So sieht grüne Hightech aus. Der Gasballon der Abscheide-Anlage ist umgeben von einem Kranz von Blitzableitern. Foto: Stefanie Schlecht

Das Bio-Recycling hat in Sindelfingen ein Optimum erreicht. Aus Biogas, gewonnen aus Grünschnitt und Gülle, wird reines Methan-Gas und lebensmittelechtes C02 produziert.

Jetzt ist er fertig geworden, der neue Methan-Abscheider auf der Sindelfinger Dachsklinge. Er gilt als Leuchtturm Projekt, Spitzentechnologie, die es weltweit nur an wenigen Orten gibt. Gebaut hat die Anlage der niederländische Hersteller Bright aus Enschede, am Donnerstag wurde sie in Betrieb genommen. Sie ist das letzte Glied eines beinahe vollständigen Kreislaufs von Bioabfall, den die Landkreise Esslingen, Göppingen und Böblingen gemeinsam geschaffen haben.

 

Eine „Kaskade aus Stoffen“ hat es der Geschäftsführer der Bioabfallverwertung Wolfgang Bagin genannt, mehr noch, ein fast vollständiger Kreislauf von Wertstoffen. Der Bioabfall wird in den drei Landkreisen gesammelt und nach Leonberg in eine Vergärungsanlage gebracht, wo das Biogas entsteht. Der Reststoff wird ins Kompostwerk nach Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen) gebracht und dort aufbereitet.

Der Sindelfinger Oberbürgermeister Markus Kleemann freut sich über den weiteren Ausbau der Energiedrehscheibe Nord in Sindelfingen. Foto: Stefanie Schlecht

Das Biogas strömt indessen durch eine 3,3 Kilometer lange Pipeline zur Sindelfinger Dachsklinge direkt in den neu gebauten Methan-Abscheider.

Dieses Biogas könnte man an sich schon als Rohstoff etwa für ein Blockheizkraftwerk nutzen und damit Wärme und Strom erzeugen. Doch die neue Anlage veredelt das Biogas weiter. Mit dem neuen Methan-Abscheider wird, wie der Name schon sagt, das Methan vom Biogas getrennt.

Methan-Abscheider: Reines Gas von hoher Qualität

Damit wird reines Methangas von hoher Qualität gewonnen, das in das Erdgasnetz der Stadt Sindelfingen eingespeist wird und zum Heizen oder Kochen verwendet wird. Das CO2 indessen wird gekühlt, verflüssigt und an die Lebensmittelindustrie verkauft, wo es im süßen oder sauren Sprudel als Kohlensäure das Getränk schmackhafter macht und in der Nase kitzelt.

Beide Anlagen in Leonberg und Sindelfingen kosten rund 54 Millionen Euro, auf die Vergärungsanlage entfallen rund acht Millionen Euro, die vom Bund, vom Land und auch von der Kreissparkasse gefördert werden. Die Redner an diesem Tag, darunter der Landrat Roland Bernhard, der Staatssekretär Andre Baumann und der Oberbürgermeister Markus Kleemann, ließen keinen Zweifel daran, dass dieses Geld gut angelegt sei.

Autark von fremden Rohstoffen

Nachdem durch die Kriege im Osten und Nahen Osten die Versorgung mit Erdgas in Gefahr gerate, sei hier ein wichtiger Schritt in Richtung der Energiesouveränität gemacht worden. Die Anlage erzeugt jährlich rund 40 000 Megawattstunden grüne Energie, soviel etwa wie der energetische Fußabdruck von 1600 Menschen. Dazu kommen 5000 Tonnen CO2 pro Jahr, die in der Lebensmittelindustrie dringend benötigt werden.

Der Bauleiter Dionisis Papoutsogiannopoulos unternahm es, nach der Einweihung die Besucher zur Anlage zu führen, die direkt an der Grenze zum Sindelfinger Makadamwerk liegt. Drei Baugruppen, die mit silbern glitzernden Rohren verbunden sind. Dazwischen ein Kranz von Stahlmasten, die wie Antennen aussehen, aber in Wirklichkeit die Anlage vor Blitzen schützen.

Methan-Abscheider: Weder Wasser noch Chemie

In einem grauen Quader, der etwa so groß ist wie ein Baucontainer, befindet sich der eigentliche Abscheider – lange Metallzylinder, die auf einem Rahmen liegen. Der Abscheider nutzt die unterschiedliche chemische Struktur von Methan und Kohlendioxid, denn Methan ist leichter und Kohlendioxid schwerer. Durch einen Druckunterschied über den Membranen trennen sich die Gasströme. Der Vorteil: Man braucht kein zusätzliches Wasser und keine zusätzlichen Chemikalien.

Das Kohlendioxid wird anschließend in einem mächtigen, mehr als zehn Meter hohen Stahlballon gespeichert und dann, nachdem es verflüssigt worden ist, in zwei großen weißgestrichenen Gastanks gelagert. Wie glitzernde Schlangen liegen zu ihren Füßen die verschiedenen Leitungen, aus denen der Kunde seine Tanks mit dem flüssigen CO2 füllen kann.

Gegen den Klimakiller Methan

Denkt man nur an den Klimaschutz, ist der Hauptvorteil der neuen Anlage, dass kein Methan aus der Vergärung in die Atmosphäre gelangt, sondern in die Sindelfinger Heizungen. Methan gilt als ein 30 Mal schlimmeres Treibhausgas als CO2.

Dabei hatte das Projekt einen ziemlich schlechten Start. Gerade als die Vergärungsanlage in Leonberg erweitert werden sollte, war sie im Jahr 2019 komplett abgebrannt. Doch der Landkreis Böblingen gab nicht auf und baute die Energiedrehscheibe in Sindelfingen weiter aus, um, wie Karl Peter Hoffmann, der Geschäftsführer der Stadtwerke Sindelfingen sagte, „den Anteil der erneuerbaren Energien zu steigern und die Abhängigkeit vom Erdgas weiter zu verringern.“

Wie der Phönix aus der Asche

Brand
Am 11. September 2019 war die Vergärungsanlage in Leonberg bei einem verheerenden Brand nahezu komplett zerstört worden. Es war der größte Einsatz für die Leonberger Feuerwehr seit dem Stadtbrand im Jahr 1895. Bei dem Feuer waren 330 Kräfte von Feuerwehr, Rettungsdienst, Rotem Kreuz, Technischem Hilfswerk und Polizei mehr als 106 Stunden lang bis zum Äußersten gefordert.

Neubau
Ende Februar wurde die Anlage wieder in Betrieb genommen. Mit einer Jahreskapazität von 72 000 Tonnen ist sie jetzt die größte ihrer Art in Baden-Württemberg. Betrieben wird sie von der Bioabfallverwertung Leonberg (BVL), einem Gemeinschaftsunternehmen der Landkreise Böblingen und Esslingen.