Archäologin Sarah Roth vor einer Ausgrabung: einem Pferdeskelett aus der Römerzeit im Hallschlag. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Auf einer Baustelle in der Düsseldorfer Straße in Bad Cannstatt sind bei einer inzwischen abgeschlossenen Grabung außergewöhnliche archäologische Funde zutage gekommen.

Der Hallschlag erweist sich seit Jahrzehnten mit Relikten, insbesondere aus der Römerzeit, als Fundgrube der Archäologie. Das einstige römische Kastell hat viele Spuren hinterlassen: römische Siedlungen, Töpferöfen, Straßen. Zuletzt sorgte der Fund der mittelalterlichen Altenburg, der Keimzelle der Stadt Stuttgart, aus dem 11. Jahrhundert für Aufsehen. Entdeckt wurde sie im Juli 2016 unter dem einstigen Steiggemeindehaus, ebenso ein römischer Keller. Jetzt gibt es weitere Funde, die mit dem römischen Kastell in Verbindung stehen.

 

Rettungsgrabung auf Baustelle für 312 Wohnungen

„Es ist vermutlich der größte Pferdefriedhof der Römer in Baden-Württemberg“, sagt Sarah Roth vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Die 38-jährige studierte Archäologin ist spezialisiert auf römische Ausgrabungen und verantwortlich für Maßnahmen in Nordbaden und weite Teile des Regierungsbezirks Stuttgart. Dort, wo die SWSG nach eigenen Angaben 312 neue Wohneinheiten bauen will, fand bis vor kurzem noch eine sogenannte Rettungsgrabung statt, eine von derzeit 25 Rettungsgrabungen in Baden-Württemberg. Kurz vor Ende der Arbeiten zeigte die Archäologin ein paar Funde und erste Ergebnisse.

Pferde aus der Römerzeit

Schon im Sommer vergangenen Jahres haben die Archäologen beim Rückbau der Häuser und der Keller begonnen, den Bau zu begleiten. Die Grabungen haben dann im September 2024 auf den rund 1,7 Hektar Fläche angefangen. Dort waren zuvor zahlreiche Wohnhäuser gestanden, die abgerissen wurden. Auf einer Karte zeigt Roth, wo sich einst die römische Siedlung befand, nördlich der Reiterkaserne im Bereich Düsseldorfer Straße. Unweit des Kastells, in der einst eine römische Reitereinheit untergebracht war, fanden sich nun zahlreiche Pferdeskelette. Sie waren noch recht gut erhalten. Deren Knochen wurden nun zur Altersbestimmung mit der Radio-Carbon-Methode untersucht, bei der das Alter kohlenstoffhaltiger, insbesondere organischer Materialien bestimmt wurde. Das Ergebnis: Die gefundenen Skelette stammen von Pferden, die im ersten/zweiten Jahrhundert nach Christus gelebt haben, der Zeit, als die Römer in Cannstatt waren. In der Düsseldorfer Straße und vermutlich noch in angrenzenden Bereichen befand sich ein so genannter römischer Schinderanger, ein Pferdefriedhof.

500 Reiter lebten im Kastell vor 2000 Jahren

Im Kastell lebten vor nicht ganz 2000 Jahren etwa 500 Reiter. Wenn die Pferde der Reitereinheit starben, wurden sie hier beerdigt. Rund 90 Pferdeskelette wurden nun gefunden. Bereits in den 1920er Jahren hatte man bei Arbeiten in der Düsseldorfer Straße 18 Pferdeskelette aus römischer Zeit entdeckt. Deshalb ging man jetzt bei den aktuellen Grabungen davon aus, dass weitere gefunden werden könnten.

Ein Pferd mit Grabbeigabe und Öllämpchen

Und in der Tat. Die Pferde wurden dort in Gräber gelegt. Einer der Vierbeiner hatte auch einen Henkelkrug als Grabbeigabe und ein Öllämpchen dabei. „Offenbar war es ein besonderes Pferd für den Besitzer“, vermutet Roth. Viele der Kadaver seien in derselben Position beerdigt worden, manchmal sind die Beine ausgestreckt. Sie werden nun archäo-zoologisch untersucht. Dann wird klar sein, wie alt die Knochen sind und ob es Hengste oder Stuten waren. An einem Skelett-Kopf zeigt Roth an den Hengstzähnen, dass es sich um ein männliches Tier gehandelt haben muss.

