s liegen ließ.