Der Schlossplatz ohne Wittwer? Viele Buchfans in Stuttgart können sich dies kaum vorstellen. Der Umzug aber steht fest. Wir blicken auf die Historie eines besonderen Buchhauses.
„Du öffnest die Bücher, und sie öffnen dich.“ Dieses schöne Zitat von Tschingis Aitmatov erklärt die Faszination des Lesens. Seit fast 160 Jahren hat sich das Buchhaus Wittwer diesem Zauber verschrieben. Seit 1967 befindet sich das Geschäft, das nach der „Hochzeit“ mit Thalia seit 2018 über einen Doppelnamen verfügt, auf fünf Stockwerken ganz zentral am Schlossplatz.
Generationen sind mit dem Wittwer groß geworden, haben dort ihre ersten Bücher gekauft. Die Nachricht, dass im Winter 2027/2028 der Umzug in einen Neubau auf dem früheren Sportarena-Gelände an der Ecke Königstraße/Ecke Schulstraße geplant ist, trifft viele. So manch einer kann sich ein Schlossplatz ohne Wittwer kaum vorstellen. Das Geschäft auf fünf Stockwerke war und ist auch die beiden nächsten Jahren noch ein vertrauter Anker in einer Einkaufsmeile, die sich immer schneller wandelt.
Konrad Wittwer gründet 1867 seine erste Buchhandlung
Alles hat im Jahr 1867 angefangen. Da macht sich Konrad Wittwer mit gerade mal 25 Jahren daran, eine Sortimentsbuchhandlung mit seinem Namen zu eröffnen. An der Eberhardstraße 55 verkauft er Bücher und Kunstgewerbe. Später zieht er mit seinem Geschäft auf die Schlossstraße. Die zweite Generation expandiert mit Filialen in Bahnhöfen.
Bis in den Zweiten Weltkrieg geht es aufwärts – doch die Bomben zerstören alle Wittwer-Läden. Um danach Bücher zu verkaufen, bleibt dem Unternehmen nur eine frühere Toilette, die heute als Szene-Treff Palast der Republik bekannt ist. Das Örtchen bringt den Schauspieler Willy Reichert auf eine neue Geschlechteraufzählung. „Männer, Frauen, Wittwer“, so beschreibt er die Geschichte des Nachkriegskiosk.
Ende der 60er war Wittwer die größte Buchhandlung Deutschlands
1947 kann die Familie Wittwer in eine dunkel getäfelte Buchhandlung an der Königstraße 40 umziehen. Mit 100 Quadratmetern muss man sich begnügen, bis man 1967 am Kleinen Schlossplatz, also ebenfalls an der Königstraße, ein eigenes Haus baute Von nun an blieb es dem Personal erspart, auf Leitern steigen. Ende der 1960er befindet sich die größte Buchhandlung Deutschlands in Stuttgart.
Für Generationen von Stuttgartern ist Wittwer ein Ort des Entdeckens – ein Haus ohne Schwellen, in dem schon der Geruch von Papier und Druckerschwärze die Sinne öffnete.
151 Jahre lang blieb Wittwer in Familienhand. 2018 dann der Einschnitt: Die Inhaber ziehen sich h zurück, Thalia übernimmt das Geschäft. Bei vielen Stammkunden ist zunächst die Sorge groß, ob der Geist des Hauses bleibt mit der regionalen Note. Rainer Bartle bleibt Geschäftsführer von Thalia/Wittwer und macht erfolgreich weiter. Der Name „Wittwer“ ist weiterhin Teil des Geschäftes – auch die große Buchvielfalt bleibt.
Ein letztes Kapitel für Wittwer am Schlossplatz
Nun aber ist klar: Das Stammhaus am Schlossplatz wird nicht bleiben. Die Familie Wittwer hat das Gebäude an die Dinkelacker AG verkauft, die mit der Familienbrauerei Dinkelacker verwandt, aber doch eigenständig ist. Für Geschäftsführer Rainer Bartle ist der Blick nach vorne gerichtet: Im Neubauprojekt „Patio“ an der Königstraße/Schulstraße wird Thalia/Wittwer einziehen. Nur wenige hundert Meter weiter soll in etwa zwei Jahren eine „schöne, neue Welt“ entstehen, wie Bartle sagt – ein elegantes Haus mit Lichthöfen und begrünten Terrassen. Künftig sind noch mehr Events geplant. Auch ein Café wird es wieder geben.
Wittwer ist mit vielen Erinnerungen verbunden
Und doch: Für viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter wird der Abschied schwer. 98 Prozent kennen nach einer Markterhebung in der Stadt den Namen Wittwer, die meisten verbinden damit nicht nur eine Buchhandlung, sondern Erinnerungen – an den ersten Schultag, die Jagd nach Studienliteratur, das Stöbern an verregneten Samstagen.
Wittwer war nie nur ein Geschäft. Es war ein Ort, an dem man sich Zeit nahm, an dem Literatur sichtbar und greifbar wurde. Mit dem Umzug wird es weiter gehen, ein neues Kapitel wird geschrieben – und viele Erinnerungen, ja fast Dankbarkeit kommen hoch.
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