Sara Gielen sieht sich nicht nur als Chefin, sondern vielmehr als Servicekraft ihrer Mitarbeiter Foto: Stefanie Schlecht

Seit 2024 steht Sara Gielen an der Spitze des Sindelfinger Mercedes-Werks, Herzstück der Luxus-Strategie des Konzerns. Keine leichte Aufgabe in Zeiten des Spardrucks. Ein Gespräch über Sorgen zu Verlagerungen, eine neue Fehlerkultur und ihr Verständnis von guter Führung.

Der Weg zu Sara Gielen führt über die großzügige Treppe der Factory 56. Diesem produktionstechnischen Aushängeschild des Sindelfinger Mercedes-Werks, wo S-Klasse, EQS und Maybach gemeinsam auf einer Linie gebaut werden. Am 1. Juli 2024 startete die 52-Jährige als Nachfolgerin von Standortleiter Falk Pruscha und zuvor Michael Bauer. Sie sitzt mit ihrem Team im Kopfbau der Fabrik. Der Schreibtisch steht an der Fensterfront eines hohen Raums, inmitten der Team-Arbeitsplätze. Auf ein eigenes Büro legt sie keinen Wert.

 

Frau Gielen, seit gut einem Dreivierteljahr leiten Sie das Sindelfinger Werk. Wie war der Start?

Als ich damals das Angebot bekam, die Position hier in Sindelfingen zu übernehmen, habe ich mich unglaublich gefreut, weil es so ein traditionsreiches Fahrzeugwerk ist. Natürlich habe ich mich als gebürtige Belgierin und Nicht-Muttersprachlerin schon gefragt, ob ich das hinbekomme. (lacht)

Was machen Sie anders?

Ich bin wahrscheinlich eine untypische Führungskraft, weil ich das klassische Hierarchie-Dreieck immer umdrehe mit der Spitze nach unten. Dort stehe ich und sehe mich als Dienstleisterin meiner Organisation. Dabei hilft mir meine 24-jährige Erfahrung im Bereich Produktion: Hier komme ich schnell zu einer Entscheidung und brauche keine Erklärung. Das kombiniere ich mit meinen Fähigkeiten, Menschen zu führen. Und wichtig für mich ist: Bei all dem bin ich immer Sara geblieben.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihr erstes Jahr gesteckt?

Mein erstes Ziel war, herauszufinden, welche Kultur bei Mercedes herrscht. Auf keinen Fall wollte ich hier reinkommen und sagen, ich bin die Sara Gielen, ich sage euch jetzt, wie man Autos baut. So ticke ich nicht. Denn die Kolleginnen und Kollegen können Autos bauen – das beweisen sie seit über einem Jahrhundert. Deshalb war der erste Schritt, herauszufinden, wo ich als Standortleiterin dieses erfolgreichen Teams meinen Beitrag leisten kann.

Wo sehen Sie den?

Vor allem in meinem Verständnis davon, was eine Organisation braucht, damit die Fähigkeiten der Menschen am besten zum Einsatz kommen. In der Produktion muss man unglaublich viele Bälle in der Luft halten. Sich aber zu fokussieren und nachhaltig Themen zu optimieren und, wenn sie verkehrt sind, abzustellen, da lege ich viel Wert drauf.

Was steht in Sindelfingen 2025 an?

Unser Motto für dieses Jahr ist: Mutig besser werden – mein Beitrag für unsere Zukunft. Damit ist gemeint, dass jeder Mensch seine Stärken hat und man die auch anwenden darf. Und je mehr Menschen gemäß ihrer individuellen Stärken arbeiten können, desto größer wird unsere Wirkung.

Gielen bei der Einweihung des Manufaktur Studios Foto: Mercedes-Benz AG

Wie kommt das an?

Ich glaube, dass ich als Person, die direkt Themen anspricht, viel erreichen kann. Dazu habe ich schon viele positive Rückmeldungen bekommen: Es geht eben nicht darum, den Schuldigen für einen Fehler zu finden, sondern zu überlegen, wie man diesen künftig vermeiden kann. Das ist zielführend.

Die jüngste Ankündigung, Produktionsteile an günstigere Standorte zu verlagern, verunsichert viele. In welcher Rolle sind Sie da?

Wir sind dafür verantwortlich, so effizient wie möglich zu produzieren. Ja, es gibt viele Herausforderungen von außen – makro- und mikroökonomisch. Aber meine Rolle hat sich dadurch nicht verändert. Je schwieriger das Umfeld ist: Das Werk muss effizient produzieren, muss wettbewerbsfähig bleiben. Wir können stolz darauf sein, dass wir ein Werk mit so einer langen Tradition haben. Das will ich bewahren.

Stichwort Flexibilität: Hat der Spardruck die Konsequenz, dass Mitarbeiter von der einen in die andere Halle verlegt werden oder gar in ein anderes Werk?

Es ist ein Fakt, dass wir flexibel sind. Und dazu gehört es, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter flexibel einsetzen. Das ist eine unserer Stärken. Diese Flexibilität sicherzustellen, gehört zu meiner Rolle als Standortverantwortliche. Manchmal höre ich: Veränderung mag man nicht so gerne. Das habe ich hier anders erlebt: dynamisch und flexibel. Unsere Belegschaft weiß, was von ihr verlangt wird und notwendig ist heutzutage.

Sie haben demnach keine Angst, dass Baureihen verlegt werden?

In Sindelfingen ist unser Top-End Segment zu Hause und ich sehe momentan nicht, dass sich daran etwas ändert. Im Gegenteil: Wir werden den AMG.EA hier in Sindelfingen bauen. Dies ist die erste vollelektrische AMG-Plattform.

Trotzdem werden konzernweit Kapazitäten nach Ungarn verlagert, um an der Kostenschraube zu drehen. Was heißt das für Sindelfingen?

Tatsächlich haben wir hier 2024 in der GLC- und E-Klasse-Produktion eine dritte Schicht eingeführt. Und wenn ich mir ansehe, welche Investitionen hier in den Standort getätigt werden – das sind gute Nachrichten für Sindelfingen. Am 3. April legen wir etwa den Grundstein für die neue Lackiererei – hier entsteht eine topmoderne Halle, mit der wir auch in Sachen Nachhaltigkeit und Effizienz im Werk einen Riesen-Sprung machen.

Zur Person: Sara Gielen

1997
 Nach ihrem Ingenieursstudium der Produktionsmechanik startete Sara Gielen ihre berufliche Laufbahn in der Metallbearbeitungsfirma Haesevoets im belgischen Herk de Stad.

2000
 wechselte sie zur Ford Motor Company, entwickelte das Konzept des Industrieparks in Genk und in Köln. Ab 2012 übernahm Gielen in Genk Leitungsposten in der Montage und im Press- und Karosseriebau.

2020
 wurde sie stellvertretende Leiterin des Kölner Ford-Werks, von 2021 bis 2023 hatte sie die hatte die Leitung des Ford-Werks in Saarlouis inne, in dem noch bis November 2025 der Ford Focus gebaut wird.

Im Juli 2024
 folgte sie auf Falk Pruscha als Standortverantwortliche des Mercedes-Benz-Werks in Sindelfingen