In wenigen Monaten läuft bei Bosch die Konzernbetriebsvereinbarung „Smart Work“ aus. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Bosch hat eine weitreichende Homeoffice-Vereinbarung aufgekündigt. Wie kommt das bei Beschäftigten in Stuttgart an? Ein Stimmungsbild vor dem Feuerbacher Werk.

„Smart Work“ ist bei Bosch Geschichte – jedenfalls ab August. Der Stuttgarter Technologie- und Dienstleistungskonzern kündigte die Konzernbetriebsvereinbarung über weitreichende Homeoffice-Regelungen nämlich auf, wie Unternehmenschef Stefan Hartung kürzlich bei einer Veranstaltung unserer Zeitung bestätigte.

 

Beschäftigte sollen mindestens 60 Prozent ihrer wöchentlichen Arbeitszeit entweder am Standort oder beim Kunden verbringen, teilte eine Bosch-Sprecherin dazu mit. Das sei auch bisher die Vorgabe. Doch: dank „Smart Work“ konnten Mitarbeiter theoretisch trotzdem beliebig oft mobil arbeiten. Damit ist bald Schluss. Wie blicken Beschäftigte des Konzerns in Stuttgart-Feuerbach auf die Entscheidung?

Bosch-Beschäftigte äußern sich zu Homeoffice

„Ich finde es nicht schlecht“, sagt Julian, der im IT-Bereich tätig ist. 60 Prozent Anwesenheit förderten das Zusammenspiel im Team, meint er. „Gerade in der IT sind viele dauerhaft im Homeoffice gewesen, wirklich jahrelang“, gibt er Einblicke.

Wie Konzernchef Hartung bei seiner Begründung für das „Smart Work“-Aus erklärte, habe man festgestellt, dass es passieren könne, dass ein Arbeitsteam gar nicht mehr da sei. „Dann kannst du gar keine neuen Leute mehr integrieren – weil: Wie sollen sie sich denn integrieren?“

Bosch-Chef Stefan Hartung (li.) war vergangene Woche bei der Diskussion „StZ im Gespräch“ der Stuttgarter Zeitung und „Treffpunkt Foyer“ der Stuttgarter Nachrichten zu Gast. Er stellte sich den Fragen von Anne Guhlich, stellvertretende Chefredakteurin der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, und Joachim Dorfs, Chefredakteur der beiden Zeitungen. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der 60-Jährige sprach mit Blick auf die Produktion zudem entstehende Ungerechtigkeiten an – schließlich findet die Montage nur im Werk statt. „Wir müssen halt vor Ort sein“, sagt Silvia Schäffler, die im Messzentrum tätig ist. Homeoffice kenne sie nicht, sie stelle es sich aber schön vor. Zugleich sagt die Mitarbeiterin aus der Produktion aber auch: „Das Soziale würde uns fehlen.“

Hasan Babat verlässt das Werk zusammen mit ihr. Er könnte auch im Homeoffice arbeiten, meint aber: „Ich will zu Bosch kommen und die Leute sehen.“ Für ihn sei es einfacher, wenn er vor Ort ist. Die Arbeit dort schätzt er auch als produktiver ein – und die Smart-Work-Aufkündigung kann er nachvollziehen. Für ihn sei es in Ordnung, dass Homeoffice nun zumindest eingeschränkt werde.

Auf Basis der seit Jahren bestehenden Konzernbetriebsvereinbarung „Mobiles Arbeiten“ werde flexibles und mobiles Arbeiten selbstverständlich nach wie vor möglich sein, erklärte die Bosch-Sprecherin mit Blick nach vorn. Auch Hartung ging darauf ein – und machte deutlich, dass er gewiss kein Homeoffice-Gegner ist.

Hans-Joachim Lehner aus der Qualitätssicherung in der Entwicklung ist aufgrund der Regelung in seiner Abteilung mindestens drei Tage pro Woche vor Ort. Büropräsenz und in Abstimmung mit der Führungskraft Homeoffice-Tage ausmachen – „damit kann ich persönlich leben und das ist für mich okay. Die Frage ist nur, ob es dabei bleibt“, sagt Lehner. „Für die konkrete Ausgestaltung und Steuerung der Präsenz vor Ort sind die Standorte, Geschäftseinheiten und Führungskräfte unter Beachtung etwaiger Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmervertretungen verantwortlich“, so die Sprecherin zur Ausgestaltung der Regeln.

