Nur ein kleiner Zaun trennte die Besucherterrasse vom Rollfeld. Foto: /Flughafen Stuttgart GmbH

Ready for take off, fertig zum Abheben: Bald beginnen die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Stuttgarter Flughafens, der sich zunächst in Böblingen befand. Zum Jubiläum erzählen Leserinnen und Leser ihre Erlebnisse mit dem STR.

Kinderleicht wäre es in den 1960ern gewesen, über den Zaun direkt auf das Rollfeld des Stuttgarter Flughafens zu marschieren. An Flugzeugentführungen dachte damals keiner, als es noch genügend Öl gab. Mit den sehnsüchtigen Blicken einer Wirtschaftswundernation verfolgten Menschen auf den Bänken der Besucherterrasse den Abflug in ferne Urlaubsparadiese. In diesem Jahr feiert der Flughafen seinen 100. Geburtstag – denn 1924 wurde in Böblingen der Vorläufer der heutigen Flughafengesellschaft gegründet.

 

Die erste Geburtstagsparty steigt am 19. September – bei einem großen Empfang werden Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien sowie Geschäftspartner erwartet. Eine besondere Attraktion gibt’s am 10. November, wenn aus Anlass des Jubiläums 100 Koffer für einen guten Zweck versteigert werden.

Auf der Internetplattform unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album haben wir unsere Leserinnen und Leser gebeten, ihre Flughafengeschichten zu erzählen. Sehr viele schöne Einsendungen gingen ein. Jens Herzberg etwa erinnert sich gern an die „legendäre Besucherterrasse“. Für Kinder habe es kleine Fahrzeuge wie Flugzeug und Riesenrad gegeben. „Ich habe erst aufgehört zu quengeln, wenn ich fahren durfte“, schreibt er, „das hat 50 Pfennig gekostet.“

Man konnte quasi mit der Hand nach den Flugzeugen greifen

Gisela Salzer-Bothe schreibt: „Mit Opa bin ich immer mal wieder hingepilgert und hab onser Flughäfele bewundert. Erster Abflug 1961. Dann Reisen durch unser Stuttgarter Reisebüro Hetzel. Sehr früh nach Mamaia am Schwarzen Meer. Mit einer russischen Turboprop um 6 Uhr morgens. Als ich in den Flieger reinkam, stank es fürchterlich nach Schnaps. Auf jedem Brettle stand einer. Um sich setzen zu können, musste man den zuerst austrinken.“

Der Rundflug über Stuttgart kostete 15 D-Mark

Thomas Mack hat 1958 seinen Vater zum Flughafen begleitet, der sich dort einen Rundflug über Stuttgart gegönnt hat. Das Kind schaute von unten zu. „15 Mark war zu teuer“, erinnert sich Mack. Die Karten kaufte man in einem Holzhäuschen, das am Zaun stand. Auf der Besucherterrasse, auf der der kleine Thomas gewartet hat, war immer was los. „Wer nur zum Kaffeetrinken auf den Flughafen kam“, erinnert sich Peter Kodweiß, „galt damals als Weltmensch und Abenteurer.“ Jürgen Pfeiffer schreibt: „Am tollsten war es, wenn sie die Kolbenmotoren der Propellermaschinen anlaufen ließen.“

Mike Gerhards war ein „junger Bub“, als er in den Schulferien früh am Morgen von Heslach zu Fuß losmarschiert ist zum Flughafen auf den Fildern – „mit vielleicht einer Mark in der Tasche.“ Das Geld reichte nicht für die Straßenbahn. Der Eintritt auf der Besucherterrasse kostete damals 20 Pfennige. Weiter notiert er: „Über den Tag eine Brezel und ein 20er Eis. Wasser zum Trinken auf dem Besucher-WC und frühzeitig wieder auf den Rückweg gemacht, damit man zum pünktlichen Abendessen wieder zu Hause war.“

Im Juni 1958 gelang zwei US-Düsenjetpiloten eine abenteuerliche Notlandung auf dem Stuttgarter Flughafen, woran ein weiterer Leser unseres Internetportals erinnert. Hätten sie ihre defekten Militärmaschinen mit dem Schleudersitz verlassen, wären diese wahrscheinlich im dicht besiedelten Stadtgebiet abgestürzt. OB Arnulf Klett lud danach die beiden Soldaten in den Gemeinderat ein, um sich bei ihnen gebührend zu bedanken.

Der Name Hetzel steht für die Erfindung der Charter- und Kurzflugreise. Das als „Gesellschaft für Studien- und Ferienreisen“ in Stuttgart gegründete Unternehmen startete 1963 den Luftverkehr mit einer propellergetriebenen DC 7 nach Barcelona. Else und Kurt Hetzel feierten, blumen- und pralinenbewaffnet, das Ereignis mit den Passagieren. Sie zählten zu den Stuttgarter Bürgern, auf die OB Arnulf Klett stolz war. Stand die Taufe eines Hetzel-Flugzeugs an, macht dies das Stadtoberhaupt gern zur Chefsache.

