Trillerpfeifen, Transparente, Forderungen nach mehr Lohn: Hunderte Einzelhandels-Beschäftigte streiken in Stuttgart und der Region. In den Filialen herrscht trotzdem Hochbetrieb.
„Wir wollen mehr Kohle sehen“: Immer wieder skandieren rund 170 Beschäftigte aus dem Einzelhandel diese Forderung auf dem Weg zum Stuttgarter Schlossplatz. Für Freitag hat die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in mehreren Regionen Baden-Württembergs zu einem ganztägigen Warnstreik im Einzel- und Versandhandel aufgerufen.
Die Trillerpfeifen, Plakate und neongelben Warnwesten beeindrucken allerdings die wenigsten Passanten in der Innenstadt. Nur vereinzelt bleibt einmal jemand stehen und lauscht den Ausführungen von Verdivertreter Wolfgang Krüger, der bei der Kundgebung am Mikrofon steht. „Um was geht es hier?“, fragt eine ältere Dame. Als sie hört, dass es um bessere Bezahlung bei Unternehmen wie Kaufland, H&M, Ikea, Obi, Primark und Zara geht, winkt sie ab.
Auch in den Filialen der bestreikten Firmen auf der Königstraße ist wenig von den Tarifauseinandersetzungen zu spüren. Der Andrang in den Räumlichkeiten ist schon um 11 Uhr sehr groß. Am Brückentag ist die Stuttgarter Innenstadt gut besucht. „Streik? Hier? Wer und warum?“, fragt Giorgos Papadimitriou, der gerade mit seiner Familie und den Einkäufen aus dem Primark kommt. Gemerkt hat er nichts. Alles sei wie immer. Die Forderung nach besserer Bezahlung unterstützt er. Seine Einkaufsgewohnheiten würde er dafür aber grundsätzlich nicht ändern wollen. „Wir müssen auch aufs Geld schauen!“
Die Löhne und Gehälter sollen um rund 300 Euro pro Monat steigen
Den rund 500.000 Beschäftigten im Einzel- und Versandhandel in Baden-Württemberg geht es genau so. „Jeden Tag erleben wir, welche Auswirkungen die Krise auf unseren Geldbeutel hat“, sagt Wolfgang Krüger. „Und es ist kein Ende in Sicht.“ Man werde deshalb nicht von den Forderungen abrücken: Die Löhne und Gehälter sollen um 300 Euro pro Monat erhöht werden. Die Ausbildungsvergütungen sollen um 150 Euro steigen. Und das alles bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.
„Das ist nicht zu viel verlangt“, betont auch Daniela Engelhardt. Sie arbeitet bei Kaufland in Tübingen und ist mit 22 Kolleginnen und Kollegen nach Stuttgart gekommen. „Die Arbeitgeber haben noch kein Angebot abgegeben. Es ist immer dasselbe. Aber dass die Schwarz-Gruppe kein Geld hat, um höhere Löhne bei Lidl oder Kaufland zu bezahlen, ist schwer zu glauben.“ Das Vermögen von Gründer Dieter Schwarz wird laut US-Magazin Forbes auf etwa 50 Milliarden Euro geschätzt.
„Im Einzelhandel wird noch gut verdient“, sagt Wolfgang Krüger. „Es kann Vermögen angehäuft werden.“ Dagegen müssten die Beschäftigten mit wenig Geld und immer schlechteren Arbeitsbedingungen zurecht kommen. Ein Verkäufer im sechsten Berufsjahr würde 3219 Euro brutto pro Monat verdienen. Das seien etwas mehr als 19 Euro Stundenlohn.
Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 8. Juni angesetzt. Auch in den kommenden Tagen und Wochen ist mit Warnstreiks in Baden-Württemberg zu rechnen. Rund 800 Beschäftigte seien am Freitag in Stuttgart, Heilbronn sowie Schwäbisch Hall und aus dem Bereich Neckar-Fils mit Reutlingen, Tübingen, Göppingen und Esslingen dem Streikaufruf gefolgt, sagt Wolfgang Krüger. Da ist noch Luft nach oben, betont auch Daniela Engelhardt.
„Wir sind dran, mehr Leute zu mobilisieren“, sagt Krüger. Aber die tarifgebundenen Unternehmen, die sich am Streik beteiligen dürfen, werden immer weniger. „Es sind nur noch 18 Prozent der Betriebe. Und nur 23 Prozent der Beschäftigten werden nach Tarif bezahlt.“
Beim Handelsverband Baden-Württemberg bezeichnet man die Forderungen als realitätsfern. Hauptgeschäftsführerin Sabine Hagmann: „In der aktuellen wirtschaftlichen Lage und angesichts trüber Aussichten gefährdet Verdi Unternehmen und Arbeitsplätze. Das ist auch nicht im Interesse unserer Mitarbeitenden.“ In Baden-Württemberg würden derzeit bereits viele Wirtschaftszweige - vor allem die Automobil- und Zulieferindustrie – massiv Stellen abbauen. „Das wird weitere negative Auswirkungen auf den Konsum und damit auf die Umsätze der Handelsunternehmen haben und muss mitberücksichtigt werden. Baden-Württemberg steht an zweitletzter Stelle der wirtschaftlichen Entwicklung aller Bundesländer.“