Die Stadtwerke Stuttgart bauen bis Ende 2026 die erste Wasserstoff-Raffinerie in der Region und eine knapp sieben Kilometer lange Pipeline im Neckartal. Ein wichtiger Beitrag, um die Klimaziele der Stadt zu erreichen.
Am 31. März 1958 ist der Stuttgarter Hafen eingeweiht worden, „nun starten wir in eines neues technologisches Zeitalter“, Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) zog kürzlich beim Spatenstich für die erste große Erzeugungsanlage für grünen Wasserstoff einen historischen Vergleich. Die Stadtwerke Stuttgart (SWS) bauen für rund 50 Millionen Euro den „Green Hydrogen Hub Stuttgart“ am Mittelkai 25 in Hedelfingen. Über eine knapp sieben Kilometer lange Pipeline sollen zunächst der öffentliche Nahverkehr und die Industrie versorgt werden.
Stärkung für den Wirtschaftsstandort
Die Erwartungen sind hoch. Schließlich soll das Neckartal zur Modellregion für grünen Wasserstoff werden. „Damit wird der Wirtschaftsstandort Stuttgart gestärkt und fit für die Zukunft gemacht. Mit einer CO2-freien Energieerzeugung, um die Klimaziele der Stadt zu erreichen“, davon ist Nopper überzeugt. Von Ende 2026 an soll in der neuen Raffinerie mit insgesamt vier Elektrolyseuren bis zu 1200 Tonnen grüner Wasserstoff hergestellt werden. Die dafür benötigten enormen Mengen an Energie sollen aus überschüssigem Wind- und Solarstrom stammen. Das entspricht vier Millionen Litern Diesel. 15 000 Tonnen an umweltschädlichem Kohlendioxid können so eingespart werden. Die bei der Elektrolyse entstehende Abwärme soll ebenfalls genutzt werden. „Damit können bis zu 1200 Haushalte versorgt werden“, erläutert Daniel Lust, der zuständige Projektmanager der Stadtwerke.
Zeitgleich beginnt auch der Bau der rund sieben Kilometer langen Pipeline von der Raffinerie am Mittelkai bis zur Gemarkungsgrenze Esslingen und in westlicher Richtung zu einer vorhandenen Lkw-Tankstelle in Obertürkheim und dem SWS-Hauptsitz in Wangen bis zum Busdepot der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) in Gaisburg.
Mehr als nur „eine Liebhaberei“ ist der Green Hydrogen Hub für Rainer Wieland, den Vorsitzenden des Verbands Region Stuttgart. Denn Projekte wie in Hedelfingen sollen die wirtschaftliche Umsetzung erproben, den Markt vorbereiten. In einem „wahren Kraftakt“ unterstützt der Verband die neue Wasserstoffanlage mit einem Zuschuss von zehn Millionen Euro. Weitere 4,9 Millionen Euro Fördermittel erhalten die SWS von der Europäischen Union sowie 1,7 Millionen Euro vom Land Baden-Württemberg.
Nachfrage übersteigt bereits die mögliche Produktion
Im Stuttgarter Hafen entsteht so die größte Anlage ihrer Art im Land. „Wir wollen mit derartigen Modellregionen zeigen, dass der Aufbau dieser zukunftsträchtigen Infrastruktur auch lokal möglich ist. Denn Wasserstoff nimmt auf dem Weg zur Klimawende eine Schlüsselposition ein“, betonte die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Bündnis 90/Grüne). Weitere Standorte sollen in den Regionen Ulm-Reutlingen und Rhein-Neckar entstehen. Das Land müsse darauf Wert legen, die Nase auch in Zukunft vorn zu haben, wenngleich es „sicher auch noch viel zu lernen gibt“.
Denn bislang sei noch nicht gänzlich abzusehen, für welche Bereiche die Industrie den neuen Treibstoff nutzen könne, „aber bereits jetzt übersteigt die Nachfrage die möglichen Kapazitäten um das Fünffache“, sieht Peter Drausnigg, der technische Geschäftsführer der Stadtwerke, sich in seiner Entscheidung bestätigt. Zunächst sollen mit der neuen Pipeline vor allem die Autoindustrie bei der Entwicklung neuer Antriebsarten, der Lastwagen- und Schiffsverkehr und auch das SSB-Busdepot beliefert werden. Ob einmal ein Anschluss an die vom Remstal über den Schurwald und Esslingen verlaufende Süddeutsche Erdgasleitung möglich sein könnte, müsse sich noch klären.
Farbskala beim Wasserstoff
Wasserstoff
Grundsätzlich ist Wasserstoff immer ein farbloses Gas. Dennoch wird es – je nach seinem Ursprung – in einer Farbskala unterteilt.
Grün
Grüner Wasserstoff wird durch Elektrolyse von Wasser hergestellt. Dafür wird Strom aus erneuerbaren Energien genutzt. Er ist daher CO2-frei.
Blau
Blauer Wasserstoff ist grauer Wasserstoff, bei dessen Entstehung das CO2 jedoch teilweise abgeschieden und im Erdboden gespeichert wird (CCS, Carbon Capture and Storage). Maximal 90 Prozent des CO2 sind speicherbar.
Orange
Dieser Wasserstoff ist auf Basis von Abfall und Reststoffen produzierter Wasserstoff. Er gilt als CO2-frei.
Türkis
Ist Wasserstoff, der über die thermische Spaltung von Methan gewonnen wird.
Grau
Wird mittels Dampfreformierung meist aus fossilem Erdgas hergestellt. Das CO2 wird in die Atmosphäre abgegeben.