Ludwig Finckhs ehemaliges Wohnhaus in Gaienhofen, erbaut 1902. Foto: Doris Burger

Die Wohngemeinde von Ludwig Finckh distanziert sich von dem Vordenker der Nazis. Auch die Ehrenbürgerwürde wird ihm symbolisch aberkannt.

Als eine der zahlreichen Gemeinden Baden-Württembergs mit Finckh-Straßen geht Gaienhofen voran: Diese Woche hat der Gemeinderat einstimmig beschlossen, den Ludwig-Finckh-Weg in „Seeheimstraße“ umzubenennen. In derselben Sitzung wurde Finckh auch die Ehrenbürgerschaft, verliehen 1926, symbolisch aberkannt. Der Arzt, Schriftsteller und Nazi-Propagandist (1876 - 1964) hatte lange in der Gemeinde gewohnt.

 

Vorausgegangen war dem ein neun Jahre währender Prozess. Bereits 2016 wurde die Debatte durch den Freiburger Historiker Markus Wolter angestoßen. Zu seinem wissenschaftlichen Vortrag gab es eine Lesung im Hesse-Museum Gaienhofen, zusammengestellt aus Originalzitaten Ludwig Finckhs vom Konstanzer Rechtsanwalt Gerhard Zahner. Zahlreiche Kulturschaffende der Region setzten sich in der Folge für eine Namensänderung des Weges und eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde ein. Das Thema fand aber nicht die Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Uwe Eisch.

Der jetzige Bürgermeister nahm sich der Sache an

Nun hat sich Jürgen Maas, seit drei Jahren Bürgermeister der Höri-Gemeinde, der Sache angenommen. Er beauftragte den Historiker Ulrich Büttner, Leiter des Bildungszentrums Konstanz, die Sachlage zu prüfen. Büttners legt zweifelsfrei dar, weshalb sich Finckh nicht als Namensgeber eignet. Er bezieht sich dabei auf die Forschungsergebnisse von Markus Wolter und einige Werke Finckhs als Primärquellen.

Bereits im Roman „Die Jakobsleiter“ (1920) führte Finckh das von Anfang an antisemitisch konnotierte Hakenkreuz ein, das er seinen Lesern als völkisches „Glückssymbol“ vorstellt. In „Der Ahnenhorst“ (1923) lobt er die im Jahr zuvor erschienene Schrift „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ des Freiburger „Euthanasie“-Vordenkers Alfred Hoche und des Leipziger Juristen Karl Binding. In der Folge macht er sich als „Rassenhygieniker“ einen Namen im NS-Regime und referiert vor NSDAP-Gliederungen über „Sippenkunde“ und „Blutsbewusstsein.“

Finckh stilisierte sich als Opfer der Siegerjustiz

Nach dem Krieg stilisierte sich Finckh als Opfer der Siegerjustiz der Alliierten. Er bat Hermann Hesse, mit dem er zu dessen Gaienhofener Zeit (1904 bis 1912) befreundet war, um Unterstützung bei seiner „Entnazifizierung“. Hesse hatte ihn allerdings nach 1912 nicht mehr getroffen und keine nähere Kenntnis von Finckhs tatsächlichem Engagement während der Nazizeit und seinen engen Beziehungen zur SS, insbesondere zu der in der Radolfzeller Kaserne stationierten Waffen-SS-Unterführerschule.

Finckhs Autobiografie „Himmel und Erde“ von 1961 blendet die NS-Zeit aus und veranlasste Hesse zu dem vernichtenden Urteil, es sei „das Buch eines alten vernagelten Nazi, der 12 Jahre lang ‚Heil Hitler‘ geschrieen hat und es am liebsten wieder täte“. Uneinsichtigkeit, ein Leben lang, bescheinigte ihm auch Markus Wolter. Alles „Schnee von gestern“, wie manche der befragten Anwohner finden? „Gerade jetzt sollte man das Thema wieder aufgreifen“, sagt Jürgen Maas. „Mit meinem menschlichen und christlichen Verständnis geht das nicht zusammen“, so der Bürgermeister im Gemeinderat.

Es gibt weiter Ludwig-Finckh-Straßen im Land

Es gibt in Baden-Württemberg weitere Ludwig-Finckh-Straßen – etwa in Kirchheim unter Teck, in Engen, in Stockach, Leonberg, Tuttlingen und Villingen-Schwenningen. In Finckhs Geburtsort Reutlingen ist eine Schule nach ihm benannt. Im Hegau taucht der Name als Wanderweg des Schwarzwaldvereins auf, der sich laut Wolter nicht dazu durchringen kann, den Weg umzubenennen. Als „Naturschützer“ wird Finckh weiterhin geehrt: Durch seine besten Verbindungen zu den NS-Granden hatte er den Basaltabbau am Hohenstoffeln stoppen können. Offenbar waren ihm Steine wichtiger als Menschen, kommentierte Gemeinderätin Mechthild Biechele in der Sitzung.