Skelette lagen nah an der Oberfläche

Auch wird Teil der Forschungen nun sein, woher die Pferde kamen, aus Cannstatt oder aus der Region oder anderen Ländern und wie alt sie waren, als sie starben? Unklar ist auch die Ursache für ihren Tod, ob sie krank waren oder altersschwach. Möglicherweise wird es auch da Hinweise geben, denn auch die Erde mit ihren Mikroben im unmittelbaren Umfeld wird untersucht.

Überraschend für die Archäologen war, wie nah sich die Skelette an der Oberfläche befanden. Manche lagen direkt vor den Hauswänden oder im Keller oder im einstigen Vorgarten der Häuser. Auch das Skelett eines römischen Mannes wurde in dem Cannstatter Gräberfeld gefunden. Er lag auf dem Bauch. „Möglicherweise ist sein Genick gebrochen“, sagt Roth. Auch da weiß man noch nicht viel mehr.

Die Firma ArchäoBW hat im Auftrag des Bauherrn, der SWSG, die Skelette von Hand vorsichtig freigelegt und fotografiert. Die Knochen werden gereinigt, registriert und dann an das Osteologische Archiv in Rastatt übergeben, weiß Roth, die für das Landesamt für Denkmalpflege die Grabungen überwacht. Dort ist auch das Archiv des Archäologischen Landesmuseums Baden-Württemberg, das landeseigene archäologische Funde für Ausstellungen in Museen und Forschungsprojekte lagert. Wenn sich Museen bereit erklären, ist Roth offen für Ausstellungen, damit die Öffentlichkeit zu den Funden mehr erfahren kann.

Rettungsgrabung als historischer Moment

Somit ist es ein historischer Moment, die Funde bei der Rettungsgrabung noch vor Ort zu sehen, bevor sie nun abtransportiert wurden. Denn nur dort sind die Skelette im Ursprung so lange zu sehen, bis sie registriert sind. Die Untersuchungen im Labor werden dann zeigen, wie es den Pferden ergangen ist, die schätzungsweise 1,25 Meter Widerristhöhe hatten, vergleichbar mit Island-Pferden, ob sie sehr belastet waren, etwa durch viel Reiterei und Lasten oder welches Schicksal sie hatten. Die Pferde indes wurden zur römischen Zeit ohne alles bestattet. Sie hatten übrigens auch keine Hufeisen. „Es gab damals nur Hufschuhe.“ Aber Riemen und Riemenbeschläge hatten die Pferde, die geritten wurden.

Unweit des Pferdefriedhofs stand einst das römische Kastell im Jahre 90 nach Christus auf rund vier Hektar Fläche, etwa zwischen der Phönixhalle und der Straße Am Hallschlag. Roth zeigt zudem einige römische Funde, die nun entdeckt worden sind: Teller, Flaschen und den Henkelkrug, der beim Pferd als Beigabe dabei war. Auch Metallgegenstände wurden entdeckt, römische Fibeln (Gewandschließen), römische Beschläge von Lederriemen und ein Ring. Die römische Reitereinheit befand sich bis zur Mitte des zweiten Jahrhunderts in Cannstatt und wurde dann nach Welzheim verlegt, weiß Roth. Vermutlich endete dann auch die Geschichte des Pferdefriedhofs.

Über den Resten des einstigen römischen Kastells ließ König Wilhelm II. von Württemberg zwischen 1908 und 1910 eine Kaserne für seine Truppen bauen. Doch zu der Zeit durften keine Pferde mehr dort bestattet werden. Die Funde jedoch werden weiter Geschichte schreiben.

Pferde in Stuttgart schon immer bedeutend

Pferde spielten ja in Stuttgart schon immer eine besondere Rolle, nicht zuletzt der Name der Stadt Stuttgart deutet darauf hin, der aus dem Begriff „Stutengarten“ resultiert – einem Reitergestüt im 10. Jahrhundert. So wird vermutet, dass die Stadt zwischen 926 und 948 durch den Bau dieses Gestüts, das sich im Nesenbachtal etwa fünf Kilometer südwestlich der Altenburg befand, begründet wurde. Nun kommt eine weitere besondere Pferde-Historie hinzu.