„Die Möglichkeit zum Homeoffice ist ein Privileg“, sagt ein Bosch-Mitarbeiter

Eine Frau, die anonym bleiben möchte, sieht die 60-40-Regelung für die Mitarbeiter und die Firma als fair an. Eine höhere Präsenzquote würde sie als störend empfinden, perfekt fände sie dagegen, 40 Prozent der Zeit im Büro zu sein. Ein weiterer Boschler hat zum Ende von „Smart Work“ kein besonders starkes Gefühl, weil ich eigentlich sehr gerne im Büro bin“. Er ergänzt: „Die Möglichkeit zum Homeoffice ist ein Privileg und etwas Schönes, was mit der Moderne erarbeitet wurde. Aber man kann es nicht rechtlich einfordern.“ Der Mitarbeiter, der eine technische Funktion innehat, mag am Büroalltag die Kreativität, die Ideengenerierung und den Austausch. „Es ergeben sich Möglichkeiten, die es ansonsten nicht gäbe“, findet er und verweist etwa auf eine Dienstreise, die er sonst wohl nicht angetreten hätte.

Einer seiner Kollegen äußert sich ähnlich: „Mich betrifft es eigentlich nicht, weil ich immer vor Ort bin“, sagt der Mann, der im Sondermaschinenbau tätig ist. Er arbeite meistens an einer Maschine, gehe gerne in die Kantine und sei im Büro produktiver als daheim. Zudem fände er es auch besser, wenn die Kollegen da sind. Dass „Smart Work“ aufgekündigt wurde, sei für den 30-Jährigen nicht überraschend gekommen.

„Smart Work“-Aus bei Bosch „nicht besonders überraschend“

Auch sein Kollege Norbert Braun meint: „Das ist nicht besonders überraschend.“ Er fährt fort: „Wir stehen in Konkurrenz mit Billiglohnstandorten, wir müssen so effizient wie möglich sein“, sagt der Boschler aus dem Bereich der Motorsteuergeräte. Eine Präsenzquote von 60 Prozent hält er dabei für angemessen. Es gebe Dinge, die man im Homeoffice besser abarbeiten kann, „aber der Austausch mit Kollegen vor Ort ist ganz anders“. Daher ergibt es aus seiner Sicht Sinn, auch im Büro zu erscheinen. Zugleich glaubt Braun, dass nicht alle Kollegen gleichzeitig vor Ort Platz finden würden. Kämen mehr als 60 Prozent, „haben wir sowieso ein Problem“.

Gerade diejenigen, die einen weiten Anfahrtsweg haben, würden womöglich gerne auf eher viel Präsenz verzichten. „Für manche war es natürlich auch bitter“, erzählt Braun von den Reaktionen auf das „Smart Work“-Ende. Das berichten in Feuerbach mehrere Boschler. „Wir haben Leute, die leben 200 Kilometer vom Standort entfernt. Für die war das Homeoffice eine feine Sache“, sagt eine Assistentin aus Ludwigsburg. „Manche sind – was ich schon mitbekommen habe – nicht ganz so erfreut.“ Sie selbst sei mit ganz wenigen Ausnahmen immer im Büro. „Das ist schon wichtig, dass man als Sekretärin vor Ort ist“, so die Boschlerin. Sie schätze das Miteinander, den Austausch und die Abstimmung vor Ort.

Bosch: wieder verstärkte Büropräsenz festgestellt

Jörg, der in der Entwicklung arbeitet, verbringt etwa die Hälfte der Zeit im Büro, wie er sagt. Eine Umgewöhnung zurück zu mehr Büropräsenz? Da gebe es für ihn Schlimmeres. Er habe „selbst auch gemerkt, dass es sinnvoll ist, wenn man vor Ort ist“. Bosch stellt nach eigenen Angaben bereits wieder eine verstärkte Büropräsenz fest. Eine Entwicklung, die der Konzern „begrüßt und fördert“ – künftig sicher auch durch das Aus von „Smart Work“.