Um direkt an den Neckar zu gelangen, muss man in Stuttgart findig sein. Warum ist das so? Warum gelingt anderen Städten, was Stuttgart nicht schafft: Leben an den Fluss zu bringen? Wir haben uns auf die Suche nach den Neckarperlen begeben.
Ein Ehepaar zieht nach dem Zweiten Weltkrieg von Aulendorf im Landkreis Ravensburg an den Bodensee. Es ist aufregend für die jungen Leute, endlich dem See so nah zu sein. Doch Eriskirch, eine kleine Gemeinde nahe Friedrichshafen, ist durch das Ried, ein Naturschutzgebiet, vom See getrennt. Das Paar kauft sich kurzerhand ein Ruderboot und schippert einfach auf der Schussen, einem kleinen Fluss, zum See. Dass sie damit den Ärger der gesamten Anglerschaft auf sich ziehen, stört sie wenig. Der See ruft.
Drei Jahrzehnte später. Ein kleines Mädchen wächst in Waiblingen auf. Ihr Lieblingsspielplatz liegt auf der Erleninsel. Diese ist umgeben von der Rems. Regelmäßig geht das Mädchen in dem kleinen Fluss schwimmen, obschon das schon damals niemand sonst macht. Außer den Schwänen, von denen es gejagt wird, wenn diese Küken haben. Einmal bringt das Mädchen ihre halbe Geburtstagsgesellschaft dazu, mit ihr in der Rems abzutauchen. Zuhause geht es dann für alle erst einmal in die Badewanne. Egal. Der Fluss ruft.
Seit jeher zieht es Menschen ans Wasser, und seit jeher machen sie sich den See oder den Fluss zu eigen. Aller Hindernisse zum Trotz.
In Stuttgart eignet sich der Mensch den Neckar entgegen aller Widerstände der Stadt an. Was wurde hier nicht schon alles geplant und in Aussicht gestellt, um den Fluss in das Leben der Städter zu integrieren . . . Doch bisher haben es allein die Dinosaurier an den Neckar geschafft, die Nilpferde sucht man weiterhin vergeblich. Das geplante Becken am Neckar ist wohl baden gegangen, während der Kommerz immer obenauf schwimmt.
Man riecht und ahnt das Wasser mehr als dass man es sieht oder gar fühlt
Der Mensch an sich wird vom Neckar an den meisten Stellen in Bad Cannstatt sowieso abgeschirmt. Freilich gibt es Wege für Spaziergänger und Radfahrer am Fluss. Aber diese ziehen sich meist etwas oberhalb entlang, nicht selten ist sogar der Blick auf den Neckar durch Büsche und Bäume versperrt. Hier riecht und ahnt man das Wasser mehr als dass man es sieht oder gar fühlt.
Wohl dem, der noch gut zu Fuß ist und sich gerne mal auf Abwege begibt. Denn nach den Sitzbänken, die kurz nach der Anlegestelle des Theaterschiffes mit dem schönen Namen „Frauenlob“ in der Neckarvorstadt zu einem unverstellten Blick auf den Neckar einladen, gibt es einen Trampelpfad. Derjenige, der also einfach weiter der Nase langgeht und nicht wieder auf den offiziellen Weg zurückkehrt, kann bis hinter die Müllverbrennungsanlage Münster direkt am Fluss entlang wandeln. Ab und an sieht man Ruderer auf dem Neckar – die geplante Neckarwelle, also der Bau einer surfbaren Flusswelle auf dem Neckar, ist indes längst gestorben.
Dieser Trampelpfad liegt teils schon fast gefährlich nahe am Neckar. Stellenweise muss man aufpassen, nicht auszurutschen und im Fluss zu landen. Und danach in der Badewanne. Dafür belohnt der Weg immer wieder mit kleinen Buchten und Sandbänken, die fast schon romantisch anmuten. Hier möchte man sich niederlassen, auf einem kleinen Steg, einer Sitzmauer oder zum Sitzmöbel umfunktionierten Baumstamm. Auch Sitzkiesel wären hier prima. Doch nichts lädt zum Verweilen ein.
