Enge Abstimmung in der Corona-Zeit: Kretschmann und Merkel im Bundesrat Foto: dpa

Ein großer Merkel-Fan war Winfried Kretschmann schon immer. Nun verleiht er der Altkanzlerin eine hohe Auszeichnung. Die Begründung irritiert auch Grüne.

Wenn Winfried Kretschmann die Staufermedaille in Gold verleiht, wird das normalerweise nicht hinterfragt. Es ist die persönliche Entscheidung des Ministerpräsidenten, wen er mit der selten vergebenen Auszeichnung des Landes ehrt. Gewürdigt werden damit „Verdienste um das Gemeinwohl, die über die eigentlichen beruflichen Pflichten hinausgehen“. Zuletzt ging die nach einem schwäbischen Adelsgeschlecht benannte Medaille im Februar an die Geigerin Anne-Sophie Mutter.

 

Doch um die goldene Staufermedaille, die Kretschmann (77) am Dienstag nächster Woche verleihen wird, gibt es hinter den Kulissen erhebliches Gegrummel. Der Grund ist nicht nur die Empfängerin – Altbundeskanzlerin Angela Merkel (71) – sondern vor allem die Begründung. Geehrt werden soll sie für ihren „herausragenden politischen Einsatz während der Corona-Pandemie“. Geplant ist ein Festakt im Neuen Schloss, mit streng limitierten Zugang und hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Die Ehrung wird als instinktlos kritisiert

Aus seiner Wertschätzung für Merkel, die Physikerin, macht der Biologe Kretschmann seit langem keinen Hehl. „Als Naturwissenschaftler teilen wir eine ähnliche, sachlich-analytische Herangehensweise“, sagte er einmal. Das habe die Zusammenarbeit stets geprägt. Ob während der großen Fluchtbewegung vor zehn Jahren oder in der Corona-Zeit, wo man nicht in jedem Detail einig war – regelmäßig stärkte er ihr den Rücken, auch gegen innerparteiliche Kritiker. Er bete „jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt“: dieses Bekenntnis wurde zum geflügelten Wort, nicht immer zum Vergnügen der Grünen. Doch die geplante Ehrung der Christdemokratin ausgerechnet für ihren Corona-Kurs stößt auch bei Parteifreunden auf Unverständnis. Offene Kritik daran äußert derzeit niemand; hinter vorgehaltener Hand aber wird die Entscheidung als „instinktlos“ und „provokant“ gewertet. Gleich mehrere Gründe, allgemeine und spezielle, werden dafür angeführt. Für viele Bürgerinnen und Bürger sei es befremdlich, wenn sich Vertreter staatlicher Organe gegenseitig auszeichnen; der Einsatz für das Gemeinwohl gehöre schließlich zu deren Amtspflichten.

Orden wirkt wie Absolution für Merkel

Besonders irritierend finden Kritiker den Corona-Kurs als Begründung. Bis heute seien viele damalige Maßnahmen – etwa zu Lasten von Kindern und Jugendlichen – hoch umstritten. Die Aufarbeitung, auch durch eine Enquete-Kommission des Bundestags, laufe noch; vielfach werde sie als ungenügend empfunden. Da wirke es wie eine „Absolution“ für Merkel, wenn Kretschmann sie just dafür ehre.

Mit geehrt fühlen dürfe sich zudem Merkels damaliger Gesundheitsminister, der heutige Unionsfraktionschef Jens Spahn – und das trotz ungeklärter Vorwürfe in der Maskenaffäre. Kein Wunder also, dass die Ehrung selbst in Grünen-Kreisen nicht unumstritten war. Doch zu den Kritikpunkten, die unsere Zeitung per Anfrage allesamt referierte, gibt es vorerst keinerlei Kommentar. „Herr Ministerpräsident wird die Verleihung im Rahmen seiner Laudatio begründen“, teilte ein Regierungssprecher mit. „Vorab wird er sich zur Verleihung nicht äußern.“