Die robotergestützte Chirurgie ist auf dem Vormarsch: In Stuttgart werden nun auch Brustkrebspatientinnen mit OP-Robotern operiert. Wie ein solcher Eingriff abläuft.
Die Hand der Ärztin weist den Weg: Während der Plastische Chirurg Frank Werdin von der Konsole aus das robotergeführte Skalpell steuert, hat seine Kollegin Susanne Amur ihre Handfläche stets um die Brust der Patientin gelegt. Jede Bewegung, jeden Schnitt, den der Roboterarm im Inneren ausführt, kann sie so überwachen. Die Anspannung im chirurgischen Team des Diakonie-Klinikums Stuttgart ist hoch: Erstmals führt das Krankenhaus eine robotisch-assistierte, brustwarzenerhaltende Operation bei Brustkrebs durch – als eines der ersten Zentren in Deutschland.
Es ist ein hochkomplexer Eingriff: Die Brust muss nahezu ausgehöhlt, das gesamte Drüsengewebe entfernt werden – ohne dass die dünne Außenhaut beschädigt wird, erklärt Frank Werdin, einer der Hauptoperateure des zertifizierten Brustzentrums am Diakonie-Klinikum. Üblicherweise wird bei einer solchen Operation ein lang gezogener Schnitt unterhalb der Brust gemacht, die Haut aufgeklappt und das Gewebe entfernt.
Eingriffe mit OP-Robotern gelten als schonender
Es handelt sich dabei um einen routinierten Eingriff, der in deutschen Kliniken zehntausende Mal im Jahr gemacht wird – vor allem bei Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind. Oder auch bei Patientinnen, die vorsorglich das Brustgewebe entfernen lassen wollen, etwa aufgrund eines genetisch bedingten erhöhten Erkrankungsrisikos. Das Problem dabei: „Es bleiben meist sichtbare Narben zurück“, sagt Werdin. Auch klagen viele Frauen, dass ihre Brust auf Berührungen weniger empfindlich reagiert, weil bei einem solchen Eingriff oft Nervenstrukturen geschädigt werden.
Mit Hilfe eines OP-Roboters sollen diese Risiken minimiert werden. Das ist zumindest die Erwartung von Frank Werdin und seinem Team. Erste Studien bei roboter-assistierten Eingriffen in anderen Fachbereichen konnten solche Vorteile schon belegen: kürzere Intensivaufenthalte, weniger Schmerzen oder eine bessere Schonung des Nervensystems.
Erhalt der Brustwarze ist nicht nur ästhetisch wichtig
Über einen Zugang von rund vier Zentimetern Durchmesser in der Achselhöhle der Patientin wird die Brust mit Gas aufgepumpt, dann der Roboterarm eingeführt, der mit einem Skalpell und einer Kamera versehen ist. Werdin setzt sich vor die Steuerungskonsole in einer Ecke des Operationssaals. Über ein dort eingelassenes Okular blickt der Arzt nun in das Innere der Patientin. Gleichzeitig wird sein Sichtfeld auf verschiedene Monitore im OP-Saal übertragen.
Wie eine rot-orangene Höhle sieht es im Inneren der Brust aus. Nun gilt es, sämtliches Drüsen- und Fettgewebe von den Hautschichten zu lösen und durch das kleine Loch nach außen zu bugsieren – möglichst in einem Stück: Später soll das Gewebe auf Tumorzellen untersucht werden. Und so dringt Werdin mit dem Skalpell immer tiefer in die Brusthöhle hinein, stets bedacht, den Bereich der Brustwarze auszusparen: „Deren Erhalt hat nicht nur ästhetische, sondern vor allem eine große psychologische Bedeutung für die Patientin“, so Werdin.