Vor einiger Zeit hatten ein paar findige Menschen ein altes Sofa an solch eine kleine Bucht geschleppt; man fragte sich wie. Natürlich war es mit der Zeit räudig geworden, das Polster oll, der Stoff zerschlissen. Mehr was für den Müll denn für den Müßiggang. Inzwischen ist es weg, wahrscheinlich wurde es als das erkannt, was es war: Sperrmüll. Stuttgart muss schließlich sauber bleiben. Und arm an Sitzgelegenheiten am Fluss.
Zugegeben, dem Reiher, der sich in aller Seelenruhe im Uferbereich auf Futtersuche macht, ist es sicher recht, dass er den Neckar hier fast für sich alleine hat. Aber der Blick auf den Bodensee zeigt: Mensch und Natur können sich das Wasser aufs Schönste teilen: extra ausgewiesene Naturschutzgebiete bieten Schutzräume für Tiere, an anderen Stellen wird das Wasser den Menschen zugänglich gemacht. Und zwar nicht nur halbherzig – so wie es bisher in Stuttgart der Fall ist.
Bereits 2017 wurde der Masterplan „Stadt am Fluss“ ausgerufen. Wie eine Perlenkette sollten neue Projekte den Neckar um Stuttgart für die Bürger erlebbar machen. Die ersten Ideen entstanden bereits in den 1980er Jahren, und Alt-OB Fritz Kuhn rief gar einen Masterplan „Lebensraum Neckar“ aus.
Doch kaum etwas ist passiert. Dabei ist es durchaus möglich, das alles möglich zu machen, zumal der Stuttgarter Gemeinderat bereits 14,5 Millionen Euro an Planungsmitteln bereitgestellt hat. München, Heilbronn, Basel und Wien etwa sind Städte, die vormachen, wie es gehen könnte. Überall dort haben die Stadtverwaltungen und/oder die Stadtgesellschaften Wind in die Sache Leben am Fluss gebracht, haben Orte für Kultur, Erholung, Sport und zum Schwimmen geschaffen.
In Stuttgart hingegen herrscht Flaute. Wer in der Landeshauptstadt all das will, pilgert mit den Scharen zum Max-Eyth-See, mietet ein Boot und hofft wenigstens dort auf ein bisschen Wind in den Segeln und darauf, dass die Fisch nicht bäuchlings im See treiben, trinkt ein Bier im Biergarten, geht an dem künstlichen See spazieren und lässt sich den Rauch und Wurstgeruch der Hunderte an Grills in die Nase wehen. Das Vogelgezwitscher übertönt die Musik aus den mitgebrachten Boxen allemal.
Dafür hat ein kleines bürgerschaftliches Projekt, der Verein Neckarinsel, sich mitten im Neckar breit gemacht und die Neckarinsel, eine kleine Oase mitten im Wasser, angeeignet. Die rund 30 Mitglieder wollen „ den Fluss wieder in das Bewusstsein der Menschen rücken und einen Ort für Austausch, Bildung und Erlebnis für die Stadt schaffen“. Das langfristige Ziel ist eine kooperative, nachhaltige und radikal-positive Neugestaltung des Neckars in Stuttgart.
Der Verein will mit einem vielseitigen Angebot einen Zugang zum Fluss für alle schaffen: Es gibt Inselführungen mit verschiedenen Expertinnen und Experten, eine Wasserfilteranlage, die zum Experimentieren einlädt, und eine kleine Inselbibliothek zum Schmökern.
Auch die IBA`27 will am Rand von Stuttgart-Untertürkheim, wo das Neckarufer an vielen Stellen hinter Industrieanlagen verschwindet, an einem grünen Seitenkanal das Quartier „Wohnen am Fluss“ bauen, das Wohnen und Arbeiten am Fluss zusammenbringt.
„Weil ich den Fluss kaum seh, brauch ich das Meer sehr“
Diese Projekte – und noch einige andere – sind wahre Perlen, aber für eine Perlenkette reicht es noch lange nicht.
„Wenn ich den See seh, brauch ich kein Meer mehr“, lautet ein Spruch. In Stuttgart sieht das anders aus. Hier möchte man sagen: „Weil ich den Fluss kaum seh, brauch ich das Meer sehr“. Ach läge Stuttgart doch am Meer. Aber da, von Ferne, tönt es. Wer genau hinhört, vernimmt es: Der Fluss ruft. Mensch, mach ihn Dir zu eigen.