Stuttgarter Frühlingsfest

Stuttgart-Album zum Frühlingsfest Unklar ist, wann alles begann

Von Uwe Bogen 

Selbst die Veranstalter wissen nicht, in welchem Jahr das erste Frühlingsfest auf dem Wasen als kleiner Bruder des Volksfestes gestartet ist. In den 1930ern muss es gewesen sein. Am Samstag wird die 78. Auflage gefeiert.

Stuttgart - Nur die Historie des Cannstatter Volksfestes ist hinreichend erforscht. Im Herbst 2018 wird es sich zum 200. Mal jähren, dass der württembergische König Wilhelm I. und seine Frau Katharina das Volk nach Hungersnöten und Missernten zum Feiern entlang des Neckars luden.

Beim kleinen Bruder des großen Bierfestes ist hingegen nur eines klar: Kein Monarch gab den Startschuss fürs erste Frühlingstreiben der Schausteller – das Königreich war in den 1930ern längst abgeschafft. Kurz vor Hitlers Machtergreifung soll’s mit dem Frohsinn im Frühjahr begonnen haben. „Der genaue Starttermin ist nicht bekannt“, sagt Christian Eisenhardt, der Sprecher der in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft. Man hat einst den Schaustellern nach harten Winterwochen, in denen es für sie keinen Platz auf dem Rummel gab, im Frühling die Gelegenheit zum Geldverdienen geben wollen – und dem Volke zum Biertrinken.

Zwar wird am Samstag die 78. Auflage auf dem Wasen eröffnet – da es jedoch Ausfälle während des Kriegs gab, steht offiziell das Gründungsjahr nicht fest. Obendrein ist es historisch nicht verbürgt, dass es wirklich das 78. Fest sein wird. Irgendwann nach dem Krieg hat die Stadt per Verwaltungsakt festgelegt, das wievielte Frühlingsfest nun gefeiert werde.

In den 1990ern trugen nur die Kellnerinnen Dirndl

Als erwiesen gilt, dass 1914 erstmals im Frühjahr ein Pferde- und Hundemarkt auf dem Cannstatter Wasen stattgefunden hat, wohl der Urahn des Frühlingsfestes. Zwar tat man in der Nachbarschaft bei Daimler alles, um Pferde als Zugtiere überflüssig zu machen, doch lange Zeit noch traf man sich zum Pferdemarkt am Neckar.

1934 soll dann erstmals ein Frühlingsfest stattgefunden haben, so hat dies der 2007 verstorbene Festwirt Walter Weitmann behauptet. Alte Briefe aus den 1950er Jahren zwischen einer Standesorganisation der Schausteller und dem damaligen OB Arnulf Klett belegten dies. Allerdings, so sollte man wissen, wollte Weitmann damit wohl vor allem seinem Intimfeind Willi Stamer eins auswischen. Die Stadt hatte nämlich Stamer für seinen Biergarten einen guten Standplatz gegeben, wegen seiner Verdienste um die Wiedereinführung des Frühlingsfestes 1955. Da es das Frühlingsfest aber bereits vor dem Krieg gegeben habe, seien Stamers Verdienste nicht allzu groß, argumentierte Weitmann seinerzeit. Auf jeden Fall nicht groß genug, um ihn mit einem guten Platz zu belohnen.

Das ist lange her. Damals sah man nur selten Dirndl und Lederhosen auf dem Wasen. In den 1990ern war es auf dem Volksfest noch den Kellnerinnen vorbehalten, Tracht zu tragen. „Mein Vater Walter Weitmann hat uns Kinder und das gesamte Personal damit eingekleidet“, erinnert sich Conny Weitmann, die Tochter des Schausteller-Urgesteins. Heute folgen die Besucher des Frühlingsfestes dem Volksfest-Trend, sich fürs Bierfest aufzubrezeln. Zwischen Party-Uniform und Festtagsgewand: Die Kleidung für den Wasen ist zum Massenphänomen geworden, das für hitzige Debatten sorgt, wenn auch Jahr für Jahr nicht mehr ganz so laut. Viele Kritiker haben sich damit abgefunden, dass Tracht oder Alpen-Schick Made in Fernost den Trubel dominieren.

In den 1990ern wurde das Frühlingsfest auf drei Wochen erweitert

Da kommen selbst die Münchner nicht mit. Was am Samstag startet, ist das „größte Frühlingsfest Europas“. Zwar ist es flächenmäßig kleiner als das herbstliche Volksfest, dauert aber wegen des erhöhten Wetterrisikos seit Mitte der 1990er Jahre drei Wochen.

Übrigens bleibt nur der Unterbau der Fruchtsäule ganzjährig stehen. Er dient als Stütze für die Kanne, die Cannstatter Wappenfigur, die beim Frühlingsfest den Unterschied zum Volksfest demonstriert.

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