Ähnlich surreal wie im Mai 2024 beim Rotorblatt-Transport für den Fellbacher Windpark auf der Schwäbischen Alb könnte es 2027 auch bei der Anlieferung zum Windpark Schurwald zugehen. Foto: Peter Hartung (Stadtwerke Fellbach)

Die Stadtwerke Fellbach und Schorndorf sowie die Energieversorgung Filstal peilen den neuen Windpark Schurwald an. Die Investitionskosten liegen bei gut 42 Millionen Euro.

Gut Ding? Will gelegentlich Weile haben. Dass es sich um ein „gut Ding“ handelt, davon sind zumindest die künftigen Betreiber des vorgesehenen Windparks vorbehaltlos überzeugt. Wobei sich die Realisierung des Projekts mittlerweile schon gut eineinhalb Jahrzehnte hinzieht. Dass die Windkraftnutzung im Schurwald wirklich so sinnvoll und notwendig ist, wie die Energieversorger behaupten, daran haben etliche Bewohner der Schurwaldhöhen allerdings durchaus ihre Zweifel.

 

Bereits seit 2012 ist die Idee in der Welt, nämlich einen Windpark auf jenem Gelände zu errichten, das einst als Bundeswehrdepot diente. Der Vorteil: Dort ist die Infrastruktur zum Beispiel mit asphaltierten Anfahrtswegen schon vorhanden und muss nicht extra gebaut werden.

300 Bürger bei der Infoveranstaltung

Als Betreiber des geplanten Projekts agieren drei regionale Energieversorger: die Stadtwerke Schorndorf, die Stadtwerke Fellbach (Rems-Murr-Kreis) und die Energieversorgung Filstal. Die in den Anfangsjahren ebenfalls noch beteiligten Stadtwerke Tübingen sind vor einiger Zeit ausgestiegen. Bei einer Informationsveranstaltung in der Schurwaldhalle in Schorndorf-Oberberken präsentierten die jeweiligen Geschäftsführer und ihre Fachleute das Windparkprojekt nun vor knapp 300 Bürgerinnen und Bürgern.

Vorgesehen sind nach manchen Planungsänderungen – so sind die mittlerweile vorgesehenen Anlagen deutlich leistungsfähiger – auf dem Areal an der Grenze zwischen dem Rems-Murr-Kreis und dem Landkreis Göppingen vier Windräder vom modernen Anlagentyp Vestas V172. Die Nabenhöhe liegt bei 175 Meter, der Rotordurchmesse kommt auf 172 Meter. Die Gesamthöhe, wenn das sich drehende Rotorblatt seine Spitze erreicht, liegt somit bei 261 Meter.

Die Gesamtnennleistung der vier Anlagen ist auf 28,8 Megawatt prognostiziert. „Jährlich werden hierdurch voraussichtlich rund 56 Millionen Kilowattstunden umweltfreundlicher Strom erzeugt“, berichtet der Fellbacher Stadtwerke-Geschäftsführer Gerhard Ammon – dies sei ausreichend zur Versorgung von etwa 22.500 Haushalten. Gleichzeitig tragen die Anlagen zur Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen um etwa 22.000 Tonnen bei.

Das Areal sei für diese Zwecke bestens geeignet, erläutert der Schorndorfer Stadtwerke-Chef Dirk Wernicke: „Der Standort bietet aufgrund seiner Windhöffigkeit, der Vorbelastungen durch das ehemalige Bundeswehrdepot, der Abstandsflächen und Netzanbindung ideale Bedingungen.“ Durch die Ausgleichsmaßnahmen, so Peter Naab von der Energieversorgung Filstal, „wird diese Fläche sogar aufgewertet“.

Intensive Debatte: Projektleiter Robert Bajic von den Stadtwerken Fellbach erläutert in der Schurwaldhalle das Konzept für den geplanten Windpark. Foto: Dirk Herrmann

Die gesamten Investitionskosten bezifferte Robert Bajic von den Stadtwerken Fellbach, die dank ihrer Vorerfahrung mit ihrem Windpark auf der Schwäbischen Alb auch bei diesem gemeinschaftlichen Schurwaldprojekt federführend agieren, auf 42 bis 45 Millionen Euro – rund 35 Millionen Euro kosten allein die vier Windräder, der Rest sind Baukosten, Netzanschluss, Projektentwicklung, Bodenverbesserung und Ausgleichsmaßnahmen. Die Laufzeit, in der die vier Windräder sich drehen werden, wird auf 25 bis 30 Jahre geschätzt.

Der Schorndorfer Oberbürgermeister Bernd Hornikel gab zu Beginn der Veranstaltung in seiner Begrüßung „ein persönliches, politisches Statement“ ab. Denn vor ziemlich genau vier Jahren hatte er bei seiner Bewerbungsrede zum OB-Posten auf der Bühne dieser Halle zum geplanten Windpark „aus dem Bauch heraus gesagt: Ich finde sie nicht schön. Und das finde ich immer noch.“

Allerdings habe sich die Welt verändert mit dem Überfall Putins auf die Ukraine, mit der Energiekrise „und Preisen, die keiner bezahlen kann“. Deshalb müsse man „resilienter werden“ – und „die einzige Möglichkeit ist der Windpark auf dem Schurwald“.

Hornikel, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Schorndorf ist, räumte vor den Zuhörern ein: „Meine Welt hat sich total verändert, ich halte diesen Windpark Schurwald für absolut alternativlos.“


Das brachte ihm aus dem Auditorium den knappen Zuruf „Blödsinn“ ein. Auch bei den anschließenden Informationsgesprächen in der Halle brachten die Gegner teils vehement ihre Argumente vor, etwa bezüglich der Lärmentwicklung der Anlagen oder der aus ihrer Sicht unzureichenden Abstände zur Wohnbebauung.

Schorndorfs OB Hornikel: Der Windpark kommt auf jeden Fall

Die Informationsveranstaltung wurde allerdings nach dem „Marktplatz“-Konzept umgesetzt: Es gab somit vier einzelne Themenbereiche, in denen die Interessierten ihre Fragen stellen konnten. Das erschwerte natürlich eine direkte Konfrontation. Geharnischte Statements oder Einsprüche gegen die positiven Darstellungen, die von einer lautstarken Unterstützerschar wirkungsvoll mit Beifall (oder Pfiffen) hätten quittiert werden können, waren also nicht möglich. Zudem war der Lärmpegel dank der Vielzahl an Gesprächen in der Halle recht hoch, sodass an den Ständen meist ein Meinungsaustausch von nur wenigen Personen möglich war.

Dass ein Windpark an diesem Standort GP 03, wie er offiziell heißt, entstehen wird, steht für den Schorndorfer Oberbürgermeister trotz aller Proteste ohnehin fest. „Dies ist ein unbestrittenes Vorranggebiet in der aktuellen Regionalplanung; der Windpark Schurwald wird kommen, ob Sie es wollen oder nicht. Denn wenn wir’s hier nicht machen, dann setzt es eben Forst BW mit der Energie Baden Württemberg um.“