Dass die Gaststättenbehörde den Palast der Republik bestrafen will, wenn Gäste Bier auf dem Gehweg trinken, sorgte für einen Aufschrei der Gäste. Jetzt lenkt die Stadt ein. Der Wirt und der Ordnungsbürgermeister haben sich am Mittwoch überraschend geeinigt.
An schönen Sommernächten ist es am Palast der Republik voll – während der EM war es noch voller. Der achteckige Pavillon mit den denkmalgeschützten Steinen aus Cannstatter Travertin ist eine unkonventionelle Institution in der Stuttgarter Gastronomie und besitzt damit eine enorme Anziehungskraft.
Vor dem früheren Klohäuschen versammelten sich vor und nach den Spielen sehr viele Fußballfans, nicht wenige brachten ihre eigenen Flaschen mit. Noch vor dem Finale schickte die Gaststättenbehörde dem Betreiber Stefan Schneider ein Schreiben mit der Androhung, er müsse ein Zwangsgeld in Höhe von 500 Euro zahlen, sollten erneut seine Gäste auf dem Gehweg stehen und das Durchkommen erschweren.
Heftige Kritik an der Stadt
Nach der Berichterstattung unserer Redaktion war der Aufschrei in der Öffentlichkeit groß. Wie könne die Stadt, so lautete die Kritik, ausgerechnet im Ausnahmezustand einer EM einen Wirt, der von Fans belagert wird, eine Strafe androhen. Wirt Schneider sagte zunächst, er müsse wohl seinen „Lehrertag“ absagen, bei dem zum Ferienbeginn traditionell Lehrer aus allen Teilen Baden-Württembergs zum Palast anreisen, diesmal am 24. Juli. Er fürchtet, die Konzession zu verlieren, weil da der Ansturm recht groß werden dürfte. Deshalb wolle er an diesem Tag seinen Palast schließen, erklärte er – nun aber kann er doch die Lehrer bewirten.
Am Mittwochvormittag bekam der Gastronom Besuch im Palast von Ordnungsbürgermeister Clemens Maier (Freie Wähler) und zwei Mitarbeitern des Ordnungsamts. „Wir haben uns geeinigt“, berichtet Stefan Schneider unserer Redaktion hoch erfreut. Auch Maier freut sich darüber: „Es ist immer gut, wenn man miteinander spricht.“
Der Wirt kann eine Erweiterung seiner Außenfläche beantragen
Folgendes ist vereinbart worden: Dem Wirt wurde zugesagt, dass eine Erweiterung der Außenfläche nicht ausgeschlossen ist. Dafür müsse er einen Antrag stellen. „Wir werden das mit mehreren Ämtern prüfen“, sagt der Bürgermeister unserer Redaktion. Seinen „Lehrertag“ kann Schneider am 24. Juli veranstalten. Er müsse jedoch dafür sorgen, dass die Durchfahrt auf der Hauptradroute gewährleistet ist – Autos dürfen ohnehin nur vormittags die Lautenschlagerstraße in diesem Bereich für den Lieferverkehr befahren. Der Palast-Chef sagte zu, dass er Ordner einsetzt und Absperrungen aufstellt, damit der Radweg und die Ampelüberführungen frei bleiben. Davon, dass kein Gast auf dem Gehweg stehen darf, ist keine Rede mehr.
Zunächst war niemand von der Stadt auf die Idee gekommen, mit Schneider nach einer Beschwerde zu reden, um gemeinsam eine Lösung bei Überfüllung zu finden – stattdessen hat man die Keule der Strafandrohung ausgepackt. Nach unserer Berichterstattung haben OB Frank Nopper (CDU) und Ordnungsbürgermeister Clemens Maier (Freie Wähler) den Palast-Wirt angerufen und gesagt, man wolle eine Lösung finden.
„Von dem Schreiben der Gaststättenbehörde an mich wussten beide nichts“, sagt Stefan Schneider, „das hatte der Sachbearbeiter nicht mit seinen Vorgesetzten abgesprochen.“ Die Strafandrohung hat weit über Stuttgart für Aufsehen gesorgt und der Stadt Spott über ihren Rückfall in die Provinz eingebracht. „Bei mir haben sich etliche Journalisten gemeldet, etwa von der ,FAZ’,“ berichtet der Wirt.
„Die meisten Gastronomen haben sich an die Spielregeln gehalten“
„Dass es bei uns so voll ist wie bei der EM und am ,Lehrertag’ haben wir nur etwa sechsmal im Jahr“, sagt Stefan Schneider. Hat sich die Gaststättenbehörde während des Turniers nur den Palast vorgeknöpft oder hat es auch andere Lokale getroffen, die ebenfalls belagert waren? „Die Gastronomen haben sich zum allergrößten Teil an die erweiterten Spielregeln gehalten“, erklärt eine Rathaussprecherin.
Nur in ganz wenigen Einzelfällen seien Grenzen überschritten worden. Laut der Sprecherin waren dies „nicht mal eine Handvoll“. Neben dem La Concha (wir haben darüber berichtet) und dem Palast waren es demnach höchstens zwei weitere Lokale – die Stadt nennt die Namen aber nicht. Auch der Namen des Beschwerdeführers, der den Palast angeschwärzt hat, ist nicht zu erfahren. Stefan Schneider versteht das nicht: „Ich stehe auch mit meinem Namen hin – das sollte auch derjenige tun, dem ich dich Strafandrohung verdanke.“
Kritik auch vom Betreiber des Classic Rock Cafés
David Blanco del Rio, der Wirt des Classic Rock Cafés, das sich in der Nähe des Palasts befindet, fragt, was der Kollege denn nach Meinung der Stadt tun solle, wenn sich Gäste außerhalb der Fläche hinstellen? Jetzt sei der Außenbereich mit Ketten abgegrenzt, trotzdem könnten Gäste dahinter stehen. Wenn Gäste in der Schlange stünden und sich Bier holten, wisse man nicht, ob sie einen Sitzplatz haben. Seine Kritik: „Man kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass der Gastronom solch einer Aufgabe nachkommt.“ Nachvollziehen würde er das Einschreiten der Ordnungsbehörde, wenn es jeden Tag so voll wäre. Aber das sei doch nur ganz selten der Fall, etwa bei der EM und beim „Lehrertag“.
OB Frank Nopper hat über Susanne Kaufmann, die Leiterin der städtischen Kommunikationsabteilung, zu den Interessenkonflikten zwischen Gastronomen und Anwohnern unserer Redaktion folgendes mitteilen lassen: „Fröhliches Feiern gehört zum Lebensgefühl unserer Stadt, aber beim fröhlichen Feiern muss man auch Anwohner, Nachbarn und Passanten leben lassen – leben und leben lassen!“
Stecken Neider dahinter?
Gerätselt wird in der Nachtkulturszene, ob Neider Lokale bei der Stadt anschwärzen, um den Konkurrenten, bei denen es gut läuft, die Arbeit zu erschweren. Marcel Roth, Stadtrat der Grünen, erklärt dazu: „Ich halte es für absolut kontraproduktiv, wenn die Ellenbogen ausgefahren werden und nachtökonomische Betriebe sich nun gegenseitig kannibalisieren wollen. Die Stuttgarter Nachtkultur ist dann lebendig, wenn sie sich gegenseitig ergänzt und innovative Angebote macht.“