Nach den Schüssen auf einem Spielplatz in Weilimdorf rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob man hätte besser gegensteuern können. Ist der Ort schon länger ein Brennpunkt?
Die Schüsse vom vergangenen Samstagabend beschäftigen viele Menschen in Weilimdorf und über den Stadtbezirk hinaus. Gegen 22.45 Uhr waren auf dem Spielplatz „Beim Esel“ direkt neben der Lindenbachhalle wohl zwei Gruppen aneinander geraten. Ein 16-Jähriger wurde einige Zeit später mit einer Schussverletzung am Nordbahnhof gefunden.
Im Internet kursieren Videos, die flüchtende junge Männer zeigen und in einem anderen Fall einen Vermummten, der Passanten, die ihn ansprechen, mit einer Schusswaffe bedroht. Ob sie aus der Tatnacht stammen, ist noch offen.
Fest steht allerdings für so manchen in Weilimdorf, dass die Schüsse nur der traurige Höhepunkt einer Entwicklung sind, die schon länger andauere. Bereits am Sonntagvormittag, als die Polizei noch mit zahlreichen Beamten die umliegenden Straßen durchkämmte, äußerten sich Passanten in dieser Richtung. Die Rede war von Pöbeleien, brennenden Paletten und davon, dass manche Menschen Angst hatten, am Spielplatz vorbeizugehen.
Anwohner berichten von Gewalt und Drogenhandel
Am Tag danach kommen ähnliche Stimmen. „Die Zustände waren lange bekannt“, sagt ein früherer Anwohner, der 14 Jahre lang in der Solitudestraße gewohnt hat und dann weggezogen ist. Er selbst und Nachbarn hätten immer wieder die Polizei gerufen. Nachts habe es häufig Ruhestörungen gegeben, tagsüber sei mit Drogen gehandelt worden.
Ein Nachbar, der die Jugendlichen dort angesprochen habe, sei verprügelt worden. „Die Menschen haben sich nicht mehr getraut, da hinzugehen“, sagt der Mann, der angibt, bei der früheren Bezirksvorsteherin mehrmals deswegen vorstellig geworden zu sein. Auch die benachbarte Schule habe immer wieder Probleme gehabt, etwa durch Müll.
Bei der Stuttgarter Polizei äußert man sich zurückhaltend zur Lage rund um den Spielplatz in der Nähe des zentralen Löwenmarkts. Er sei bekanntermaßen ein Treffpunkt für Jugendliche, auch, weil er nicht gut einsehbar sei, sagt eine Sprecherin. Als Brennpunkt für Kriminalität werte das zuständige Revier den Spielplatz allerdings nicht.
Bezirksvorsteher „schockiert“
Bezirksvorsteher Julian Schahl sieht das differenziert. „Ich bin schockiert und extrem erschüttert von der Tat“, sagt er. Eine solche Eskalation sei nicht absehbar gewesen. Vor ein, zwei Jahren habe man schon einmal Probleme mit rivalisierenden Gruppen gehabt, das habe sich zuletzt aber wieder beruhigt, berichtet Schahl. Das liege auch am engen Austausch mit städtischen Ämtern und der Polizei, etwa in der jährlichen Sitzung des Sicherheitsbeirats, aber auch darüber hinaus.
Auch in der Einwohnerversammlung seien verschiedene Hotspots angesprochen worden, darunter der Spielplatz. „Viele von den Jugendlichen dort sind bekannt“, sagt Schahl. Die mobile Jugendarbeit sei dort präsent, habe ihre Anwesenheit intensiviert, auch nachts. Auch die Polizei schaue dort regelmäßig vorbei.
Man müsse jetzt die Hintergründe der Tat abwarten, sagt der Bezirksvorsteher. Er betont: „Weilimdorf gehört zu den sichersten Stadtbezirken in Stuttgart. Aber wir nehmen die Sorgen der Leute ernst. Wir können jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“ Als erster Schritt wird der Vorfall außerhalb der Tagesordnung an diesem Mittwoch im Bezirksbeirat Thema sein. Von 17.30 Uhr an werden Vertreter von Polizei und mobiler Jugendarbeit im Bezirksrathaus Fragen beantworten.
Vielleicht sieht man bald klarer, was da auf dem Spielplatz genau passiert ist – und woher die Beteiligten kommen. In der Nacht auf Montag haben Spezialeinsatzkommandos Häuser in Feuerbach und Gerlingen durchsucht. Dabei sind zwei Männer festgenommen worden.