Sigrid Luitgard und Roland Duppel sind seit 70 Jahren verheiratet. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eine Anzeige machte es publik: Sigrid Luitgard und Roland Duppel, beide 91 Jahre alt, sind seit 70 Jahren verheiratet und erfreuen sich noch jeden Tag aneinander.

Wer diese Anzeige gelesen hat, staunte. Lächelte wohl auch und war gerührt. Hatte da doch ein Mann namens Roland vor aller Welt seiner lieben Sigrid zum Hochzeitstag versichert, wie sehr es ihn freue, dass sie 70 schöne Jahre miteinander verbringen konnten und dass sie sich noch an jedem Tag aneinander erfreuen! Was für eine wunderbare Liebeserklärung! Zu einem Jubiläum, das nicht vielen Menschen vergönnt ist und daher Gnadenhochzeit genannt wird. Sigrid Luitgard und Roland Duppel, das Ausnahmepaar, dem diese Gnade zuteil geworden ist, waren ohne Zögern bereit, ihre Lebens- und Liebesgeschichte zu erzählen.

 

Vier Treppen hoch und kein Aufzug: Wie schaffen das die Jubilare, die in diesem Jahr ihre 91. Geburtstage feiern konnten? „Langjährige Übung“, lachen beide, sie würden ja schon seit 1963 in dieser Wohnung leben und sich der besten Beziehung zur Vermieterfamilie Engel in dritter Generation erfreuen. Ihre ersten eigenen vier Wände, nachdem sie schon sieben Ehejahre notgedrungen unter einem Dach mit Mutter Duppel wohnen mussten. Nicht die reine Freude, der Sohn wird da ziemlich deutlich. „Es hat ja damals keine Wohnungen gegeben“, erinnert seine Frau an die Nachkriegsmisere. Umso glücklicher waren sie, als sich der junge Ehemann, der als Gas- und Wasser-Installateur beim Bau dieses Hauses mitgeschafft hatte, hier eine Wohnung sicherte. „Aber glücklich waren wir von der ersten Stunde unserer Ehe“, betont er.

In Stuttgart-Feuerbach nahm die Liebe ihren Anfang

Die Zeitungsannonce zur Gnadenhochzeit hat mittlerweile einen Bilderrahmen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Es muss diese felsenfeste Gewissheit des Zusammengehörens sein, die dieses Paar mit einer besonderen Aura umgibt. Roland Duppel, damals noch keine 20, hat sie bei der ersten Begegnung mit dem Fräulein Breithaupt gespürt. Da war die junge Frau aus St. Georgen im Schwarzwald in Stellung, wie man sagte, als Haushälterin bei einer reichen Fabrikantenfamilie in Feuerbach. Und stand gerade in der Küche, als der Flaschner aus Neuwirtshaus in der herrschaftlichen Villa eine Wasserspülung einbaute und sie beim Blick durchs Fenster entdeckte. „Ich hab sie gesehen und gesagt, de is se!“ Ein halbes Jahr später hatte er wieder dort zu tun, „man hat geschwätzt miteinander, und so sind wir zusammengekommen.“

Aber zusammen sein, erzählen beide, konnten sie nicht viel. Es fehlte an Zeit und Geld. „Ich habe 30 Mark im Monat bekommen, hatte ein Zimmer unterm Dach ohne Heizung und wenig Freizeit“, erzählt Sigrid Duppel. Die damals übliche Ausbeutung. „Und ich habe als Geselle bei der Firma Allgöwer 1,36 Mark in der Stunde verdient“, fährt ihr Mann fort. Als 15-Jähriger war er dort in die Lehre gekommen. „Wir wollten so schnell wie möglich heiraten, durften aber nicht, weil wir noch nicht volljährig waren.“ Das wurde man damals erst mit 21 Jahren. „Hättet mir a Kind gemacht, hätten wir gleich heiraten dürfen“, empört sich Roland Duppel heute noch. „Das Jugendamt“, erinnert sich seine Frau, „kam zu meiner Mutter. Die wollten wissen, ob ich überhaupt schon eine Aussteuer habe.“

Den Maßanzug für die Hochzeit hat der Großvater von Roland Duppel im Gerberviertel angefertigt

Sie hatte: Wäsche für Tisch und Bett und sogar ein Besteck, wie es sich gehörte. Gewartet haben sie dann kaum einen Tag länger als nötig: Nachdem Sigrid 21 Jahre alt geworden war am 20. August 1955 und ihr Liebster dieses entscheidende Alter am 27. Oktober erreicht hatte, wurde am 26. November in St. Georgen die Hochzeit gefeiert. Ein schönes Paar, sie im weißen Kleid mit Kranz und Schleier aus dem Brautkleid-Verleih, er im Maßanzug, spendiert vom Großvater, der als Herrenschneider ein Geschäft im Gerberviertel hatte. „Es war eiskalt“, überkommt die Gnadenbraut noch in der Erinnerung ein Frösteln, „sonnig, aber bitterkalt, der Schnee hat geknirscht und die Kirche war nicht geheizt.“ Dem Glück hat es nichts anhaben können.

Auf dem Tisch steht ein Strauß Rosen. Noch vom Hochzeitstag? „Nein, ich bekomme jede Woche Rosen“, strahlt Sigrid Duppel. „Ein Wohnzimmer ohne einen Blumenstrauß ist leer“, findet ihr Mann und legt liebevoll den Arm um sie. Diese Gesten und wie er sie anschaut, wenn sie erzählt, auch mal dazwischenschwätzt, ihn korrigiert, immer spürt man die enge und unerschütterliche Verbundenheit dieses Paares, das sich nach mehreren Fehlgeburten vom Kinderwunsch verabschieden musste. „Wir sind einfach immer auf der gleichen Wellenlänge“, beantwortet Roland Duppel die oft gestellte Frage nach dem Geheimnis dieses langen und guten Ehestandes.

Ob sein Engagement in der Sportvereinigung Neuwirtshaus an jedem Wochenende mit vielen Freunden und fröhlichen Festen, die Liebe zum Garten in Gerlingen, ihrem Sommer-Refugium, das er zu einem blühenden Paradies mit mindestens hundert verschiedenen Rosensorten gestaltete, die Ski-Urlaube, die Reisen im Sommer: Nie ein ernster Zwist, alles hat gepasst, das gemeinsame Genießen ebenso wie die Fürsorge füreinander, mit der sie schon viele gesundheitliche Probleme überstanden haben.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat dem Ehepaar aus Stuttgart zur Gnadenhochzeit gratuliert

Zu 70 Jahren Ehe kann auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann nicht so oft gratulieren. Foto: Staatsministerium Baden-Württemberg

Roland Duppel zeigt die Gratulation von Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus dem Staatsministerium. Solche Briefe habe er selbst oft weggeschickt, weil er dort seit 1976 gearbeitet und es zum Leiter der Poststelle gebracht habe. Glückwünsche für Gnadenhochzeiter waren selten dabei. Und wie ist er jetzt auf die Idee mit der Anzeige in den „Stuttgarter Nachrichten“ und in der „Stuttgarter Zeitung“ gekommen? „Ich hab gewusst, da muss ich mir was einfallen lassen“, verrät der passionierte Zeitungsleser. Sie habe nichts davon geahnt, schwört seine Frau. Bis er ihr an diesem Morgen, 70 Jahre nach der Hochzeit in St. Georgen, die Zeitung hingelegt hat: „Komm a mal und guck!“. Die Überraschung ist gelungen. Und das Eheglück weiterhin beständig.