Bosch-Chef Stefan Hartung (links mit Kommunikationschef Christof Ehrhart) im Gespräch mit Anne Guhlich, stellvertretende StZ-Chefredakteurin, StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs und Wirtschaftsredakteur Klaus Köster. Foto: Simon Granville/Simon Granville

Im vergangenen Jahr hat der Stuttgarter Bosch-Konzern mehr als 10 000 Stellen abgebaut. Mitten in der Krise schöpft Konzernchef Stefan Hartung jedoch Hoffnung, dass das Schlimmste ausgestanden ist.

Der Bosch-Konzern hat im vergangenen Jahr 12 000 Arbeitsstellen gestrichen. Auch in diesem Jahr soll es an einzelnen Standorten wieder zu einem Abbau kommen. Die Konjunktur und der Start einer neuen Bundesregierung machen Konzernchef Stefan Hartung jedoch verhalten optimistisch.

 

Herr Hartung, Bosch hat im vergangenen Jahr eine fünfstellige Zahl von Arbeitsplätzen abgebaut. Geht die Entwicklung in diesem Jahr so weiter?

Niemand baut gerne Stellen ab – viel lieber schaffen Unternehmen neue Arbeitsplätze. Die schwache Weltkonjunktur bei Autos, die wachsende Konkurrenz durch chinesische Zulieferer und Hersteller und auch die Verunsicherung vieler Konsumenten belasten uns jedoch erheblich. Wir werden weiter viel investieren, um mit neuen Technologien auf dem Markt erfolgreich zu sein. Dass Verbrennerfahrzeuge der neuesten Generation aktuell immer noch Nachfrage finden, hilft uns bei der Transformation. An der E-Mobilität führt aber kein Weg vorbei und darauf stellen wir uns ein.

Dann wird es 2025 also nicht so weitergehen wie im vergangenen Jahr?

Die Ankündigungen aus dem letzten Jahr müssen wir jetzt erst einmal sozialverträglich umsetzen. Wir werden um weiteren Stellenabbau an einzelnen Standorten nicht herumkommen. Darüber sprechen wir aber zunächst mit unserem Sozialpartner. Konjunkturell wird 2025 voraussichtlich ein Übergangsjahr, in dem eine Wende zum Besseren hoffentlich schon sichtbar wird.

Das ist eine sehr optimistische Sicht…

… für die es Gründe gibt. Wir erwarten, dass es im Maschinenbau nach einem ausgeprägten konjunkturellen Tief wieder aufwärts geht. Auch eine neue Bundesregierung könnte ein Anlass sein, wieder positiv nach vorne zu blicken. Wir haben uns in Deutschland in letzter Zeit sehr darin bestärkt, wie schlecht es uns geht.

Mercedes hat angekündigt, die Produktion von 100 000 Autos im Jahr aus Deutschland nach Ungarn zu verlagern, um Lohnkosten einzusparen. Werden Sie als Zulieferer mitziehen?

Wir sind international schon jetzt gut aufgestellt – auch in Ungarn, wo wir einer der größten Arbeitgeber sind. Dort sind die Lohnkosten wesentlich niedriger als in Deutschland, wo sich vor allem hoch produktive, kapitalintensive, hochwertige Fertigung lohnt.

In Schwäbisch Gmünd gibt es eine solche hochwertige Fertigung, dennoch verlagern Sie von dort einen Teil der Produktion von Lenksystemen ins Ausland.

Wenn man mit den Kosten in Bereiche kommt, in denen auch mit hoher Automation nicht mehr wirtschaftlich gearbeitet werden kann, wird es schwierig, Beschäftigung zu halten. Bei der LKW-Lenkung können wir mit der Art, wie wir dieses Geschäft betreiben, nicht mehr am Markt teilnehmen. Wenn ich jeden potenziellen Auftrag aus Kostengründen an die Wettbewerber verliere, muss ich die strategische Ausrichtung ändern.

Wie groß ist angesichts solcher Kostenprobleme Ihr Optimismus für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland?

Wir werden bei Bosch auch in 10 oder 15 Jahren noch signifikante Teile der Produktion in Deutschland haben. Aber die Transformation vom Verbrenner zum Elektroantrieb wird einen erheblichen Arbeitsplatzverlust bedeuten. Der zeitlich verschobene Übergang zur E-Mobilität wirkt hier etwas entgegen, da etliche Mitarbeiter in Rente gehen, bevor ihr Arbeitsplatz wegen der Transformation wegfällt. Die demografische Entwicklung wird das Thema aber nicht komplett lösen.