Die Hetzels waren die Vorreiter

Nach dem Tod ihres Mannes 1985 übernahm Else Hetzel allein die Geschäfte. In der Tourismusbranche wurde die Konkurrenz Jahr um Jahr immer härter. Die Großen konnten zu ganz anderen Konditionen Betten buchen. 1996 musste Hetzel Konkurs anmelden. Im Jahr 2020 ist die Seniorchefin, nach der eine Straße auf Mallorca benannt ist, im Alter von 98 Jahren gestorben.

Die Hetzels waren die Vorreiter. Zwischen 1963 und 1969 stieg die Zahl der deutschen Flugtouristen um das 90-fache. Palma de Mallorca wurde zum größten Traum der Pauschalreisenden. 1969 landeten dort 47 Prozent aller, die von einem deutschen Flughafen gestartet waren. Der Anteil der All-inclusive-Urlauber wuchs unaufhaltsam – Ende der 1980er auf 40 Prozent. Die 1990er waren geprägt von Billigfliegern und vom Preisverfall.

Die Geschichte des Stuttgarter Flughafens STR hat in Böblingen begonnen. Am 15. November 1924 wurde die Luftverkehr Württemberg AG (LUWAG) gegründet und damit der Grundstein für die heutige Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) gelegt. In Böblingen befand sich der erste zivile Verkehrsflughafen im Stuttgarter Raum, auf dem die erste planmäßige Landung am 20. April 1925 stattgefunden. Man kann noch weiter zurückblicken: Der Wasen diente in den 1920ern als Flugplatz und Zeppelin-Landeplatz der Stadt Stuttgart. Im Jahr 1911 startete Ernst Heinkel von hier mit einem selbstkonstruierten Flugzeug.

Dunkles Kapitel der Flughafengeschichte

In Böblingen hatte der Flughafen mit 184.280 Passagieren im Jahr 1935 die Kapazitätsgrenze erreicht. Man suchte ein neues, größeres Gelände, das näher an Stuttgart lag – und kam auf Echterdingen. Fertig gebaut wurde der Flughafen auf den Fildern im September 1939. Der Zweite Weltkrieg verhindert die offizielle Inbetriebnahme, Stuttgart wurde zum Fliegerhorst. Die SS richtete hier 1944 ein KZ-Außenlager für 600 jüdische Häftlinge ein. Sie wurden in einem Hangar gefangen gehalten und mussten in einem Steinbruch arbeiten sowie Straßen vom Flughafen zur Autobahn bauen. 119 Männer starben an den unmenschlichen Bedingungen des Lagers.

Nach dem Krieg haben die Besatzungsmächte 1948 das Gelände an die Stadt Stuttgart übergeben – das war der Startschuss für den zivilen Flugbetrieb. Ende der 1950er landete erstmals ein mit Düsen angetriebenes Flugzeug in Echterdingen. Es ging immer weiter aufwärts. Zwischen den 1990ern und den 2010er veränderte sich das Bild auf den Fildern erheblich. Nach dem Bau der neuen Terminals 1, 3 und 4 zog die Landesmesse in die direkte Nachbarschaft, es folgen neue Büro- und Hotelimmobilien am Standort. Seit 2014 ist der Flughafen nach Manfred Rommel benannt.

Nach dem Rekordjahr 2019 mit über 12,7 Millionen Passagieren nahmen die Flugbewegung wegen der Corona-Pandemie erheblich ab. Das Vorfeld wurde zum Parkplatz für verwaisten Maschinen. Stolz ist die Flughafengesellschaft auf eine „konsequente Entwicklung in Sachen Klimaschutz“ – aber nur auf dem Boden gelingt dies. So habe man etwa eine vollelektrischen Flotte aus E-Bussen eingesetzt.

Unvergessen bei vielen ist das alte Terminal 3, das 1939 eröffnet und 2000 abgerissen wurde. Darin führte eine Steintreppe in die die Sonne des Südens. Generationen von Stuttgartern sind diese legendären Stufen voller Vorfreude hinab gestiegen, um sich erst einmal durch die in der Sommerzeit meist überfüllte Abflughalle für Charterlinien durchzukämpfen. Christa Jakob erinnert sich auf der Facebook-Seite unseres Stuttgart-Albums: „Da bin ich als Kind immer ganz stolz die Stufen runter.“

Auf der Steintreppe haben sie sich kennen gelernt

Inge Spes schreibt: „Meine erste Flugreise 1967 nach Las Palmas habe ich hier angetreten.“ Werner Schwenn denkt an die Charterflüge mit dem Reisebüro Hetzel nach Teneriffa zurück: „Die gingen auch immer von dieser Halle aus.“ Eigentlich hätte die Treppe des alten Terminals 3 ins Haus der Geschichte oder ins Stadtpalais gehört. Doch sie wurde 2000 abgerissen und entsorgt – nicht ganz.

Das Ehepaar Karin und Peter Bretz hat sich eine Stufe davon gesichert. Das gute Stück bekam in ihrem Garten einen Ehrenplatz. Denn auf der Steintreppe in die Sonne haben sich die beiden im Jahr 1970 kennengelernt.

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