Moderatorin Meis Alkhafaji und Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben, sprechen über den oscarprämierten Film „The Zone of Interest“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Fast 400 Schüler haben bei der Schulkinowoche den Film „The Zone of Interest“ über das Familienleben eines KZ-Kommandanten gesehen und danach mit Michael Blume, dem Antisemitisbeauftragten des Landes, darüber gesprochen. Auch über aktuelle Bezüge.

Die Zuschauerreihen im Innenstadtkino Gloria verschwinden im Dunkeln und damit auch ein ungewöhnliches Bild: Fast 400 Schülerinnen und Schüler sitzen im Publikum. Auf der Kinoleinwand eine Familie an einem Badesee in Aufbruchstimmung. Eine Frau hat ein Baby auf dem Arm, die größeren Kinder und der Familienvater tragen noch Badekleidung. Im fast vollen Kinosaal ist zunächst die Geräuschkulisse der plaudernden Schülern zu hören, dann wird es immer stiller – und bis zum Ende des Films nahezu geräuschlos.

 

Es sind 9. bis 13. Klassen aus fast zehn Schulen, die im Rahmen der Schulkinowoche an diesem Vormittag im Kino sitzen und sich den Film „The Zone of Interest“ ansehen. Der mit zwei Oscars prämierte Film von Regisseur Jonathan Glazer kam Anfang dieses Jahres in die deutschen Kinos. Im Zentrum von „The Zone of Interest“ steht die Familie von Rudolf Höß, der mehrere Jahre Kommandant des KZ Auschwitz war. Gezeigt wird das alltägliche Leben der Familie – im großzügigen Haus mit Garten, unmittelbar neben dem KZ.

Film erfordert Vorwissen

Auf der Bühne vor dem roten Vorhang, der sich nach dem Film vor die Leinwand schiebt, steht Michael Blume, Beauftragter der Landesregierung gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben. „Ich fand ihn bewegend, aber er erfordert auch sehr viel Wissen“, sagt er auf die Frage nach seinen Gefühlen nach dem Ende des Films, die ihm Moderatorin Meis Alkhafaji stellt, freiberufliche Trainerin zu unter anderem antimuslimischen Rassismus und Antisemitismus.

Blume spricht eine Szene aus dem Film an. Die Schwiegermutter von Rudolf Höß’ besucht die Familie, erzählt von einer Jüdin, bei der sie geputzt hat und ärgert sich, dass sie nach deren Deportation deren zum Verkauf preisgegebenen Vorhänge nicht bekommen hat. So ist es wirklich gewesen, betont Blume. Direkt nach Deportationen versuchten viele, schnell an deren Hab und Gut zu kommen, fährt er fort.

„Täter waren keine Monster“

Dass die Geschehnisse im KZ nur gestreift werden, sei aber auch ein Vorteil. Wenn Menschen direkt mit den schrecklichen Naziverbrechen konfrontiert werden, denken sie oft, dass die Täter Monster seien und nichts mit ihnen selbst zu tun hätten, sagt der Antisemitismusbeauftragte. Der Film dagegen zeige, dass die Naziverbrecher zwar Überzeugungstäter, aber zugleich auch ganz normale Menschen gewesen seien.

Diese Botschaft kommt an, wie ein Gespräch mit zwei Schülerinnen und einem Schüler des Friedrich-Eugens-Gymnasium zeigt. Der 18-jährigen Ana Trifkovic bleibt nach dem Film besonders eine Szene im Kopf, in der im engeren Sinne eigentlich nichts passiert. Die Kamera zeigt jeweils einige Sekunden lang Ausschnitte blühender Blumen im Garten, auf denen teilweise Bienen schwirren – im Hintergrund hört man Schreie und Schüsse.

Kontraste von Leben und Sterben

Auch dass Kommandant Höß am Telefon die SS-Männer anweist, beim Schneiden des Flieders an den KZ-Mauern vorsichtig zu sein und sich in einer Szene emotional von seinem Pferd verabschiedet, das er liebt – für Trifkovic „krasse Kontraste“. „Kontraste von Leben und Sterben“ diesseits und jenseits der KZ-Mauer, ergänzt der 17-jährige Linus Becker. Ihn beschäftigt die Szene, als Hedwig Höß ihre Wut über die Abreise ihrer Mutter an der Bediensteten auslässt, die bei ihr Zwangsarbeit verrichtet. Scheinbar nebenbei lässt Hedwig am Esstisch den Satz fallen, wenn sie wolle, könne sie dafür sorgen, dass die Asche der Zwangsbediensteten auf den Feldern verteilt werde.

Blume stellt auf der Bühne auch aktuelle Bezüge her. So sei er mehrmals gefragt worden, ob der Virologe Christian Drosten Jude sei – vermutlich nur, weil er Dinge erklärt habe, die die Menschen nicht hören wollten, weil er hochdeutsch spreche und in Berlin wohne. Und auch, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken und Bürger in Deutschland tun, als habe das nichts mit ihnen zu tun, griffen Mechanismen des Ausblendens von Verantwortung, sagte Blume.

Schüler über Medien erreichen

„Der Faschismus ist wieder da“, sagt Blume mit Blick auf globale Geschehnisse. Auch angesichts der nächsten Amtsperiode des designierten US-Präsidenten Donald Trump: „Die nächsten Jahre werden hart.“ Leute, die ein Problem mit dem Zusammenleben von Kulturen haben, hätten auch ein Problem mit Baden-Württemberg, da das Zusammenleben hier gut funktioniere – das bekomme er in seiner Funktion als Beauftragter ab.

Ohne die Veranstaltung hätten die meisten Schüler den Film wahrscheinlich nicht angeschaut, sagt Sandra Laib, Lehrerin des Friedrich-Eugens-Gymnasiums, über die Bedeutung der Vorführung für Schulen. Blume biete öfter solche Filmvorführungen mit Gespräch, sagte er. Seine Überzeugung: Man müsse die Schüler mit Medien abholen, denn Medien konsumierten alle.

Schulkinowoche

Schulkinowoche
Mehr als 100 Kinos öffnen noch bis 22. November im Rahmen der Schulkinowoche in Baden-Württemberg ihre Säle für Schulklassen aller Klassenstufen. Zu sehen sind 35 Dokumentationen, Trick-, Spiel- und Literaturfilme mit konkretem Bildungsplanbezug.