Seit mehr als einem Jahr liegt nun der Entwurf zur Umgestaltung der B 14 vor. Foto: asp

Der städtebaulicher Wettbewerb „Neuer Stadtraum B 14“ hat im Herbst 2020 viel Furore gemacht. Seitdem ist es still um das Projekt. Warum eigentlich?

Stuttgart - Reichlich Lob gab es, als im September 2020 im Rathaus die Ergebnisse des Internationalen Städtebaulichen Wettbewerbs „Neuer Stadtraum B 14“ vorgestellt wurden. Vor allem der Siegerentwurf des Stuttgarter Büros asp Architekten bekam viel Applaus. Das Team um Cem Arat und Markus Weismann zeige, so das Lob, dass das Monster Stadtautobahn gebändigt werden könne, mehr noch: dass die planerische Umkehrung des Straßenraumes in Stadtraum regelrecht beflügele. „Der Siegerentwurf ist visionär und ein Grundstein für die Stadtentwicklung. Diese etwa vier Kilometer zwischen Marienplatz und Schwanenplatztunnel sind bedeutsam für die gesamte Stadt“, gab der damalige OB Fritz Kuhn zu Protokoll.

 

Verwaltung braucht mehr Personal

Ein Jahr später ist es wieder still um die B-14-Planungen. Sehr still. Haben Stuttgarts Gemeinderat und die Stadtverwaltung die Lust an der Verwandlung der Stadtautobahn in eine „ganz normale Stadtstraße“ (Cem Arat bei der Präsentation) verloren? Die Stadt weist auf die Komplexität des Vorhabens hin. „Das B-14-Thema kann ganz sicher nicht nebenherlaufen“, sagt Stephan Oehler, Leiter der Abteilung Verkehrsplanung im Rathaus. Um das Projekt angemessen begleiten, planen und gestalten zu können, hat sein Amt in den laufenden Etatberatungen eine weitere Stelle beantragt. Gesetzt den Fall, der Gemeinderat winkt das Anliegen durch, ist die Stelle freilich noch lange nicht besetzt, geschweige denn, der neue Mitarbeiter, die neue Mitarbeiterin in die Materie eingearbeitet.

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„Die Umsetzung des Städtebauprojekts ,Neuer Stadtraum B 14‘ löst einen längerfristigen Planungs- und Umsetzungsprozess aus“, schrieb Oehler, als das Thema zuletzt im Rathaus beraten wurde – im Unterausschuss Mobilität, einem Gremium ohne jede Entscheidungsbefugnis. Und so verfestigt sich der Eindruck: Eilig hat es in der Stadt niemand. Im ersten Schritt soll Ende dieses Jahres eine verkehrsbezogene Machbarkeitsstudie beauftragt werden. Hatte aber hier nicht der B-14-Wettbewerb eine klare Zielvorgabe formuliert? Alle Entwürfe entstanden auf der Grundlage, dass der Verkehr auf der B 14 um 50 Prozent reduziert wird.

Architekten wünschen sich ernsthafte Auseinandersetzung

Wie reagieren die Gewinner vom Herbst 2020? Das Büro asp Architekten hat aktuell keinen Auftrag und arbeitet derzeit auch selbst nicht an dem Projekt. „Alles, was wir uns wünschen würden, wäre eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Entwurf und den Realitäten vor Ort“, sagt Markus Weismann. Wo fehlt es? „Man muss die Verwaltung auch in Schutz nehmen“, sagt Weismann – ein Hinweis darauf, dass zuvorderst die Politik am Zug ist? Weismann bleibt zurückhaltend. „Die Frage ist einfach“, sagt er, „will man eine bedarfsorientierte Planung oder eine angebotsorientierte Planung?“ Der Unterschied? Die bedarfsorientierte Planung orientiert sich an dem, was ist, daran, wie viele Autos aktuell in welchem Takt die B 14 nutzen. Die angebotsorientierte Planung definiert ein Zielbild, was man als Stadtgesellschaft erreichen will.

Rückeroberung des Stadtraums

„Wir sehen das Projekt nicht in erster Linie als Verkehrsprojekt, sondern als Rückeroberung des Stadtraums“, sagt Cem Arat. „Jetzt“, ergänzt Markus Weismann, „liegt es aus unserer Sicht an Politik, Verwaltung und Bürgerschaft, die Vorschläge zu diskutieren, zu bewerten und konsequent voranzutreiben.“ Was es hierzu braucht? „Eine mutige, respektvolle und zugleich transparente Planungskultur, zu der wir Architekten und Planer auch unseren Teil beitragen müssen und wollen.“

