Bei Sehne kaufen Tausende in der Region Stuttgart ihr Brot. Was viele nicht wissen: In der Großbackstube in Ehningen (Kreis Böblingen) treffen sich Windkraftgegner und fragwürdige Experten.
Der Start der fachfremden Veranstaltung in einer Backstube verzögert sich um 20 Minuten. Nicht weil der Hausherr noch fehlt, Gerd Sehne sei im Urlaub, wird gesagt. Böblingen sei zu, vielleicht stehen ja noch Leute im Stau, die wissen wollen, warum Windkraft gefährlich sein kann. Immerhin rund 70 vertreiben sich am Abend des 19. Septembers die Wartezeit, indem sie bei ruhigen Klavierklängen aus Lautsprechern über den rutschigen Boden der Riesenbackstube von Sehne schleichen, vielleicht ein Gratis-Plunder vom Bäcker-Büffet in der Hand.
Sehne ist laut Innung mit mehr als 200 Filialen die größte Bäckerei in der Region Stuttgart, mit anderen Worten ein Schwergewicht. Der Produktionsstandort in Ehningen (Kreis Böblingen) entwickelt sich gerade offenbar zur Stammlokalität der Bürgerinitiative Pro Natur Ehningen. Mehrere Veranstaltungen fanden und finden laut Programm-Flyer hier statt.
Laut Internetseite Teil von Vernunftkraft
Man danke Sehne für die „große Unterstützung“, sagt ein Mitglied der Bürgerinitiative, als es losgeht. Über die Bierbänke rauscht Applaus. Es gehe ihnen hier um „Informationen, die man im Alltag sonst nicht bekommt“, wird angesagt. In der Bürgerinitiative sind Menschen, die das mit den möglicherweise sechs Windrädern, die in der Nähe gebaut werden könnten, kritisch sehen.
Die Ehninger Initiative ist laut der Internetseite von Vernunftkraft Teil dieser bundesweiten Vereinigung. Vernunftkraft ist ein Zusammenschluss lokaler Bürgerinitiativen, Vereine und Privatpersonen und laut einer Greenpeace-Recherche 2021, über die damals der Spiegel berichtete, unter dem Deckmantel des Naturschutzes mit der Anti-Windkraft-Lobby verbandelt.
Am 19. September hat Ursula Bellut-Staeck einen Auftritt in der Ehninger Backstube. Ärztin und Umweltschützerin, wie sie sich vorstellt. Sie darf die neue Lautsprecheranlage, die Sehne laut Veranstalter freundlicherweise frisch angeschafft hat, einweihen. In ihrem Vortrag geht es um den Infraschall von Windrädern und wie er angeblich Mensch und Tier schädigen kann. Die Forschung dazu werde vernachlässigt. Weshalb dann sogar ein Spendenkörbchen durch die Reihen in der Backstube gereicht wird.
Stefan Holzheu von der Universität Bayreuth, der sich eingehend mit solchen Argumenten beschäftigt, sagt auf Nachfrage unserer Redaktion: „Es ist ausgeschlossen, dass kilometerweit entfernte Windräder die Ursache der Beschwerden sind.“ Die sogenannten Informationen der Deutsche Schutzgemeinschaft Schall für Mensch und Tier, der Bellut-Staeck angehört, brächten keine neuen Erkenntnisse. Es handele sich vielmehr um alte längst widerlegte Falschbehauptungen. Zudem kritisiert Holzheu die Nähe zur Klimaleugner- Szene.
Warum aber unterstützt der Großbäcker aus Ehningen solche Veranstaltungen? Sehne wird auch – neben einem örtlichen Kfz- und einem Elektrotechnik-Betrieb – als Sponsor ausgewiesen. Andere Unternehmen bauen inzwischen eigene Windräder, warum ist ein energieintensiver Betrieb wie Sehne ganz offensichtlich dagegen, dass zwischen Ehningen, Böblingen und Holzgerlingen erneuerbarer Strom per Windkraft erzeugt wird und bietet dafür sogar zweifelhaften Experten Raum? Gerne hätten wir diese Fragen gestellt, aber Gerd Sehne war leider auch auf mehrfache Nachfrage nicht für uns erreichbar.
Windpark zusammen mit Holzgerlingen und Böblingen
Ehningen tut sich mit der Windkraft schwer, das haben bereits die vergangenen Monate gezeigt. Einem gemeinsamen Windpark mit Böblingen und Holzgerlingen standen die Ehninger zunächst ablehnend gegenüber. Letztlich hat sich der Gemeinderat dann aber doch entschieden, zunächst an Bord zu bleiben. Inzwischen sind sieben Angebote von Projektieren eingegangen. „Eine endgültige Verpachtungsentscheidung der drei Kommunen ist in diesem Jahr nicht zu erwarten“, sagt Lukas Rosengrün, der Bürgermeister von Ehningen, auf Anfrage.
Er selbst wurde auch „kurzfristig per E-Mail“ zu Sehne eingeladen, bestätigt er. „Ich hatte an diesem Abend jedoch andere Verpflichtungen.“ Auch bei den seiner Kenntnis nach bisher zwei anderen Terminen beim Großbäcker habe er die Prioritäten anders gesetzt.
Die Stimmung wegen der Windräder sei in der Gemeinde mit ihren rund 9300 Einwohnern derzeit ruhig, schildert Rosengrün seinen Eindruck. „Ich denke, dass sich die Situation im Hinblick auf eine mögliche Verpachtungsentscheidung zuspitzt.“
Und wie steht der Ehninger Bürgermeister dazu, dass Sehne seine Backstube und damit auch seinen bekannten Namen für die Veranstaltungen hergibt? „Jeder kann und soll für das einstehen was ihm oder ihr wichtig ist“, sagt er. „Ob ich das inhaltlich teile oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Ich sehe dabei nichts Gefährliches.“ Grundsätzlich seien ihm faktenbasierte Informationsveranstaltungen wichtig und dass man respektvoll miteinander umgehe.
Wie könnten die Windräder aussehen?
Sehen
Wie könnte der Windpark zwischen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen aussehen? Seit Kurzem gibt es online Visualisierungen in Form von sechs Videoschnipsel aus verschiedenen Perspektiven. Angefertigt hat diese das Unternehmen endura kommunal, das die drei Kommunen unterstützt. Für die Visualisierungen seien absichtlich besonders große Windräder gewählt worden. Ansehen kann man sie sich hier: https://www.windenergie-bb14.de/vorhaben-visualisierungskarte/
Hören
Bereits im Frühjahr waren Gemeinderäte aus den drei Kommunen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen in Winterbach (Rems-Murr-Kreis) zu Besuch, um sich Windräder aus der Nähe anzusehen. Und auch um zu hören, wie laut diese Kraftwerke tatsächlich sind. Organisiert wurde die Ausfahrt vom Forum Energiedialog Baden-Württemberg, ins Leben gerufen vom Umweltministerium Baden-Württemberg, um zu informieren und Akzeptanz zu schaffen. (ana)