Kickers-Verteidiger Paul Polauke behauptet sich gegen Eintracht-Mittelfeldspieler Djibril Sow. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Bei den großen Spielen verteidigt Paul Polauke für die Stuttgarter Kickers, im Oberligaalltag sitzt er oft nur auf der Bank. Wie geht der 22-Jährige, der sich auch mal Tipps vom Ex-Handball-Nationalspieler Markus Baur holt, damit um?

Ein bisschen Gefrozzel von den Mitspielern musste er sich nach dem 0:2 im DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt schon anhören: „Es sagt dann schon mal einer: Bei den großen Spielen bist zu dabei, ansonsten machst du es dir auf der Bank gemütlich“, erzählt Paul Polauke mit einem Schmunzeln. Der Abwehrspieler der Stuttgarter Kickers ist beim Fußball-Oberligisten der Mann für die Spezialaufträge. Je stärker der Gegner, umso so höher sind seine Chancen zu spielen. Das war vergangene Rückrunde beim Oberligahit gegen den SGV Freiberg (1:2) so, das war beim DFB-Pokal-Erstrundenspiel gegen Zweitligist SpVgg Greuther Fürth (2:0) genauso – und eben auch jetzt gegen den European-League-Sieger aus Hessen.

 

In all diesen Topspielen stand der 22-Jährige in der Anfangsformation. Im Ligaalltag drückt er meistens die Bank, nur bei zwei von 13 Punktspielen stand er beim Anpfiff auf dem Feld, fünfmal wurde er eingewechselt, insgesamt stehen 276 Oberliga-Minuten auf seinem persönlichen Saisonkonto. „Das ist dem Matchplan geschuldet, in der Oberliga sind wir in der Defensive einfach nicht so gefordert“, erklärt Polauke die etwas paradoxe Situation. Eigentlich ist er in der Innenverteidigung zu Hause, in den DFB-Pokal-Highlights kam er als Außenverteidiger zum Einsatz, gegen Fürth links für David Kammerbauer, gegen Frankfurt rechts für Malte Moos, was für seine Flexibilität spricht.

Lob für Zagaria/Kolbe

Die beiden Stammkräfte sind kleine, flinke Wirbelwinde, die offensive Akzente setzen. Der 1,89 Meter große Polauke ist der körperlich robustere, rustikalere, kopfballstärkere Mann. Und nach den Abgängen von Ruben Reisig und Mijo Tunjic können die Blauen Lufthoheit mehr denn je gebrauchen. Von der Statur her gehört er ins Abwehrzentrum, doch da sind Denis Zagaria und Niklas Kolbe gesetzt. Polauke erkennt ihre Leistungen auch an: „Sie sind in der Oberliga das Top-Innenverteidiger-Duo, auch in der Regionalliga wären die beiden mit das beste.“ Deshalb nimmt er seine Rolle an, „zumal der Erfolg der Mannschaft ohnehin an erster Stelle steht.“ Dass er bei den Highlights als Außenverteidiger zum Einsatz kommt, sieht er sogar als besonders hohe Wertschätzung an: „Ich genieße das Vertrauen, obwohl es gar nicht meine eigentlich angestammte Hauptposition ist.“ Trainer Ünal bestätigt das: „Dass ich ihn, wenn es der Matchplan erfordert, auf der Außenverteidigerposition bringe, unterstreicht nur seinen Stellenwert für die Mannschaft.“

Der gebürtige Ludwigsburger muss im Alltag weiter auf seine Chance warten: „Das ist schon eine schwierige Phase für mich, aber solch eine Zeit gibt es für einen jungen Spieler, ich gehe jeden Tag gerne ins Training, aber natürlich würde ich lieber öfter spielen“, sagt er vor dem Heimspiel an diesem Samstag (14 Uhr/Gazi-Stadion) gegen den SSV Reutlingen.

Schöne Zeit in Ingolstadt

Im Sommer 2021 hatte ihn der damalige Trainer Ramon Gehrmann vom Regionalligisten FC Ingolstadt II nach Degerloch geholt. Er kannte ihn aus seiner Zeit beim SGV Freiberg, wo Polauke nach seinen ersten Gehversuchen bei seinem Heimatverein FV Ingersheim elf Jahre als Jugendspieler am Ball war, ehe er nach Ingolstadt wechselte. „Ich war dem FCI bei einem Testspiel aufgefallen, ich hatte dort drei tolle Jahre“, sagt Polauke, der mit den Profis auch mittrainierte und bei Test- und Pokalspielen zu Einsätzen kam.

Bei den Kickers gab es für ihn bisher Höhen und Tiefen. Da ist er froh, dass seine Freundin Chiara auch Leistungssportlerin ist, sie spielt Handball beim Drittligisten TV Nellingen. „Sie weiß wie es im Sport auf und zu geht, der Austausch mit ihr ist für mich gewinnbringend“, sagt Polauke. Auch mit ihrem Vater, dem ehemaligen Handball-Nationalspieler Markus Baur, tauscht er sich ab und zu aus: „Markus hat im Sport so viel erlebt, er weiß wie alles abläuft, da hole ich mir schon einmal einen Tipp ab.“ Fußballer unter sich sind dann, wenn sich Polauke mit Chiaras Bruder Mika unterhält, der für den Drittligisten SC Freiburg II und die deutsche U-19-Nationalmannschaft dem Ball nachjagt.

Bleibt die Frage, worin sich Fußballer und Handballer unterscheiden? „Ich denke, der Teamgedanke steht im Handball noch mehr im Vordergrund, es geht radikaler zu auf dem Spielfeld und dennoch ist mit einem Handshake danach alles vergessen. Zudem ist Theatralik verpönt“, räumt Polauke offen ein. Einen Vorteil hätte der Handball für ihn auf alle Fälle: Dort kann fliegend gewechselt werden, weshalb der Mann für die Spezialaufträge – nicht wie bisher – meistens auf die großen Spiele warten müsste.