Tempo 30, Markierungsnägel und Piktogramme: Die Stadt Stuttgart hat im Schwabtunnel nachgebessert. Doch selbst Radfahrer sind weiter uneins, ob das reicht.
Autofahrer, die im Schwabtunnel verbotenerweise Radfahrer überholen, haben in den vergangenen Wochen und Monaten eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Um den Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer zu erhöhen, hat die Stadtverwaltung Mitte September drei Maßnahmen in der Röhre, die den Stuttgarter Westen mit dem Süden verbindet, ergriffen.
Es gilt Tempo 30, in beide Richtungen sind auf den Fahrspuren mehrere Piktogramme eines Radfahrers aufgebracht worden und auf der durchgezogenen Linie wurden zahlreiche reflektierende Markierungsnägel eingesetzt. Beim Überfahren der Mitte wird ein Brummton erzeugt, den man auch im Inneren eines Autos kaum überhören kann.
Drei Schritte, um die Situation zu verbessern? Die Meinungen, ob sich die Sicherheit der Radfahrer in der 125 Meter langen Röhre erhöht hat, gehen auseinander. Auch unter Radfahrern. „Hier ist es schon sehr gefährlich“, sagt Maurice Leibacher, der regelmäßig bei Ausfahrten mit dem Rennrad durch den Schwabtunnel fährt. „Für kurze Strecken nehme ich aber auch mal mein Stadtrad und bin etwas langsamer unterwegs.“ Wie an vielen anderen Stellen in der Stadt werde man noch immer verbotswidrig überholt. „Die Maßnahmen haben nichts gebracht.“ Als direkter Anwohner stört ihn der Lärm aber noch mehr. „Das ist sehr ätzend.“ Er würde am liebsten die Durchfahrt komplett verbieten, könnte sich aber auch Blitzer vorstellen. „Das würde was bringen.“ Fahrer von Sportwagen, die in der Röhre absichtlich den Motor aufheulen lassen würden, seien selbst im ersten Gang zu schnell unterwegs.
„Ich fahre häufig durch den Schwabtunnel und habe in letzter Zeit keine schlechten Erfahrungen gemacht. Eigentlich nur gute“, sagt Melanie Will, die regelmäßig ihre Runde aus dem Westen über Heslach, Kaltental und die Radschnellstrecke Böblingen dreht. „Ich hatte hier noch nie ein schlechtes Gefühl oder gedacht, dass es brenzlig wird.“ Seit die „Bobbel“ in der Mitte der Fahrbahn angebracht worden seien, werde man noch seltener überholt. „Die meisten Autofahrer warten super lieb, in beide Richtungen. Vielleicht habe ich auch nur Glück gehabt oder bekomme als Frau etwas mehr Respekt?“ Die 32-Jährige kann zudem die Diskussionen um eine mögliche Sperrung nicht so ganz nachvollziehen. „Sie sorgen dafür, dass Autofahrer dann wütend auf Radfahrer sind. Das bringt nur unnötig Feuer rein. Zumal eine Sperrung für Autofahrer wirklich blöd wäre und lange Umwege mit sich bringen würde.“
CDU und FDP lehnen Sperrung ab
Verschiedene Interessensverbände wie der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) fordern die Einrichtung einer Umweltspur und somit eben diese einseitige Sperrung für den motorisierten Individualverkehr. Das lehnen Parteien wie die CDU und FDP strikt ab. Sie haben sich bereits im Vorfeld für die nun von der Stadt ergriffenen Maßnahmen ausgesprochen. Ebenso die SPD, die aber zeitnah eine Untersuchung der Situation fordert, um „gegebenenfalls weiter nachzusteuern“.
Dass die Gehwege im Tunnel für Radfahrer freigeben worden sind, bezeichnen die Sozialdemokraten indes als eine „Bankrotterklärung aus verkehrsplanerischer Sicht“. Ziel sei nicht, dass Radfahrer den Fußgängern den Platz wegnehmen würden. Ein älterer Herr kann diese Einschätzung nicht teilen. Er nutzt den Gehweg regelmäßig, um mit seinem Fahrrad von Heslach in den Stuttgarter Westen zu fahren. „Auf der Straße ist mir das zu stressig. Ich bin langsam unterwegs, will niemand blockieren. Wenn ich mit zehn oder maximal 15 Kilometern pro Stunde durch den Tunnel bergauf unterwegs bin und sich hinter mir eine Schlange bildet, komme ich mir blöd vor.“