Die Stuttgarter Kickers haben von den vergangenen sieben Pflichtspielen nur eines gewonnen. Es gibt einige Baustellen beim Regionalligisten. Eine Bestandsaufnahme vor dem Spiel am Samstag bei Schlusslicht Bahlinger SC.
Die Erwartungshaltung ist höher als in der vergangenen Saison, die Spielweise eine andere. Und auch, wenn gewisse Umstellungen Zeit benötigen: Sechs Wochen Vorbereitung und 14 Pflichtspiele sollten reichen, um Fortschritte zu erzielen. Bei den Stuttgarter Kickers ist dies bisher nicht der Fall. Sie sind im WFV-Pokal-Achtelfinale ausgeschieden und holten aus den vergangenen vier Regionalligaspielen nur einen Punkt. Vor dem Spiel am Samstag (14 Uhr – hier im Livestream) beim Bahlinger SC tun sich einige Baustellen auf und der Druck auf Trainer Marco Wildersinn und Sportdirektor Marc Stein ist gewaltig gestiegen.
Systemänderung Manche Beobachter der jüngeren Kickers-Geschichte fühlen sich in der aktuellen Phase an die Oberliga-Zeit unter Trainer Ramon Gehrmann erinnert. Der Fußball-Lehrer legte Wert auf eine gepflegte Spieleröffnung, es wurde gefällig der Ball laufen lassen, doch am Ende zeigte sich die Defensive oft zu anfällig, und es wurden schlicht und ergreifend zu wenig Spiele gewonnen. Der damalige Sportliche Leiter Lutz Siebrecht zog im September 2021 die Reißleine, installierte Mustafa Ünal. Unter ihm dominierte das Umschaltspiel, entscheidend geprägt von hoher Laufbereitschaft, körperlicher Robustheit, Intensität und Power – vor allem im Spiel gegen den Ball.
Umstellung greift nicht
Es wurde nicht über die zentrale Sechser-Position nach vorne kombiniert, sondern meistens schnell in die Spitze gespielt. Das funktionierte unter seiner Regie bis auf das Kalenderjahr 2024 vorzüglich, dann folgte der Einbruch. Für Sportdirektor Marc Stein Grund genug, auf eine dominantere Spielweise mit Ballbesitzfußball zu setzen und mit Marco Wildersinn den passenden Trainer für dieses System zu verpflichten. Das Problem: Die Umstellung greift (noch) nicht. Einen Plan B scheint es nicht zu geben. Von einem Mix aus beiden Philosophien , den es idealerweise zu finden gilt, ist wenig zu erkennen.
Durchschlagskraft Die Kickers kombinieren in ihrem 4-3-3-System häufig gut. Doch sie machen in diesen Phasen der Dominanz zu wenig aus ihrer Überlegenheit. Sie belohnen sich für ihren hohen Aufwand zu selten, weil im letzten Drittel Gier und Durchschlagskraft fehlen. In elf Regionalligaspielen gelangen nur in einer Begegnung mehr als zwei Tore (beim 5:1 gegen den TSV Steinbach Haiger). Seit dem Weggang von Mijo Tunjic fehlt im Sturmzentrum ein Vollstrecker mit Killerinstinkt.
Immerhin zeigt David Braig aufsteigende Tendenz, er erzielte gegen Hoffenheim II sein drittes Saisontor. Doch Daniel Kalajdzic hat auch unter Wildersinn nicht den erhofften Durchbruch geschafft, Niklas Antlitz spielt so gut wie keine Rolle mehr und Neuzugang Meris Skenderovic konnte bisher auch keine wesentlichen Akzente setzen.
Bruch im Spiel nach Führung
Konstanz Die Blauen kamen bisher oft sehr gut in die Spiele rein, gingen in Führung und dominierten den Gegner klar, ehe plötzlich ein Bruch ins Spiel kam. Ruhe, Präzision und Ordnung gingen verloren. Beispiele sind die Partien beim FC 08 Homburg, beim FC Gießen, gegen den SGV Freiberg (Pokal und Liga), gegen Hoffenheim II, und auch das Heimspiel gegen den FSV Frankfurt lief nach einem ähnlichen Muster ab. Warum das so ist? Die Positionen werden nicht mehr so diszipliniert gehalten, die Abstände zu Mit- und Gegenspielern passen nicht mehr. Das neu formierte Team sei noch nicht so weit, meint Wildersinn. Es fehle noch am kollektiven Selbstverständnis, hinzu kämen immer wieder individuelle Fehler, die zu Gegentoren führen.
Führungsstärke Auffallend ist, dass in den Phasen, wenn das Spiel zu kippen droht, keiner im Team da ist, der gegensteuert. Statt dass einer die Dinge wieder ordnet, vorangeht, seine Mitspieler aufrüttelt und mitreißt, plätschert alles weiter so dahin. Zumindest drängt sich dieser Verdacht von außen auf.
Was auch die Reaktionen aus dem B-Block nach dem Hoffenheim-Spiel belegen. Spieler wie Paul Polauke und Marcel Schmidts, die Attribute wie Intensität, Härte, Aggressivität in den Zweikämpfen verkörpern, gehörten zuletzt nicht zum Kader. Auf die Dienste von Luigi Campagna, der mit seiner Mentalität auch für die Kabine wichtig war, wurde kein Wert mehr gelegt.
Stabilität Die Kickers wirken beim Umschaltspiel des Gegners bisweilen anfällig, die Restverteidigung ist in diesen Situationen nicht gut gestaffelt. Die Blauen machen es dem Gegner zu einfach, lassen zu viele Chancen zu, daraus resultieren leichte Gegentore. „Es fehlt der Wille, die unbedingte Gier, das Tor zu verteidigen“, sagte Braig nach dem 1:2 gegen Hoffenheim.
Kadergröße Derzeit haben die Kickers einen Kader mit 24 Spielern (plus den U-19-Spielern Nevio Schembri und David Mitrovic sowie dem verletzten Marian Riedinger). Regelmäßig schaffen Spieler wie Paul Polauke, Vico Meien, Konrad Riehle, Dennis de Sousa und Niklas Antlitz nicht einmal den Sprung in den Spieltagskader. Das macht es für Trainer Wildersinn nicht einfacher, die Stimmung im Team hochzuhalten.