Die Verzögerung bei der E-Mobilität ist für Sie also eine gute Nachricht?

Ja und Nein. Sie führt dazu, dass wir unsere bestehende Verbrenner-Produktion länger auslasten – genauer: die des Benziners. Vielleicht müssen wir sogar noch zusätzlich investieren, auch in Deutschland. Der Nachteil besteht darin, dass wir auch in die E-Mobilität viel investiert haben und diese teuren, technologisch hervorragenden Anlagen jetzt nicht auslasten können. Sie kosten jeden Tag viel Geld, ohne Gewinne einzufahren.

Würde eine neue Kaufprämie für E-Autos etwas bringen?

Ich halte nicht viel von direkten Zuwendungen an Konsumenten, weil das die Inflation treibt. Zudem nimmt man letztlich den Menschen, die kein E-Auto oder vielleicht auch gar kein Auto besitzen, Geld weg und gibt es den Käufern von E-Fahrzeugen. Eine solche Umverteilung halte ich für fragwürdig. Investitionen in die Ladeinfrastruktur ergeben mehr Sinn.

Seit Jahrzehnten streben die Bosch-Chefs an, das Gewicht der Kfz-Sparte zu reduzieren. Trotzdem steht sie weiter für 60 Prozent des Umsatzes. Gilt das Ziel noch?

Wir wollen eine erfolgreiche Sparte nicht künstlich schrumpfen. Wichtiger ist mir eine ausbalancierte Aufstellung in verschiedenen Weltregionen. Angesichts drohender Zölle müssen wir vor allem in den USA stärker werden. Der geplante Kauf des Heiz- und Klimatechnikgeschäfts von Johnson Controls war bereits ein großer Schritt in diese Richtung. Er zeigt zugleich, dass wir konsequent handeln, um außerhalb des Mobility Bereichs zu wachsen.

Was bedeutet das Wachstum im Ausland für den Standort Deutschland?

Gemessen am Absatzanteil, der bei uns auf Deutschland entfällt, beschäftigen wir hierzulande sehr viele Menschen. Die Zahl der Stellen in Deutschland wird in den nächsten Jahren zurückgehen. Das hängt aber nicht ursprünglich mit dem Wachstum im Ausland zusammen.

Welche Auswirkungen werden die zu erwartenden Zollschranken im Handel mit China und den USA auf Bosch haben?

Die Märkte werden kleiner. Handelsbarrieren führen zu teuren Doppelarbeiten, etwa in der Entwicklung. Man muss zudem manche Produkte doppelt vorhalten, was zu Preissteigerungen führt und die Nachfrage dämpft.

Das heißt, Sie müssen Ihre Erwartungen an Umsatz und Ertrag perspektivisch herunterschrauben?

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren weltweit wieder an die 100 Millionen Autos gebaut werden, wie das zuletzt 2017 der Fall war. Das bedeutet aber nicht, dass über die nächsten zehn Jahre ein ordentliches Wachstum der Bosch-Gruppe unmöglich ist. Das Wachstum wird jedoch nicht mehr daraus resultieren, dass wie früher jedes Jahr ein paar Millionen Autos in der Produktion dazukommen.

Was ist das Erste, das die neue Bundesregierung anpacken sollte?

Das Wichtigste ist, dass sie wieder Zuversicht ins Land bringt. Es muss für Unternehmen möglich sein, in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen und gute Gewinne zu machen. Dann wird reichlich Kapital in unser Land strömen, denn es sehnt sich geradezu danach, wieder in Deutschland investiert zu werden. Und Investitionen täten dem Land und den Menschen sehr gut.

Maschinenbau-Ingenieur

Vita
Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH kam 1966 in Dortmund zur Welt. Stefan Hartung studierte nach dem Abitur Maschinenbau mit der Fachrichtung Fertigungstechnik an der RWTH Aachen. Dort promovierte er auch zum Thema Qualitätsmanagement. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Karriere
Seit Anfang 2022 gibt Stefan Hartung den Kurs bei Bosch vor. Nach Stationen bei der Fraunhofer-Gesellschaft und der Unternehmensberatung McKinsey & Company ist Hartung seit 2004 im Unternehmen. Zu seinem Verantwortungsbereich zählen die Unternehmensstrategie, die Regierungsbeziehungen und der Zentralbereich Forschung und Vorausentwicklung.