Gesucht: Bilder, die begeistern

Derweil vermisst Markus Weismann die „notwendige Kraft“ im Umgang mit dem B-14-Wettbewerb. „Das ist ein Prozess, das ist uns klar“, sagt er. „Wir denken aber, gerade die Automobilregion beginnt zu begreifen, dass der anstehende Strukturwandel nicht nur ein technischer Wandel sein kann, sondern auch ein kultureller und gesellschaftspolitischer Wandel sein muss.“ Und er ergänzt: „Lärm, verstopfte Straßen und tägliche Staus bedeuten neben einer geringeren Lebensqualität auch negative Standortfaktoren. Die Beschäftigung mit stadtverträglichen Formen neuer Mobilität ist insofern ein Denken zur Zukunftssicherung.“ Dafür brauche es Bilder. Bilder, die begeistern. Bilder einer Rückgewinnung von Stadtraum, von Dialograum. „Ich habe schon in meiner Diplomarbeit den Charlottenplatz umgebaut“, sagt Weismann – und warnt vor der Vorstellung kurzer Zeiträume bei der Umsetzung. „Wenn wir uns jetzt anstrengen“, sagt er, „sehen wir in zehn Jahren etwas.“

Handel fordert Aufenthaltsqualität

Und wie sehen die Händler, Gastronomen, Kulturbetriebe und Veranstalter vor Ort die Debatte über die B 14? „Sie sind“, sagt Sven Hahn, Geschäftsführer der City-Initiative Stuttgart, unserer Zeitung „in ihrer Existenz von der Antwort auf zwei Fragen maßgeblich abhängig: Was lockt Menschen nach Stuttgart? Und wie kommen diese Menschen nach Stuttgart?“ Für Hahn ist damit klar: „Hohe Aufenthaltsqualität ist für uns genauso wichtig wie eine möglichst einfache und schnelle Erreichbarkeit der Innenstadt.“ Und er will die Diskussion erweitert sehen. „Ich habe immer mehr den Eindruck“, sagt Hahn, „dass wir uns in Stuttgart viel mit der Qualität des öffentlichen Raums und viel zu wenig mit der Frage einer besseren Erreichbarkeit befassen. Das eine ergibt ohne das andere jedoch keinerlei Sinn.“ Das heißt? „Wir brauchen“, sagt Hahn, „zusätzlich zu einer Debatte um die Aufwertung der Stadt auch eine Debatte um und vor allen Dingen Lösungen für eine bessere Erreichbarkeit der Innenstadt mit allen Verkehrsmitteln.“

Start am Rande des Wettbewerbsgebietes?

Eine konkrete Umsetzung des Wettbewerbsergebnisses könnte derweil an einer Stelle geschehen, die sehr am Rand des Wettbewerbgebietes liegt: die Cannstatter Straße entlang des Unteren Schlossgartens. Dass dort erste Ideen zum Stadtumbau greifbar werden, liegt aber nicht daran, dass dort der Umgestaltungsbedarf am höchsten wäre. Der Grund ist deutlich profaner: Die Stadt baut dort einen neuen Abwasserkanal, die Straße ist also ohnehin aufgerissen. „Die Stadtverwaltung prüft, ob die endgültige Wiederherstellung der Cannstatter Straße ab 2027 auf Grundlage des im Wettbewerbsentwurfs vorgeschlagenen Querschnitts vorgenommen und dieser schon während der Bauzeit angewendet werden kann“, heißt es in der Vorlage für die Stadträte.

Das ist die B 14

Verkehrsachse
 Bis Mitte des 19. Jahrhunderts entstehen entlang der Neckarstraße prägende Bauten wie die Münze und die Staatsgalerie. Durch breite Bürgersteige gefasst, bietet die Straße um 1900 gleichermaßen Platz für Kutschen und Straßenbahn.

Stadtautobahn
 1967 beginnt die Idee der autogerechten Stadt zu greifen. Die Straße wird bis Mitte der 1970er Jahre mit erheblichen Eingriffen auf ihrer ganzen Länge verbreitert.

Kulturmeile Mitte der 1970er Jahre beginnen Planungen für einen Neubau der Staatsgalerie. Ministerpräsident Lothar Späth (1978–1991) lässt das Überdeckeln eines Teilstücks der Straße prüfen. Für das Teilstück Konrad-Adenauer-Straße entsteht der Begriff Kulturmeile. 1987 initiieren Ministerpräsident Späth und Stuttgarts OB Manfred Rommel ein internationales Symposion zur Zukunft der B 14.

Dauerbaustelle
In den 1990er Jahren wird die B 14 zur Dauerbaustelle, immer wieder wird auch eine Überdeckelung der Straße diskutiert. 2006 wird nach Plänen des Büros von Werner Sobek ein 84 Meter langer Deckel auf Höhe des Wilhelmspalais realisiert. Im Zuge des Projekts „Stuttgart 21“ wird die Unterfahrung des Gebhard-Müller-Platzes um gut 100 Meter entlang der Willy-Brandt-Straße in Richtung Neckartor verlängert.

Wettbewerb 2019
schreibt die Stadt Stuttgart einen neuen Wettbewerb zur B 14 aus. Im September 2020 kürt die Jury einen Entwurf der Stuttgarter Büros asp Architekten und Koeber Landschaftsarchitektur zum Sieger. Die Planung sieht einen erheblichen Rückbau der B 14 vor.