Fast alle Stuttgarter Kliniken arbeiten mit Robotik
Die Geschäftsführung des Diakonie-Klinikums Stuttgart spricht von einem weiteren Meilenstein der robotischen Assistenzsysteme in der Chirurgie. Das Krankenhaus besitzt drei so genannte Da-Vinci- Systeme der US-amerikanischen Firma Intuitive Surgical, dem derzeitigen Marktführer. Aber auch andere medizinische Zentren investieren mehr und mehr Geld in solche Systeme. Die Robotik, so sieht es auch Frank Werdin, hat längst das Potenzial, die Planung und Durchführung von Operationen nachhaltig zu verändern.
In Stuttgart agieren – neben dem Diakonie-Klinikum – längst auch Ärzte am Klinikum Stuttgart und am Robert Bosch Krankenhaus mit der Hilfe von Roboterarmen an Knien, Wirbelsäulen, Verdauungsorganen oder an der Prostata. Im vergangenen Jahr zog das Marienhospital nach und leistete sich zusammen mit der Amtseinführung ihrer neuen Leiterin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie einen OP-Roboter.
Patienten fragen nach Eingriffen mit OP-Robotern
Die Erwartungshaltung an die neue Technik ist groß – auch bei den Patienten: „Viele fragen nach, ob man ihren Eingriff auch mit einem OP-Roboter vornehmen könnte“, bestätigt Frank Werdin. Einen Hype möchten die Fachärzte allerdings vermeiden – wie kürzlich auf dem Deutschen Chirurgenkongress in Leipzig betont wurde: „Wir sehen eine enorme Dynamik über viele chirurgische Disziplinen hinweg – gleichzeitig ist die Evidenz nicht in allen Bereichen gleich stark“, teilte der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Thomas Schmitz-Rixen, mit.
Nach Meinung der Fachgesellschaft ist es Zeit für eine belastbare Gesamtbewertung. Zu dieser sollen nicht nur die Kosten für die Anschaffung, Verbrauchsmaterialien und Instrumente betrachtet werden, sondern auch andere Faktoren – etwa wie lange die Patienten in den Kliniken sind, ob es Komplikationen gibt und wie viel ärztliches und medizinisches Personal ein solcher roboter-unterstützter Eingriff bindet.
Brust-OPs mit Roboter sollen in Stuttgart Routine werden
Auch das Diakonie-Klinikum Stuttgart ist sich dieser Kosten-Nutzen-Rechnung bewusst: „Vor allem im Bereich der Prostata-Operationen hat sich diese Technik bei uns etabliert und als wirtschaftlich herausgestellt“, sagt der Klinik-Sprecher Frank Weberheinz. Nicht zu unterschätzen sei das Einsparpotenzial aufgrund eines geringeren Personaleinsatzes im OP. Auch seien die Liegezeiten der behandelten Patienten wegen der minimalinvasiven Eingriffe kürzer, und es gibt weniger Nachbehandlungen. Ob dies bei der brusterhaltenden Operation ebenfalls so ist, muss sich zeigen. Die Klinik plant, künftig an mindestens einem Tag im Monat eine solche Operation an mehreren Patientinnen durchzuführen.
Für den aufwendigen Eingriff haben Werdin und seine Kollegin Amur lange trainiert. Mehrere Schulungen haben die beiden durchlaufen unter Anleitung von Ärzten aus Taiwan, wo diese Methode schon länger zum Einsatz kommt. Ihre erste richtige Patientin ist 38 Jahre alt, vor zwei Jahren schon einmal an Brustkrebs erkrankt und im Diakonie-Klinikum erfolgreich behandelt worden. Schon zu dieser Zeit musste das Gewebe in der rechten Brust entfernt werden – damals noch über die klassische Methode.
Nun wurde in ihrer linken Brust eine Krebsvorstufe entdeckt, weshalb man sich gemeinsam für eine vorsorgliche Entfernung des Brustgewebes entschieden hat. „Für uns ist das natürlich ein Glücksfall, dass wir es hier mit einer Patientin zu tun haben, die nun beide Formen der brusterhaltenden Operation erfährt“, sagt Werdin. Daran könne man nun auch gut vergleichen, welche Methode als schonender empfunden wird. Das wird allerdings frühestens nach einem Vierteljahr nach der Operation möglich sein.