Die Helene-Schoettle-Schule ist besonders stark betroffen, aber auch Schüler anderer Sonderpädagogischer Schulen müssen zuhause bleiben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko, imago/photothek

Die Stadt hat dem ASB als Träger von Schulbegleitungen fristlos gekündigt. Der hat seine Kräfte direkt abgezogen. Der ASB berichtet von Außenständen in Millionenhöhe.

Es ist eine Nachricht, die sich wie ein Lauffeuer an den sonderpädagogischen Schulen, bei den Eltern und den Lehrkräften verbreitet: Die Stadt Stuttgart hat dem ASB Stuttgart die Trägerschaft für die Schulbegleitungen gekündigt. Am Mittwoch um 13.30 Uhr ging die außerordentliche Kündigung beim ASB per Fax ein. Das Schreiben liegt unserer Zeitung vor. Daraufhin hat der ASB Stuttgart die fünf Schulen davon in Kenntnis gesetzt, dass seine Mitarbeitenden von Donnerstag an die Kinder nicht mehr begleiten können dürften. Betroffen sind laut ASB 144 Kinder und 150 Mitarbeitende, die Stadt nennt die Zahl 146 Kinder.

 

Die große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler besuchen sonderpädagogische Schulen, rund 20 sind Inklusionskinder. Die Schulen haben daraufhin am Mittwochabend und Donnerstagmorgen die Eltern benachrichtigt, dass sie ihre Kinder bis auf Weiteres nicht mehr in die Schule schicken können.

„Große Unruhe an den Schulen“

„Wir sind alle fassungslos“, sagt die Gesamtelternbeiratsvorsitzende der sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren, Anna Linder. Sie erinnert die Stadt an die Schulpflicht, die diese sicherstellen müsse. Das Recht auf Teilhabe werde verletzt. Seit 6.30 Uhr morgens klingele bei ihr das Telefon, weil sich verzweifelte Eltern melden, die sich fragen, wie lange ihre Kinder nicht in die Schule können.

„Das sorgt für riesen Unruhe an den Schulen“, meint auch der Geschäftsführende Schulleiter der sonderpädagogischen Schulen, Michael Hirn. Alle seien in großer Aufregung und fragten sich: „Was ist da los?“ Die betroffenen Kinder könnten ohne Schulbegleitung meist gar nicht in die Schule kommen, die Schulen wiederum könnten das nicht auffangen. „Die Personalsituation ist ohnehin schwierig“, so Hirn. An den sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren fällt bekanntlich inzwischen regelmäßig der Unterricht aus. Jetzt kommen auch noch die Probleme rund um die Schulbegleitung hinzu. „Das ist für die Kinder schlimm, die Eltern schlimm, die Lehrkräfte schlimm“, sagt Hirn.

Kündigung „aus gegebenem Anlass“

Nach dem Schreiben des ASB hat das Schulverwaltungsamt am Donnerstagvormittag die betroffenen Schulen ebenfalls informiert. Die Kündigung sei zum 28. Februar „aus gegebenem Anlass“ erfolgt, soll in dem Brief stehen. Dem Vernehmen nach soll es sich um Abrechnungsprobleme gehandelt haben. Dem Gesamtelternbeirat hat die Stadt zudem mitgeteilt, der ASB habe eigenmächtig entschieden, die Schulbegleitung einzustellen.

Beim ASB ist man „erschüttert über die Vorgehensweise“ der Stadt. Nicht nur, dass gegenüber den Schulen so getan werde, als gäbe es keine fristlose Kündigung, ärgert den Träger. Man versteht nicht, warum nicht „das Gespräch gesucht“ worden sei, so der Geschäftsführer des ASB, Markus Mitzenheim.

Tatsächlich sei die Stadt im Frühsommer 2025, kurz nach seiner Übernahme der Geschäftsführung, an ihn herangetreten, dass es ein Thema mit den Abrechnungen gebe. Die Stadt sei der Meinung gewesen, man habe Dinge abgerechnet, die man nicht hätte abrechnen sollen. Ende August habe man der Stadt eine „umfangreiche Stellungnahme“ zu jeder einzelnen Rechnung geschickt; die allermeisten Punkte habe man aus ihrer Sicht klären können. „Das war der letzte Kontakt“, so Mitzenheim. Man habe die folgenden Monate nichts dazu mehr gehört.

Stadt soll Träger fünf Millionen Euro schulden

Beim ASB vermutet man, dass „extreme Außenstände“ mit der Kündigung zu tun haben. Die Stadt schulde ihnen rund fünf Millionen Euro, allein seit September seien 1,3 Millionen angefallen. Wären sie ein kleiner Träger, wären sie schon insolvent, so Mitzenheim. Am Freitag, 30. Januar, habe er die Bezahlung bei der Stadt eingefordert, am Mittwoch folgte die fristlose Kündigung. Der Träger kündigt rechtliche Schritte an.

Auf Anfrage teilt die Stadt dazu mit: Man habe sich „gezwungen“ gesehen, den bestehenden Vertrag am 4. Februar 2026 außerordentlich zu beenden. „Es gibt einen gesetzlich vorgesehenen Kündigungsgrund“, schreibt die Pressestelle. Im Zuge der Zusammenarbeit seien Sachverhalte bekannt geworden, die „eine Fortführung des Vertragsverhältnisses nicht mehr zuließen und eine sofortige Kündigung erforderten“.

Man arbeite nun „mit Hochdruck“ daran, die Schulpflicht und die notwendige Unterstützung für die betroffenen Kinder sicherzustellen. „Ziel ist es, ab Montag, 9. Februar 2026, wieder verlässliche Betreuungsangebote bereitzustellen“, schreibt die Stadt. Man sei in engem Austausch mit den Schulen sowie alternativen Trägern.

61 Kinder an der Helene-Schoettle-Schule

Am stärksten betroffen von der Kündigung ist die Helene-Schoettle-Schule (HSS), die Kinder mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung besuchen. 61 Kinder haben beziehungsweise hatten dort eine Schulbegleitung vom ASB. „Eine Katastrophe“, nennt eine Lehrkraft den plötzlichen Wegfall der Kräfte, man sehe „keine Perspektive“. Viele der Kinder haben eine Autismus-Spektrums-Störung, die auf geregelte gewohnte Abläufe besonders angewiesen sind. Sie alle sollen nun also eine neue Schulbegleitung bekommen? „Für die meisten geht das gar nicht“, betont die stellvertretende Elternbeiratsvorsitzende der HSS, Jacquelin Fischer. Den Kindern fehle „der Halt“, sie könnten dann aggressiv werden.

Auch Anna Linder vom GEB bezeichnet es als „Zumutung für die Schülerinnen und Schüler“, sich plötzlich auf neue Personen einstellen zu müssen. Den ASB habe man an ihrer Schule immer als „sehr verlässlichen Partner“ erlebt. Am Dienstag tagt der nächste Schulbeirat im Rathaus. Da wird das Thema behandelt – unter Verschiedenes kommt es auf die Tagesordnung.