Johannes Mehne arbeitet als Arzt im Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus. Hier schreibt er über seine Erfahrungen während der Pandemie. Heute geht es um die Uneinsichtigen, die hinter verschlossenen Türen landen.
Die Fenster der Zimmer sind fest versperrt, die Türen von außen verschlossen. Davor haben sich Security-Männer positioniert. Coronapatienten, die in diesem abgesonderten Bereich der Klinik in Stuttgart untergebracht werden, sind eigentlich gar keine Patienten.
Sie müssen hier nicht wegen der Schwere ihrer Infektion behandelt werden. Diese Menschen wurden zwangsweise isoliert, weil sie andere nicht anstecken sollen und sich trotz der geltenden Regeln nicht selbstständig isolieren können – oder wollen.
Hinter jedem Fall steckt ein Schicksal
Hinter jedem einzelnen Fall, den ich miterlebt habe, steckt ein persönliches Schicksal. Dazu gehören insbesondere diejenigen, die überhaupt nichts dafür können, in diese Form von Zwangsisolation zu geraten: psychisch kranke Patienten und Menschen mit geistiger Behinderung. So wurde in der Hochphase einer Welle, in der das Coronavirus noch viel lebensgefährlicher war als die aktuelle Omikron-Variante, eine junge Frau zu uns gebracht. Aufgrund ihrer psychischen Erkrankung war sie gar nicht in der Lage zu verstehen, warum sie bei einer Corona-Infektion zu Hause bleiben muss und nicht mit anderen zusammenkommen darf. Aber offenbar hat man sich bei der jungen Frau nicht mehr anders zu helfen gewusst, als sie in eine richterlich angeordnete Zwangsisolation zu stecken. Zum Glück war dies eines von sehr wenigen extremen Einzelschicksalen.
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Ein Betrunkener hat sich nicht kooperativ verhalten
Die weit größere Gruppe der zwangseingewiesenen Corona-Infizierten besteht aus solchen, die sich nicht an die Regeln halten, weil sie betrunken sind oder andere Drogen konsumiert haben. Beispielhaft ist hier die Geschichte eines obdachlosen Mannes, der in alkoholisiertem Zustand eine Treppe hinunterstürzte. Er kam zunächst in die Notaufnahme eines kleineren Krankenhauses. Bei ihm war nichts gebrochen, er hätte eigentlich wieder entlassen werden können. Doch sein routinemäßiger Corona-Abstrich war positiv. Und weil er in betrunkenem Zustand allen erzählte, sich nicht in Isolation zu begeben, wurden Polizei und Ordnungsamt eingeschaltet.
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Querdenker gehören zur Gruppe
Schließlich brachten sie ihn in Handschellen zu uns. Hier verhielt er sich – wie viele der süchtigen Isolationsverweigerer – nicht gerade kooperativ. Als er Entzugserscheinungen bekam, zerschlug er alles, was noch in seinem Raum belassen worden war: das Bett, die Toilette und die Fensterscheiben.
Uneinsichtige kommen in abgesonderte Bereiche
Dass uneinsichtige Menschen hier landen, wird immer richterlich angeordnet. Die Betroffenen werden entsprechend des Infektionsschutzgesetzes zwangseingewiesen, wenn sie sich trotz der behördlichen Vorgaben nicht häuslich isolieren. Dafür kommen die Corona-Infizierten dann für die angeordnete Dauer in abgesonderte Bereiche von entsprechend vorbereiteten Kliniken. Hier wird natürlich auch medizinisch nach ihnen geschaut, auch wenn die Corona-Infektion selbst meist kein größeres Problem ist.
Ein positiv getesteter Arzt hat einfach weitergearbeitet – ohne Maske
Die ärgerlichste Gruppe unter den Isolationsverweigerern bilden die sogenannten Querdenker. Wir hatten einen Mann bei uns, der selbst sogar Arzt ist. Er hatte gemeint, die Existenz des Erregers grundsätzlich infrage stellen zu müssen. Als ein Coronatest bei ihm positiv ausgefallen war, arbeitete er in seiner Praxis einfach weiter – und das ohne Mundschutz. Die örtlichen Behörden verdonnerten ihn nach ein paar Tagen zumindest zu einem erneuten Coronatest.
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Den wollte er nicht machen, ließ sich stattdessen lieber mit dem Taxi vom anderen Ende Baden-Württembergs zu uns fahren, um eingesperrt zu werden. Nach einer Nacht in Isolation hatte er es sich anders überlegt: Er stimmte einem Coronatest zu. Der war dann auch negativ und der Mann fast schneller wieder weg, als die Tür zu seinem Zimmer aufgeschlossen werden konnte.
Der Kolumnist
Vita
Johannes Mehne hat in den vergangenen zwei Jahren in der Abstrich-Ambulanz, der Notaufnahme und auf den Intensivstationen Patienten behandelt, die an Corona erkrankt waren. Der 35-Jährige promovierte an der Berliner Charité, schloss in Dortmund ein Journalistik-Studium ab und volontierte beim ZDF. Er arbeitet im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart und schreibt an dieser Stelle regelmäßig.