Das 1:3 in Großaspach ist ein Spiegelbild der Probleme, die die Stuttgarter Kickers die Hinrunde über begleiteten. Eine Analyse zur Halbzeit der Regionalligasaison samt Ausblick.
Die Ansprache in der Kabine dauerte offensichtlich etwas länger. Marco Wildersinn kam mit Verspätung zur Pressekonferenz in die Katakomben der Wir-machen-Druck-Arena. Als der Trainer der Stuttgarter Kickers nach dem 1:3 (1:2) bei der SG Sonnenhof Großaspach nach seinem Hinrundenfazit gefragt wurde, sagte er: „Wir haben viel Arbeit hinter uns, viel Arbeit vor uns und insgesamt viel Luft nach oben.“
Bei Halbzeit stehen die Blauen mit 26 Punkten und einem Torverhältnis von 23:25 auf Platz zehn. Der Rückstand auf den seit acht Spielen sieglosen Spitzenreiter SGV Freiberg beträgt in dieser kuriosen und engen Liga sechs Punkte.
4860 Zuschauer im Fautenhau
Die Partie vor den 4850 Zuschauern im Fautenhau war in vielen Bereichen ein Muster dessen, was die Kickers in der ersten Saisonhälfte ablieferten.
Durchschlagskraft Das Spiel der Kickers ist teilweise schön anzusehen. Es wird flüssig kombiniert, mit Doppelpässen und Spielverlagerungen, doch wenn es Richtung Strafraum geht, fehlt es an Gradlinigkeit, Zielstrebigkeit und Effizienz. Bisweilen auch an Tempo, Ideen und Kreativität. In Aspach schaffte es das Team nach der Gelb-Roten Karte für SG-Offensivmann Mert Tasdelen (51.) nicht, eine klare Torchance herauszuspielen. Der einzige Treffer durch Flamur Berisha zum 1:1 (27.) resultierte aus einem Fehler von SG-Innenverteidiger Antonis Aidonis, der bei der Spieleröffnung Berisha angeschossen hatte.
Torwart Bei den Großaspacher Toren durch Mert Tasdelen zum 1:0 (16.) und Ex-Kickers-Spieler Loris Maier (der auch das 3:1/80. erzielte) zum 2:1 (44.) sah Kickers-Keeper Leon Neaime nicht gut aus. In den ersten zehn Saisonspielen hatte Bela Dumrath das Vertrauen bekommen, jedoch auch immer wieder Schwächen gezeigt, weshalb Neaime in den restlichen sieben Vorrundenspielen seine Chance erhielt. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass nach der Winterpause nicht einer der beiden 21-Jährigen zwischen den Pfosten steht, sondern der dann nach seinem Kreuzbandriss wiedergenesene Felix Dornebusch (31).
Robustheit „Wir haben gegen die robustere, männlichere und cleverere Mannschaft verloren“, analysierte Wildersinn. Vor allem in den Strafräumen war der willensstarke Aufsteiger präsenter, sowohl bei Standardsituationen als auch aus dem Spiel heraus. Diese Wucht und Dominanz fehlt den Blauen, was bei einem Blick auf die erzielten Tore eindrucksvoll belegt wird: Großaspach hat 47 Treffer erzielt, die Kickers gerade mal 23.
Auswärtsschwäche Ein Knackpunkt für die mittelmäßige Platzierung der Kickers ist die Diskrepanz bei Heim- und Auswärtsspielen. Im Gazi-Stadion konnten, bei einem Zuschauerschnitt von 4300 pro Spiel mit den Fans im Rücken, 17 Punkte ergattert werden (nur eine Niederlage), auswärts dagegen verloren die Blauen sechs Mal, und es reichte nur zu neun Zählern.
Trainer Am Saisonende läuft der Vertrag von Marco Wildersinn aus. Da wäre es legitim, wenn man in Erwägung zieht, sich neu zu orientieren. Das gilt im Übrigen für beide Seiten. Genauso klar: Mit Ergebnissen wie in Aspach wird die Wahrscheinlichkeit für eine Vertragsverlängerung nicht höher. Aber natürlich muss die Strecke einer Arbeit bewertet werden, die Entwicklung der Mannschaft bei der Beurteilung herangezogen werden. In diesem Kalenderjahr werden laut Siebrecht keine Gespräche diesbezüglich stattfinden. „Wir werden uns im Frühjahr zusammensetzen, wie es weitergeht. Das ist für mich der richtige Zeitpunkt“, sagt der Sportgeschäftsführer.
Zumindest ansatzweise erinnert die Spielweise unter Wildersinn an die unter Ramon Gehrmann. Beide legen großen Wert auf Ballbesitzfußball. Als der unter Gehrmann keinen Erfolg mehr brachte, beförderte Siebrecht im September 2021 Mustafa Ünal zum Chef und gab damit einem Trainertypen die Verantwortung, der eher auf Power-Umschalt-Fußball mit Intensität und Aggressivität gegen den Ball setzt, der bei den Kickers lange Zeit – aber am Ende eben nicht mehr – erfolgreich war. Das zeigt: Die Mischung macht’s. Siebrecht sagt zu dem Thema nur so viel: „Am Ende müssen einfach Aufwand und Ertrag im richtigen Verhältnis stehen.“ In Bezug auf die laufende Saison haben es die Kickers, speziell auswärts, den Gegnern durch einfach Fehler zu leicht gemacht, um zum Torerfolg zu kommen.
Ausblick Am kommenden Samstag (14 Uhr) steht das letzte Heimspiel des Jahres gegen Fulda an. Dann folgen noch die Partien beim SV Sandhausen (30. November, 14 Uhr) und in Trier (5. Dezember, 19 Uhr). „Wir wollen gute Leistungen bringen, punkten und mit großer Energie ins neue Jahr gehen“, sagte Wildersinn nach dem Rückschlag in Aspach.
Saison 2025/26
Ergebnisse
1. Göppinger SV – Kickers (0:2/zweite WFV-Pokal-Runde), SG Barockstadt Fulda-Lehnerz – Stuttgarter Kickers 0:1, Kickers – SV Sandhausen 3:2, VfR Aalen – Kickers (0:2/dritte WFV-Pokal-Runde), Kickers – Eintracht Trier 1:1, 1. FSV Mainz 05 II – Kickers 3:0, Kickers – Kickers Offenbach 1:2, TSV Weilimdorf – Kickers (1:2/WFV-Pokal-Achtelfinale), TSV Steinbach Haiger – Kickers 0:1, Kickers – SC Freiburg II 4:0, KSV Hessen Kassel – Kickers 3:0, FC Bayern Alzenau – Kickers 3:0, Kickers – SGV Freiberg 1:1, FSV Frankfurt – Kickers 3:0, Kickers – Bahlinger SC 3:0, TSG Balingen – Kickers 0:2, Kickers – TSV Schott Mainz 2:1, FC 08 Homburg – Kickers 2:1, Kickers – FC-Astoria Walldorf 2:1, Kickers – SG Sonnenhof Großaspach 2:1.
Termine
Kickers – SG Barockstadt Fulda-Lehnerz (Samstag, 22. November, 14 Uhr), SV Sandhausen – Kickers (Sonntag, 30. November, 14 Uhr), Eintracht Trier – Kickers (5. Dezember, 19 Uhr), Kickers – 1. FSV Mainz 05 II( 20. bis 22. Februar 2026). (jüf)