Stuttgart-Album Vereinigte Hüttenwerke – Baracken, Strip und Rock’n’Roll

Von Uwe Bogen 

Wer auf den alten Fotos die bunten Bretterbuden sieht, könnte sie für die Kulissen eines amerikanischen Road­movies halten. Doch mitten in Stuttgart entstanden die Vereinigten Hüttenwerke mit Rotstich und Rock’n’Roll.

Stuttgart - Wer auf den alten Fotos die bunten Bretterbuden sieht, könnte sie für die Kulissen eines amerikanischen Road­movies halten. Doch mitten in Stuttgart entstanden kuriose Baracken mit Rotstich und Rock’n’Roll. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt ein Trümmerfeld, eine Ansammlung an Behelfsläden und Behelfswohnungen – und auch die Luden und Altstadtwirte wussten, wie man sich behilft. Ihre provisorischen Bauten, in der Ruinenwüsten bei der Leonhardskirche schnell und unkompliziert wie bei einer Kirmes hochgezogen, gingen als Vereinigte Hüttenwerke ein – der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett hatte diesen Begriff geprägt.

Allenthalben drängten die Rathausbeamten auf städtebauliche Ordnung. Nur das Treiben in der Amüsierstraße hielt lange allen Stürmen stand. Wer glaubt, hier habe der Mechanismus der schwäbischen Kehrwoche versagt, dürfte sich täuschen. Eine besondere Reinlichkeit wird den einstigen Betreibern der zwar ärmlichen, aber doch fantasiereichen Nachtstationen nachgesagt. Wo sich heute das Schwabenzentrum als ungeliebter Klotz viel zu nüchtern und langweilig ausbreitet, erblühte bis zum Abriss der Verschläge in den 1970ern neben Strip und Nepp auch die Subkultur, wie man sie schon damals nannte. Rotlicht und Rock’n’Roll.

Auf dem Breuninger-Dach sonnten sich die Schwimmer

Auf der Luftaufnahme, die Gerhard Goller, der langjährige Leiter der Gaststättenbehörde, in den 1970ern gemacht hat, sieht man die vergleichsweise niedrigen Bauten entlang der Hauptstätter Straße – so manche Eltern sorgten dafür, dass ihre Kinder etwa auf dem Weg zum Kaufhaus Breuninger niemals durch diese Rotlicht-Straßen mit leicht bekleideten Damen im Schaukasten kamen. Auf dem Breuninger-Dach sonnten sich die Schwimmer. Hier befand sich das Mineralbad – Stuttgarts erster Skybeach.

Kann Stuttgart so verrucht sein? Die Stadt der besungenen Häuslebauer und des Schwabenfleißes hatte ihre andere, vielleicht nicht so stabile Kehrseite. Noch heute erzählt man sich von dem armen Zecher, der sich zur späten Stunde an die Außenwand einer vom roten Licht beschienenen Pariser Bar lehnte. Dort übermannte ihn die Müdigkeit. In dieser Nacht soll es heftig geregnet haben. Die Wand der Baracke sei irgendwann so aufgeweicht gewesen, dass sie plötzlich nachgab – und der schlafende Zecher rücklings in die Bar hineinplumpste. So schnell kam man also in die Hüttenwerke mit dem Kopf durch die Wand.

Die Tänzerin, die mit der roten Wurst spielte, musste gehen

Die Namen an den Eingängen standen für die große Welt. Manhattan Bar oder Casino de Paris hießen die Amüsierlokale der ersten Stunde, in denen man mit Dollars bezahlen konnte, mit der Währung der Träume.

Brechend voll waren die Bars, wenn es freitags Lohntüten gab. Die Damen hatten Durst. Die Großzügigkeit dank guter Laune kam mitunter teurer als erwartet. Im Aushang standen Preise fürs Glas – die Flasche aber kostete ein Vermögen. Weil der Betrogene den häuslichen Frieden nicht gefährden wollte, verzichtete er meist auf den Prozess und zahlte. Die Sittenwächter hatten viel zu tun, weil sich kaum einer an die strengen Auflagen hielt. In dem vom Varieté-Verband 1961 beschlossenen „Richtlinien für Tänzerinnen“ hieß es: „Das Publikum darf nicht zum Öffnen der Reißverschlüsse aufgefordert werden.“ Außerdem seien „laszive Gebärden zu unterlassen, die nur sinnliche Aufreizung bezwecken“. Die Rathauswächter schwärmten aus und entdeckten 1964 in der Bar Fledermaus eine Tänzerin, die mit sich und einer roten Wurst spielte – die ­ertappte Wurstliebhaberin durfte in dem ­Lokal nicht mal mehr als Bedienung arbeiten.

Man erzählt sich, dass die findigen Chefs der Nachtclubs der Vereinigten Hüttenwerke den damaligen Leiter der Ordnungsamtes diskret auf dessen dunkle Vergangenheit als SS-Mann in besetzten Gebieten hingewiesen hatten. So klappte es problemlos mit der Sperrzeitverkürzung .

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