Seit dem Trainingsstart am 18. Juni gibt Trainer Marco Wildersinn bei den Stuttgarter Kickers die Richtung vor. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Marco Wildersinn ist der Nachfolger eines Trainers, der Vizemeister wurde. Wie geht der neue Chefcoach der Stuttgarter Kickers mit dem Druck um? Was zeichnet ihn aus? Wie kommt er bei den Blauen an?

Der Nachmittag an diesem Mittwoch ist trainingsfrei. Marco Wildersinn kommt im Trainingsanzug in den Besprechungsraum der Geschäftsstelle und nimmt sich Zeit für das Wiedersehen. 16 Jahre nach seinem Abschied als Spieler von den Stuttgarter Kickers ist der 43-Jährige zurück: als Cheftrainer des Fußball-Regionalligisten. Verändert hat er sich wenig. Weder äußerlich noch von seiner Art her. Der Mann hat nach wie vor volles Haar, eine sportliche Figur und gibt sich wie schon früher als Spieler eher zurückhaltend, aber mit klarer Meinung. Wenn es die Lage erfordert, beherrscht er die Kunst der Diplomatie, insgesamt präsentiert er sich angenehm im Umgang, immer mit der nötigen Balance zwischen Nähe und Distanz.

 

„Ich freue mich wirklich, wieder hier zu sein, die Aufgabe ist sehr reizvoll“, sagt der ehemalige Innenverteidiger. Ein Lächeln blitzt auf, wie öfters, wenn der gebürtige Badener spricht. Allzu lange musste er nicht überlegen, das Traineramt zu übernehmen, nachdem sein ehemaliger Kickers-Mitspieler Enzo Marchese den Erstkontakt hergestellt hatte und schnell die Gespräche mit Sportdirektor Marc Stein folgten.

Starke Südwest-Regionalliga

Zumal er durch den hauchdünn verpassten Sprung in die dritte Liga mit den Würzburger Kickers nicht mehr vertraglich gebunden war. Dennoch hätte er beim Bayern-Regionalligisten bleiben können, einen dritten Anlauf Richtung Aufstieg in Angriff nehmen können. Der möglicherweise nicht ganz so beschwerlich wäre wie der mit den Blauen in der doch zumindest in der Breite deutlich stärkeren Südwest-Klasse.

„Die Konkurrenz ist hier schon groß. Nicht nur Offenbach und Homburg sind zu beachten, auch die zweiten Mannschaften muss man auf dem Zettel haben“, sagt Wildersinn. Dass die Stuttgarter Kickers nach dem auf den letzten Drücker verspielten Drittligaaufstieg nicht mit einer Zielsetzung Platz fünf oder sechs in die neue Runde gehen können, weiß der neue Chefcoach ganz genau, auch wenn das künftige Saisonziel offiziell noch gar nicht verkündet wurde. Dass Mustafa Ünal als Vizemeister gehen musste, macht den Druck auf ihn auch nicht gerade kleiner. Wobei das Schicksal seines Vorgängers nicht Wildersinns Thema ist: „Das spielt für mich eigentlich keine Rolle. Aber natürlich weiß ich, dass nach einem zweiten Platz Ansprüche da sind.“

Anspruchsvolles Training

Hohe Ansprüche, die Wildersinn auch an sich und seine Mannschaft stellt. Die Einheiten sind länger als früher, technisch-taktisch äußerst anspruchsvoll, heißt es aus der Mannschaft. Immer wieder feilt der Coach, der ein offensiv ausgerichtetes 4-3-3-System bevorzugt, an Details. Er geht auf die Spieler zu, holt sich Rückmeldungen. Die Meinung der Mannschaft ist ihm wichtig. Wie er seinen Führungsstil selbst beschreiben würde? „Ich bin nicht autoritär, stehe aber auch nicht für ein lockeres Laisser-faire. Eine gesunde Mischung macht’s.“

Den Trainerjob hat der studierte Sportwissenschaftler von der Pike auf gelernt. Als spielender Co-Trainer beim FC Nöttingen ging’s los. Es folgten Tätigkeiten als Assistenzcoach beim Karlsruher SC II (unter Markus Kauczinski) und Chefcoach der Karlsruher U 19, danach wurde er Co-Trainer bei der TSG Hoffenheim II (knapp eine Saison unter Thomas Krücken) und anschließend Cheftrainer dieses Teams (2014 bis 2020). Berührungspunkte hatte er mit vielen Trainern: Als Kickers-Profi etwa mit Robin Dutt und Peter Zeidler, in Hoffenheim mit Domenico Tedesco, Huub Stevens, Alfred Schreuder, Markus Gisdol und Julian Nagelsmann.

Traumnote 1,0

Beim aktuellen Bundestrainer absolvierte er im Rahmen seiner Ausbildung zum DFB-Fußballlehrer (Abschluss mit Traumnote: 1,0) auch sein Praktikum. „Seine natürliche Ausstrahlung war damals schon bemerkenswert“, erinnert sich Wildersinn, genauso wie an viele von ihm trainierte damalige Nachwuchstalente wie Vincenzo Grifo, die späteren österreichischen Nationalspieler Christoph Baumgartner und Stefan Posch oder St.-Pauli-Aufstiegstrainer Fabian Hürzeler.

Das Ende seiner Zeit im Kraichgau gestaltete sich dann aber doch nicht so erfreulich. Im Oktober 2020 trennte sich die TSG nach sieben, lange Zeit erfolgreichen, Jahren von Wildersinn als Trainer. Vier Punkte aus sieben Regionalliga-Spielen waren den Verantwortlichen zu wenig. Ausgerechnet sein ehemaliger Kickers-Mitspieler Marcus Mann, seinerzeit neu eingestiegener TSG-Akademieleiter, gab ihm den Laufpass. „So etwas gehört dazu. Man darf sich in diesem Geschäft eben nie zu sicher sein“, sagt Wildersinn.

Haus in Wössingen

Der Mann nimmt also jede Menge Erfahrungen mit in seine neue Aufgabe bei den Kickers, die er derzeit noch teilweise vom Hotel aus ansteuert. Ehefrau Annabelle und Sohn Theo (4) wohnen noch in Würzburg. Das gemeinsame Haus in Wössingen bei Bretten wird im Herbst bezugsfertig. Dann passt auch mit Bezug aufs Eigenheim die Mischung aus Nähe und Distanz zum Arbeitsplatz.

Vorbereitung

Termine
TSV Bernhausen – Stuttgarter Kickers 2:12; TSG Backnang – Kickers 0:5; Kickers – FV Illertissen 3:3; Kickers – 1. CfR Pforzheim 1:1; Freitag, 12. Juli: Testspiel Kickers – SC Freiburg II (15 Uhr, beim SV Spielberg Am Talberg 16, 76307 Karlsbad-Spielberg); Montag, 15. Juli, bis Donnerstag, 18. Juli: Trainingslager in Sonthofen; Samstag, 20. Juli: Jubiläumsturnier im Gazi-Stadion Kickers – SSV Jahn Regensburg (12 Uhr), SSV Jahn Regensburg – FC Blau Weiß Linz (14.30 Uhr), Linz – Kickers (17 Uhr); Wochenende 27./28. Juli: erster Regionalliga-Spieltag. Dienstag/Mittwoch 30. Juli/31. Juli: 2. Runde WFV-Pokal Sieger SG Bettringen/FC Esslingen – Kickers. (jüf)